Für den einen bedeuten Kinder das Ende der eigenen Freiheit. Anderen macht der Nachwuchs das Glück perfekt. Drei unterschiedliche Sichtweisen.

Selm

, 27.11.2018, 11:28 Uhr / Lesedauer: 6 min

Alles begann mit einer missglückten Reise. Der Nordkirchener Carsten Sprung (41), damals Anfang 30, war auf der Suche. Auf der Suche nach der Frau fürs Leben. „Das war schon immer mein Traum“, sagt der heute 41-Jährige. „Heiraten, Kinder haben und ein eigenes Haus.“ Häufig von Pärchen umgeben, tief im Freundeskreis aus der Jugend verwurzelt und beruflich viel unterwegs war es für den Diplom-Ingenieur, der aus dem Oldenburger Raum stammt, jedoch gar nicht so leicht, eine Frau kennenzulernen.

„Und dann habe ich mir gedacht: Mach mal so eine Single-Reise“, sagt Carsten Sprung und lacht. Schließlich wollte er sich mit Menschen umgeben, die potenziell das Gleiche suchen wie er. „Aber es war schrecklich, da wurde gebaggert ohne Ende - das ging gar nicht.“ Doch trotz der Ernüchterung barg die Single-Reise auch eine Chance: „Wir haben eine Probemitgliedschaft für ein Datingportal bekommen,“ erzählt Carsten Sprung. Und das habe er dann einfach einmal ausprobiert.

„Seit 34 Jahren Frau und Kinder erfolgreich vermieden“

Im Gegensatz zu Carsten Sprung hatte der Selmer Tim Speicher (34) nie den Wunsch, eine Familie zu gründen. „Ich habe seit 34 Jahren Frau und Kinder erfolgreich vermieden“, sagt der 34-Jährige, der im Sicherheitsbereich bei Evonic arbeitet. Für ihn sei Heiraten nie ein Thema gewesen. Alleine sei man einfach freier - und habe auch mehr Geld übrig, beispielsweise für Reisen. „Ich bin zum Beispiel vor Kurzem spontan auf die Malediven geflogen“, erzählt er. „Und ich musste mich mit niemandem abstimmen.“

Familie gründen oder unabhängig bleiben? „Die Kinder sind die Krönung unseres Glücks!“

Für Tim Speicher kam es nie in Frage, zu heiraten oder Kinder zu bekommen. Seine persönliche Freiheit ist ihm wichtiger - und seine beiden Chihuahuas Lucky und Paul. © CAROLIN WEST

Eines musste Tim Speicher dann aber doch absprechen: Seine zwei Hunde, die Chihuahuas Lucky und Paul, mussten während seiner Abwesenheit versorgt werden. Oft kümmern sich seine Eltern, die im selben Haus in der unteren Etage wohnen, um die beiden Vierbeiner. „Ich bin ein Egoist“, stellt Tim Speicher klar. Aber die Hunde seien wichtig für ihn. „Hunde sind treue Seelen. Ihre Liebe ist ehrlich.“

Strukturelle und soziale Entwicklungen

Es gebe verschiedene Gründe, aus denen Menschen einen bestimmten Lebensweg wählen, sagt die Familiensoziologin Dr. Julia Hahmann, die an der Universität Vechta lehrt. „Es kommt häufig auf das Umfeld an“, sagt sie. „Für manche ist es wichtig, eine Familie zu gründen, wenn das in ihrem Umfeld vorgelebt wird und üblich ist.“ Es gebe jedoch immer mehr Zwischenmodelle. Einerseits, weil sich Menschen nicht entscheiden können oder wollen. Andererseits, weil sich die Jugendphase durch eine lange Studien- oder Ausbildungszeit verlängert. „Menschen sind länger nicht sesshaft“, sagt Dr. Julia Hahmann. „Außerdem gibt häufig befristete Arbeitsverträge, die eine gewisse Unsicherheit mit sich bringen.“ Die beeinflusse dann auch die Lebensplanung. Jedoch sei nicht alles plan- oder beeinflussbar.

„Es gibt strukturelle und soziale Entwicklungen, die die Lebenswege der Menschen beeinflussen“, sagt Dr. Julia Hahmann. So verlängere sich zum Beispiel die Ausbildungszeit oder es kommen Auslandsjahre und Praktika zur regulären Ausbildungszeit hinzu. Dadurch verschiebe sich die Familiengründung oft nach hinten. Auch, weil Frauen immer häufiger beruflich Fuß fassen und sich selbst finanzieren möchten, bevor sie an die Familienplanung denken, als früher.

Erst die Karriere, dann die Familie

So hat es auch Julia Sandhowe (29) gemacht: Sie hat für sich einen Mittelweg zwischen Karriere und Familie gefunden. „Ich habe erst meine Ausbildung und dann auch eineinhalb Jahre lang meinen Meister in Hörakustik gemacht“, erzählt die 29-jährige Selmerin. „Ich wollte einfach nicht das kleinste Glied in der Kette sein.“ Mit ihrem Meister kann sie ein eigenes Fachgeschäft leiten und Nachwuchskräfte ausbilden. „Ich wollte erst eine Familie gründen, wenn ich etwas erreicht habe“, sagt Julia Sandhowe. So könne sie auch ein Vorbild für ihre Kinder sein.

