Druck der Corona-Krise ist keine Entschuldigung für unsaubere Forschung

Corona-Exit

Wissenschaftler arbeiten unter Hochdruck: Erkenntnisse über das Coronavirus sind der Schlüssel zur Eindämmung der Pandemie. Schnelligkeit dürfe nicht vor Gründlichkeit kommen, mahnen Experten.

Pittsburgh/Montreal

24.04.2020, 07:44 Uhr / Lesedauer: 2 min
In Zeiten der Corona-Pandemie werden bei der Durchführung und Veröffentlichung wissenschaftlicher Studien gängige Qualitätsstandards häufig vernachlässigt, beklagen zwei Wissenschaftsethiker im Fachblatt “Science”.

In Zeiten der Corona-Pandemie werden bei der Durchführung und Veröffentlichung wissenschaftlicher Studien gängige Qualitätsstandards häufig vernachlässigt, beklagen zwei Wissenschaftsethiker im Fachblatt “Science”. © picture alliance/dpa

Schlecht konzipiert, unbegründet und mangelhaft ausgeführt: In Zeiten der Corona-Pandemie werden bei der Durchführung und Veröffentlichung wissenschaftlicher Studien gängige Qualitätsstandards häufig vernachlässigt.

Hastig durchgeführte Studien: knappe Ressourcen verschwendet

Das beklagen zwei Wissenschaftsethiker im Fachblatt “Science”. Die fieberhafte Suche nach einer Impfung oder einem Medikament gegen Covid-19-Infektionen dürfe aber nicht dazu führen, dass Forscher es an Sorgfalt fehlen lassen. Hastig durchgeführte Studien könnten dazu führen, dass ohnehin knappe Ressourcen verschwendet und falsche Fährten verfolgt würden.

Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina betonen, wie wichtig es gerade für die Bekämpfung der Pandemie sei, an den Grundregeln guter wissenschaftlicher Praxis festzuhalten.

US-Studien zu Malariamittel am Pranger

Angesichts der derzeitigen “Flut klinischer Studien” mahnen Alex John London von der US-amerikanischen Carnegie-Mellon-Universität und Jonathan Kimmelman von der kanadischen McGill-Universität in einem Meinungsartikel, dass Dringlichkeit keine Entschuldigung dafür sein dürfe, wissenschaftliche Standards zu vernachlässigen.

Konkret nennen die beiden zum einen die Gefahr, dass die gerade in einer Krise knappen Mittel nicht zielgerichtet eingesetzt würden und führen als Beispiel 18 klinische Studien an, in deren Rahmen in den USA aktuell die Wirksamkeit des Malariamittels Hydroxychloroquin getestet werde.

“Diese massive Anstrengung konzentriert die Ressourcen auf nahezu identische klinische Hypothesen, schafft Wettbewerb um Rekrutierung und vernachlässigt die Möglichkeit, andere klinische Hypothesen zu testen”, schreiben sie.

Überprüfung der Studien durch unabhängige Wissenschaftler fehlt

Zum anderen würden derzeit viele Forschungspapiere auf sogenannten Preprint-Servern veröffentlicht. Das ist ein an sich normaler Bestandteil des wissenschaftlichen Publikationsprozess, bei dem Forscher ihre Ergebnisse vorab zur Verfügung stellen. Dann ist allerdings noch kein “Peer Review” erfolgt.

Darunter versteht man die Prüfung eingereichter Studien durch unabhängige Wissenschaftler vor der Veröffentlichung in einem Fachmagazin. “Scharen von Forschungsarbeiten wurden auf Preprint-Server übertragen, wodurch die Peer Review im Grunde an praktizierende Ärzte und Journalisten ausgelagert wurde”, kritisieren London und Kimmelman.

Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) findet es problematisch, wenn außerhalb der Wissenschaft versucht wird, Ergebnisse einzuordnen, die kein Peer Review durchlaufen haben. Grundsätzlich sei es aber erfreulich, dass Forschungsdaten unverzüglich und ohne Konkurrenzdenken geteilt werden. “Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten dabei jedoch stets klar und nachvollziehbar die Vorläufigkeit der Forschungsergebnisse kennzeichnen und dies auch offen kommunizieren”, teilte die DFG mit.

Fünf entscheidende Qualitätskriterien vorgeschlagen

London und Kimmelman schlagen fünf Qualitätskriterien vor, die gerade jetzt von Akteuren aus Forschung und Gesundheitswesen beachtet werden sollten: So sollte für eine Studie entscheidend sein, wie wichtig sie sei, um vorhandene Forschungslücken zu schließen. Eine präzise Konzeption, analytische Integrität, Transparenz und schließlich Machbarkeit seien weitere wesentliche Kriterien.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina betont, wie unabdingbar eine klare Orientierung an hohen wissenschaftlichen Qualitätsstandards angesichts der Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Bekämpfung der Pandemie sei. “Eine wissenschaftliche Disziplin, die sich davon verabschiedete, würde vollkommen zurecht mittel- und langfristig Akzeptanz nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Öffentlichkeit einbüßen.”

Nur dank ihrer hohen Qualitätsstandards könne die Wissenschaft effektiv dazu beitragen, dass über Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, über die praktische Umsetzung von Forschungsresultaten und über die Förderung von Forschungsvorhaben so kompetent wie möglich entschieden werde.

RND/dpa

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