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Kein Schlaraffenland

Blinde über den hektischen Bahnhof führen, Rollstuhlfahrer in den richtigen Zug setzen und Hilfe am Zielbahnhof organisieren - seit 14 Jahren kümmert sich Marianne Heine (73) ehrenamtlich im Auftrag der Bahnhofsmission (BM).

23.11.2007

Kein Schlaraffenland

<p>Helfer in der Not: die ehrenamtliche Mitarbeiterin Marianne Heine (l.) und Leiterin Swetlana Berg. Belouanas</p>

"Mit 55 waren meine vier Kinder aus dem Haus, da fiel ich in ein tiefes Loch", resümiert die Körnerin. Als Hausfrau und Mutter jahrelang raus aus dem Job einer kaufmännischen Angestellten, hätte sie niemand mehr eingestellt. Also machte sie eine Ausbildung zur Schwesternhelferin, bevor sie ihr Wunsch zu helfen in das kleine, rote Backsteingebäude auf Gleis 2-5 des Hauptbahnhofs führte.

Computer und Regale in der Küche, ein paar Tische und Stühle für Besucher. Viel Platz gibt es nicht. "Aber die Arbeit hält mich jung und beweglich, auch im Kopf", weiß die rüstige Rentnerin. "So ruhig wie heute ist es nicht immer", sagt sie und rührt in ihrem Kaffee. "Die Leute kommen spontan, immer wieder muss ich mich auf neue Menschen und Situationen einstellen."

Was den Umgang mit Betrunkenen oder psychisch Kranken betrifft, besuchen Heine und ihre 29 ehrenamtlichen Kollegen regelmäßig Schulungen. Sie könne jederzeit den stillen Alarm auslösen, sagt sie, und deutet auf das Geheimversteck. Dann sei die Polizei in Sekundenschnelle da. "Gebrauch machen musste ich davon noch nie", freut sie sich.

Einigen Menschen merkt sie an, dass sie Hemmungen haben, in die BM zu kommen. "Die denken, hier gäbe es nur kostenlose Suppe für Obdachlose, aber das stimmt nicht. Wir helfen jedem", sagt sie, während eine Kollegin Kaffee kocht. Vielleicht kommt ja gleich jemand, der sich aufwärmen möchte.

Vor drei Jahren verirrte sich ein Lufthansapilot in die BM. Auf der Fahrt zum Flughafen hatte er eine Raucherpause eingelegt - bis sein Zug samt Gepäck und Papieren ohne ihn weiterfuhr. "Wir haben ihm eine Fahrkarte gegeben, damit er nach Bielefeld hinterherfahren und seine Sachen abholen konnte. Abends kam er freudestrahlend zurück, erstattete den Fahrpreis und schenkte uns allen eine Rose."

Die BM sei aber kein Schlaraffenland, wo es alles für lau gebe. Manche versuchten schon, die soziale Einrichtung auszunutzen. Dann leistet Marianne Heine "Hilfe zur Selbsthilfe". Wer essen will oder eine Übernachtungs- und Duschmöglichkeit sucht, bekommt einen Zettel mit Adressen in die Hand gedrückt. Wem gerade Ticket und Börse gestohlen wurden, dem assistieren die blau uniformierten Missionsmitarbeiter schon mal vorm Zugbegleiter. "Es liegt in seinem Ermessen, ob er den Fahrgast trotzdem mitnimmt - auf Rechnung", erklärt Heine.

Wie lange sie den Job noch machen will? "Bis 90 bestimmt nicht. Auf wackeligen Beinen wäre ich Blinden keine Hilfe mehr. Aber solange mich unsere Leiterin noch nimmt, bleibe ich dabei." Bianca Belouanas

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