Bei allen Karriereplänen sei für sie immer klar gewesen, dass sie heiraten und Kinder haben möchte. Den richtigen Partner dafür lernte sie vor fünf Jahren kennen: Christian Sandhowe (32). Bei einem Stadtfest lernten sie sich über Freunde kennen. „Ich wusste schnell, dass er der Richtige ist“, sagt Julia Sandhowe. „Den heirate ich mal, dachte ich.“

Familienglück gefunden - dank Internet

Nach knapp fünf Jahren Partnersuche im Internet ist auch Carsten Sprung fündig geworden. „Wir hatten einfach unabhängig voneinander denselben Lebenstraum“, sagt er und lächelt Ehefrau Sandra (41), die neben ihm auf dem Sofa sitzt, an. „Und dabei wollte ich erst eigentlich gar nicht“, sagt Sandra Sprung. Denn beim Vergleich ihrer beiden Profile konnte sie keinerlei Gemeinsamkeiten feststellen. Er spielt Handball, sie reitet. Er bevorzugt klassische Musik, die ihr eher nicht gefällt. „Worüber sollten wir uns denn austauschen? Das habe ich mich gefragt“, sagt Sandra Sprung.

Außerdem habe sie im Februar 2012, als Carsten Sprung sie anschrieb, eigentlich von der Partnersuche „die Nase voll“ gehabt. Nach einigen Enttäuschungen habe sie sogar eine Wunschliste geschrieben. „Ich habe überlegt, was der Mann haben muss, mit dem ich glücklich werden kann und der mit mir glücklich sein kann“, erzählt Sandra Sprung. Als die gebürtige Berlinerin Carsten Sprung kennenlernte, hatte sie die Liste längst vergessen. Und trotz aller Unterschiede trafen sich die beiden, die damals in Dortmund und Unna wohnten.

„Wir fangen nichts leichtfertig an“

Gefunkt habe es dann nach wenigen Wochen. „Wir wussten beide, dass wir nichts leichtfertig anfangen“, sagt Carsten Sprung. Wenn, dann sollte es etwas Ernstes sein. Richtig ernst wurde es dann schon neun Monate nach dem Kennenlernen. „Wir wussten, wenn wir Kinder haben möchten, können wir nicht ewig warten“, sagt Carsten Sprung. „Und außerdem: Wir wollten das. Worauf sollten wir warten?“, fügt seine Frau hinzu und nimmt seine Hand.

Und nach dem vorsichtigen Herantasten ging dann, als sie sich füreinander entschieden hatten, auch alles Schlag auf Schlag: Im August 2013 gaben sich Sandra und Carsten Sprung das Ja-Wort, im Mai 2014 kam ihre erste Tochter Laura zur Welt, zwei Jahre später wurde Nele geboren. Und im selben Jahr zog die Familie ins Eigenheim nach Nordkirchen. „Wir hätten nie gedacht, dass das alles so schnell klappt“, sagt Carsten Sprung. Immer wieder lächeln er und seine Frau sich an, während sie ihre Geschichte erzählen.

Alle Wünsche haben sich erfüllt

Irgendwann in den sechs Jahren, die das Ehepaar Sprung nun gemeinsam durchs Leben geht, hat Sandra Sprung auch ihre Wunschliste wiedergefunden. Und ihr heutiger Ehemann schnitt dabei gut ab. „Mehr als 90 Prozent Übereinstimmung“, sagt Sandra Sprung. „Seitdem empfehle ich jeder Freundin, sich klar zu machen, was sie möchte und das auch aufzuschreiben.“ Ihren eigenen Wunschzettel habe sie bis heute aufgehoben, irgendwo auf dem Dachboden.

Und auch bei den Prozenten, die nicht ganz übereinstimmen - beispielsweise, was Musik und Sport angeht -, haben die Sprungs inzwischen Kompromisse gefunden. „Ich sterbe nicht, wenn ich mir mal ein Pferd angucke - ich muss mich ja nicht drauf setzen“, sagt Carsten Sprung. Dafür gehe Ehefrau Sandra mit ihm zu Klassik-Konzerten. „Man kann ja auch viele Sachen tun, weil man sich einfach liebt“, erklärt Carsten Sprung.

Jede zweite Ehe wird geschieden

Tim Speicher wäre dazu nicht bereit. „Ich kann Motorrad fahren, Urlaub machen, wann ich möchte, muss nicht zum Elternsprechtag, in die Kita oder zu Sportvereinen. Und ich muss nicht auf meine Wortwahl achten“, sagt er und grinst. Gerade nach einer langen Schicht sei er froh, einfach nach Hause zu kommen und seine Ruhe zu haben. Im Gegensatz zu seinen Freunden, von denen einige in festen Partnerschaften leben und manche bereits Kinder haben, kann sich Tim Speicher nicht vorstellen, sich auf Dauer mit einer Partnerin abzustimmen.

