Isabelle Huppert führt im Kino ein Doppelleben im Drogengeschäft

mlzFilm-Kritik

Eine Kriminalposse aus Frankreich: In „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ startet Isabelle Huppert eine heimliche Karriere im Haschisch-Geschäft. Der Film ist ganz um sie herum gestrickt.

Dortmund

, 05.10.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine ältere Dame, die im Drogengeschäft groß herauskommt? 2013 kam „Paulette“ ins Kino, ein französischer Film mit eben diesem Plot. Aus Frankreich stammt auch die Kriminalposse „Eine Frau mit berauschenden Talenten“, wo Isabelle Huppert in Paulettes Fußstapfen tritt und sich zur Hasch-Dealerin aufschwingt.

Eine Tonne Haschisch

Im Grunde ist die Romanadaption von Jean-Paul Salomé ein großes Solo für die Huppert, die gerne Figuren mit Abgründen spielt und sich hier im Feld der leichteren Muse tummeln darf.

Schwere Themen (Kriminalität unter Migranten, das Strafrecht für Drogendelikte) schimmern wohl durch, doch an einer Sozialstudie ist der Film nicht wirklich interessiert. Seine arabischen „Gorillas“ bleiben Klischees, aufgepumpte schwere Jungs, die nicht lange fackeln, wenn sie fuchsteufelswild ihrem verlorenen Stoff nachjagen.

Eine Tonne Hasch ist futsch. Der Kurierfahrer hat sie versteckt, als man ihn telefonisch warnte, dass die Polizei ihn beschatte. Durchgestochen wurde die Warnung von Patience (Isabelle Huppert), Dolmetscherin im Polizeidienst.

Dolmetscherin für Arabisch

Ihr Vater kam aus Algerien, Patience spricht Arabisch. Sie übersetzt Verhöre und protokolliert abgehörte Telefonate. Als sie dabei merkt, dass sie die Mama des Drogenkuriers kennt (als Altenpflegerin ihrer Mutter), schlägt sie sich auf dessen Seite.

Auftakt eines gefährlichen Spiels – am Ende führt Patience ein Doppelleben. Wobei sie sich ganz schön gerissen anstellt. Nicht nur, dass sie im Alleingang eine Tonne Hasch in ihren Keller schafft. Sie heuert auch zwei Kleinganoven an, die den Stoff auf die Straße und unter die Leute bringen.

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Von hehren Motiven ist nichts zu sehen, Madame braucht einfach Geld. Patience steht beim Altenheim in der Kreide und bei ihrer Hausverwaltung. Diese Probleme wären gelöst, neue tun sich auf. Die Polizei hat die Verkäufer auf dem Radar, die Übergabe von Geld und Ware wird riskant. Patiences Tarnung als Muslima mit Kopftuch könnte auffliegen...

Keine großen Lacher oder Schenkelklopfer

Unterschwellige Thrillerspannung gesellt sich zu komödiantischen Tönen. Die Komik bleibt moderat, sie zielt nicht auf große Lacher und Schenkelklopfer. Der Humor ist subtiler und eher beiläufig gestreut. Die beiden Kleindealer entpuppen sich als hemdsärmelige Simpel.

Die Dolmetscherin lügt bei den Übersetzungen das Blaue vom Himmel herunter und sabotiert die Fahndung nach ihr selbst. Während sie heiße Ware durch die Gegend kutschiert, hört Patience französischen Gangsta-Rap.

Man hätte aus dieser Geschichte eine Vollklamotte machen können, wolkige und überdrehte Momente gibt es auch. Isabelle Huppert zieht dem Ganzen durch ihr Spiel die Erdung ein. Nie gehen ihr die Gäule durch, immer bewegt sie sich im Feld von Ernst und Wahrhaftigkeit.

Eine Figur mit Tiefe

Was der Film bei aller Nähe zur Posse an Tiefe zeigt, liegt in der Figur der Patience und der Ausgestaltung durch Huppert begründet. Melancholie schwingt mit in Szenen mit der Mutter. Halb Araberin, halb Jüdin (die Mama jiddelt auf dem Sterbebett) wird Patience zur Grenzgängerin zwischen Ethnien und Kulturen, womöglich der Grund, warum sie so nachsichtig ist mit kleinen Ganoven. Facetten, die in Isabelle Hupperts Spiel einfließen. Ein Film mit ihr ist eben nie ganz seicht.

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