Drosten-Studie: Kinder sind genauso infektiös wie Erwachsene

Coronavirus

Der Virologe Christian Drosten und sein Team haben eine neue Corona-Studie veröffentlicht. Deswegen seien eine unbegrenzte Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten nicht ratsam.

Berlin/Shanghai/Shenzhen/Heidelberg

von Laura Beigel

, 01.05.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
In seiner neuesten Studie warnt Top-Virologe Christian Drosten vor einer vorschnellen Wiedereröffnung von Schulen und Kitas.

In seiner neuesten Studie warnt Top-Virologe Christian Drosten vor einer vorschnellen Wiedereröffnung von Schulen und Kitas. © picture alliance/dpa

Welche Rolle spielen Kinder bei der Verbreitung des Coronavirus? Diese Frage ist noch weitgehend ungeklärt – und dürfte auch in der hitzigen Debatte um mögliche Kita- und Schulöffnungen eine wichtige Rolle spielen.

“In der gegenwärtigen Situation müssen wir vor einer unbegrenzten Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten warnen”, macht jetzt ein Forscherteam um den Virologen Prof. Christian Drosten in einer neuen Studie deutlich, die die Berliner Charité am Mittwoch veröffentlicht hat.

Corona-Studie: Mehr als 3000 Testpersonen

Dieser Warnung geht die Erkenntnis voraus, dass Kinder den Sars-CoV-2-Erreger genauso leicht übertragen können wie Erwachsene. In ihrer Studie, die noch nicht von unabhängigen Experten geprüft wurde, untersuchten die Forscher bei 3712 infizierten Patienten die Menge der Viruslast im Hals. Die Untersuchunge fanden zwischen Januar und 26. April in einem Berliner Testzentrum statt. Bei der Auswertung unterschieden die Forscher nach Alters-Kategorien:

  • 0 bis sechs Jahre (37 positiv getestete Patienten)
  • sieben bis elf Jahre (16 positiv getestete Patienten)
  • zwölf bis 19 Jahre (74 positiv getestete Patienten)
  • 20 bis 25 Jahre (267 positiv getestete Patienten)
  • 26 bis 45 Jahre (1247 positiv getestete Patienten)
  • 45+ Jahre (2071 positiv getestete Patienten)

Kinder zeigen häufig weniger Corona-Symptome

Das Ergebnis: “In unserer Studie stieg die Virusdetektionsrate mit dem Alter der getesteten Patienten stetig an”, schreiben die Forscher. Je älter die Testpersonen, desto größer war auch die Menge an gefundener Viruslast. Die Untersuchungen zeigten aber, dass es “keine signifikanten Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen gibt”, stellt Drosten auf seinem Twitter-Account klar.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zeigten in vielen Ländern Wirkung, schreiben die Forscher. Mit Lockerung der Kontaktbeschränkungen gebe es vermehrt auch Diskussionen darüber, inwieweit die Schließung von Schulen und Kindergärten zu diesem Erfolg beigetragen hat – und wie sich eine Wiedereröffnung auf die Ausbreitung des Virus auswirken könnte.

Ansteckungsgefahr in Schulen und Kitas - schwer zu messen

Bisher sei unklar, inwieweit Kinder das Virus an andere weitergeben. Die Untersuchung dieser Frage sei schwierig, gerade weil die Schulen früh geschlossen wurden und weil das Virus vor allem in der Anfangsphase der Epidemie vor allem von erwachsenen Reisenden weitergegeben wurde.

Bei der Beurteilung der Ansteckungsgefahr in Schulen und Kindergärten müssten die gleichen Annahmen zugrunde gelegt werden, die auch für Erwachsene gelten, schreiben die Forscher.

“Bei der Verbreitung des Virus spielen Kinder nach derzeitigem Kenntnisstand die gleiche Rolle wie Erwachsene”, betonte zuletzt auch Prof. Dr. Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts, bei einer Pressekonferenz.

Das Problem bei der Suche nach aussagekräftigen Daten: In den meisten klinischen Studien sind Kinder unterrepräsentiert, weil sie im Vergleich zu älteren Menschen häufig weniger beziehungsweise kaum Symptome zeigen.

Schul- und Kitaschließungen haben Epidemie verzögert

Darauf weist eine Studie aus der chinesischen Millionenmetropole Shenzhen hin, die auf dem Preprint-Server MedRxiv publiziert wurde. Analysiert wurden knapp 400 Infizierte und ihre fast 1300 Kontakte. “Wir zeigen, dass Kinder ein ähnliches Infektionsrisiko haben wie die Allgemeinbevölkerung, obwohl es weniger wahrscheinlich ist, dass sie schwere Symptome haben", heißt es in den Ergebnissen.

Ein wichtiger Einflussfaktor, der die Ausbreitung des Coronavirus verzögert hat, sei nach Erkenntnissen der Fudan-Universität aus Shanghai auch die frühzeitige Schließung von Schulen gewesen. "Die proaktiven Schulschließungen haben allein zwar nicht die Virus-Übertragung stoppen können, aber sie haben die Zahl der Neuinfektionen auf dem Höhepunkt der Epidemie um 40 bis 60 Prozent gesenkt.”

Auf die positiven Effekte der frühzeitigen Schul- und Kitaschließungen verweist auch die Studie der Berliner Charité. Dadurch sei die Wahrscheinlichkeit verringert worden, dass Kinder das Virus unbemerkt mit nach Hause bringen.

Baden-Württemberg untersucht rund 2000 Kinder

Eine weitere Studie, die die Übertragung des Coronavirus bei Kindern und Erwachsenen untersucht, wird derzeit noch von den baden-württembergischen Universitätskliniken durchgeführt – unter der Leitung der Uniklinik Heidelberg. Dabei wollen die Mediziner Rachenabstriche von rund 2000 Kindern im Alter von ein bis zehn Jahren und jeweils einem Elternteil nehmen.

“Unser Ziel ist es, zu einer wissenschaftlichen Grundlage für wichtige politische und gesellschaftliche Entscheidungen beizutragen: Was ist der aktuelle Stand in Baden-Württemberg im Hinblick auf Öffnungen von Kitas, Kindergärten und Schulen für die Sicherheit der Kinder, ihrer Familien und der Mitarbeiter?”, teilt das Uniklinikum Heidelberg mit.

Die Wissenschaftler untersuchen, wie viele Kinder und deren Eltern aktuell infiziert sind oder bereits Kontakt zum Corona-Virus hatten und daraufhin Antikörper als Abwehrstoffe gebildet haben.

Die Forscher erwarten unter anderem Hinweise darauf, ob es Unterschiede in der Infektionsrate gibt, inwieweit sich Kinder und ihre Eltern gegenseitig mit dem Virus anstecken und inwieweit Wohnsituation und Beruf der Eltern hierbei eine Rolle spielen. Besonders wichtig sei ein möglicher Unterschied bei Kindern, welche in Notbetreuungen weiterhin mit anderen Kindern Kontakt haben gegenüber Kindern, welche ausschließlich in der Kernfamilie leben.

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