„Außerdem muss man es ja auch einmal so sehen: Jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden“, sagt er und nimmt einen seiner Hunde auf den Schoß. „Heute steht man vieles nicht mehr zusammen durch, weil eine Scheidung oder Trennung kein Akt mehr ist.“

Selbst entschieden oder einfach passiert?

Grundsätzlich gebe es heutzutage mehr Freiheiten, was die Variation an Lebenswegen angeht, so Dr. Julia Hahmann. Es sei legitim, keine Familie zu gründen - man werde dadurch nicht mehr stigmatisiert. Etwas, das gerade in der Nachkriegszeit, vor allem in den 50er Jahren, undenkbar gewesen wäre. „Damals waren die Ansichten sehr konservativ“, sagt die Familiensoziologin. „Das klassische Familienmodell war vorherrschend.“ Heute gebe es mehr Möglichkeiten und Freiheiten.

Das bringe jedoch auch eine gewisse Unsicherheit mit sich. Zudem komme es immer darauf an, ob man sich für etwas bewusst entschieden habe oder es einfach passiert ist. „Es gibt Studien, dass ein Single, der sich nicht dazu entschieden hat, unglücklicher ist, als jemand, der ‚überzeugter‘ Single ist“, erklärt Dr. Julia Hahmann. Generell gebe es keine Entscheidungshilfen, für jemanden, der unsicher ist, da jeder Lebensweg individuell sei. „Am besten helfen da vermutlich Gespräche mit Freunden oder der Familie.“

Konzentration auf die Kinder

Julia und Christian Sandhowe entschieden sich bewusst dazu, ihr Leben miteinander zu verbringen. Nach der Hochzeit im Jahr 2015 machten die Geburten ihrer beiden Söhne, Felix und Lukas, das Familienglück perfekt. „Und weil ich meine Ausbildung schon vor der Geburt der Kinder komplett abgeschlossen haben, kann ich mich jetzt voll auf die Kinder konzentrieren“, sagt Julia Sandhowe. „Ich muss mich nicht nebenberuflich mit Weiterbildungen herumschlagen.“ Ab dem kommenden Jahr könnte sie sich dann aber vorstellen, langsam wieder in den Beruf einzusteigen.

Familie gründen oder unabhängig bleiben? „Die Kinder sind die Krönung unseres Glücks!“

© CAROLIN WEST

Als nächstes wird aber erst einmal ein Hundewelpe die Familie komplettieren. „Ich wollte immer ein Mädchen haben, jetzt bekomme ich eben einen Mädchen-Dackel“, sagt Julia Sandhowe. Dennoch: Ihre Söhne bleiben ihr größtes Glück. „Man kann sich nie vorstellen, wie schön es ist, Kinder zu haben, bevor man welche hat.“

Unterhalt zahlen und die Kinder nicht sehen

Doch auch Kinder kommen für Tim Speicher nicht in Frage. „Dann trennt man sich, muss Unterhalt zahlen und sieht die Kinder oft nicht“, sagt er. Statt eigene Kinder zu haben, kümmert er sich lieber ab und zu um sein Patenkind. Speichers Eltern akzeptieren, dass sie keine Enkelkinder haben werden. „Eine Frau an meiner Seite würden ihnen aber schon gefallen“, sagt Tim Speicher. „Aber die muss ja auch erst einmal zu mir passen, und das kann ich mir nicht vorstellen.“

Denn Frauen in seinem Alter hätten oft Torschlusspanik, könnten nicht akzeptieren, dass er nicht heiraten und keine Kinder haben möchte. Wenn, dann gehe er eher mit jüngeren Frauen aus. „Aber das passt dann charakterlich oft nicht.“ Und so sei er ohne feste Partnerin zufriedener.

„Wir lernen uns immer noch kennen“

Carsten und Sandra Sprung hingegen können sich ein Leben ohne einander nicht mehr vorstellen. „Wir sind da so reingestolpert und lernen uns in manchen Phasen immer noch kennen“, sagt Carsten Sprung. „Aber im Grunde halten wir unseren Lebenstraum in den Händen.“ Besonders bei Erziehungsfragen komme es hier und da zu Unstimmigkeiten - auch, weil Sandra Sprung Diplom-Pädagogin ist. „Sie ist da sehr versiert“, sagt Carsten Sprung und lächelt seine Frau an. „Aber bei manchen Dingen hat einfach jeder seine eigenen Überzeugungen.“

Doch im Endeffekt seien alle Streitgründe nur Kleinigkeiten. „Für uns ist immer wichtig, dass keiner aus dem Haus oder ins Bett geht, ohne dass der Streit beendet wurde“, sagt Sandra Sprung. Und für sie und ihren Mann sei vor allem eines wichtig: Dass es den Kindern gut geht. „Die Kinder sind die Krönung unseres Glücks“, sagt Carsten Sprung.

Lesen Sie jetzt