Einkommen: Frauen verdienen im Leben halb so viel wie Männer

Gender Pay Gap

Nach offiziellen Angaben liegt die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern in Deutschland bei 21 Prozent. Eine Untersuchung für die Bertelsmann-Stiftung zeigt nun: Die Kluft ist dramatischer.

Berlin

von Thoralf Cleven

, 17.03.2020, 09:50 Uhr / Lesedauer: 3 min
Frauen verdienen in ihrem Leben halb so viel wie Männer. Die drastischen Unterschiede ermittelte das DIW.

Frauen verdienen in ihrem Leben halb so viel wie Männer. Die drastischen Unterschiede ermittelte das DIW. © Monika Skolimowska/dpa

An diesem Dienstag wird besonders auf die Unterschiede in der Entlohnung von Männern und Frauen aufmerksam gemacht - der 17. März 2020 steht bei vielen Frauen und manchen Männern als Equal Pay Day im Kalender. Das Motto in diesem Jahr: „Auf Augenhöhe verhandeln - Wir sind bereit“.

Die Frage ist, ob die Gesellschaft wirklich bereit ist für ein paar Wahrheiten.

Deutschland: Lohnlücke liegt bei 21 Prozent

In Europa wird die „Gender Pay Gap“, also die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern, nach einheitlichen Maßstäben erhoben. In Deutschland liegt sie in den letzten Jahren kaum verändert bei 21 Prozent.

Damit hinkt die Bundesrepublik anderen Europäern hinterher. Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Freien Universität Berlin fanden nun in einer Analyse für die Bertelsmann-Stiftung heraus, dass diese Zahl die Wirklichkeit jedoch nur verschleiert.

Frauen verdienen nur etwa halb so viel wie Männer

Die Forscher untersuchten die durchschnittlichen Lebenserwerbseinkommen vor Steuern, Abgaben und staatlichen Unterstützungen wie Eltern- oder Kindergeld für das 20. bis 60. Lebensjahr. Zugrunde liegen die Preise des Jahres 2015.

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Frauen verdienen in ihrem gesamten Erwerbsleben nur etwa die Hälfte des Einkommens der Männer.

Das absolute Einkommens-Verhältnis liegt dabei in Westdeutschland bei 830.000 Euro für Frauen zu rund 1,5 Millionen Euro bei Männern und in den ostdeutschen Bundesländern bei ungefähr 660.000 Euro zu 1,1 Millionen Euro.

Verdienst wie gering qualifizierte Männer

Diese Lücke, die Lifetime Earnings Gap, liegt bei den heute Mitte 30-Jährigen bei 45 Prozent im Westen und 40 Prozent in Ostdeutschland. Noch erschreckender ist sie beim Blick auf das Qualifikationsniveau: Bis zum Geburtsjahrgang 1974 erzielen hochqualifizierte Frauen nur so viel Einkommen wie gering qualifizierte Männer.

Schwacher Trost: Nach den Untersuchungen haben jüngere Akademikerinnen gegenüber den älteren Semestern etwas aufgeholt - sie erhalten mittlerweile ein ähnliches Lebenserwerbseinkommen wie mittelqualifizierte Männer.

Wo liegen die Ursachen für dieses dramatische Gesamtbild? Bei Müttern sind es eindeutig die Kinder - oder vielmehr deren Betreuung.

Arbeitsmarktexpertin: Mütter haben das Nachsehen

Heute Mitte 30-jährige Mütter können im Westen mit einem Lebenserwerbseinkommen von 580.000 Euro rechnen, im Osten mit rund 10.000 Euro weniger. Damit verdienen sie rund 62 Prozent (West) beziehungsweise 48 Prozent weniger als Männer - bei denen sich die Vaterschaft übrigens nicht nennenswert auf das Lebenserwerbseinkommen auswirkt.

Diese Zahlen, haben die Wissenschaftler um Professor Timm Bönke herausgefunden, bleiben relativ statisch bei der Betrachtung jüngerer und älterer Mütter-Jahrgänge. Die Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann-Stiftung, Manuela Barišić, kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland Chancen und Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt zwischen Männern und Frauen sehr ungleich verteilt sind. „Dabei haben insbesondere Mütter das Nachsehen.“

Die Zahlen geben Barišić recht: Heute Mitte 30-Jährige ohne Kind verdienen im Westen lediglich 13 Prozent und im Osten drei Prozent weniger als Männer, die im Osten eben auch vergleichsweise geringe Einkommen beziehen. Damit nähern sich die Lebenserwerbseinkommen kinderloser Frauen denen der Männer an.

Ungefähr die Hälfte der bestehenden Lücke kommt durch die vermehrte Teilzeit-Beschäftigung von Frauen oder „Auszeiten vom Arbeitsmarkt“ zustande - hierbei wiederum spielen vor allem die Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen die wesentliche Rolle.

Teilzeit dominante Erwerbsform

Teilzeit, wird in der Studie festgestellt, ist für Frauen zwischen 30 und 50 Jahren die dominante Erwerbsform. Bei Männern ist das Gegenteil der Fall - sie arbeiten in dieser Lebensphase hauptsächlich in Vollzeit.

Arbeitsmarkt-Expertin Manuela Barišić warnt vor der Tatsache, dass ein „erheblicher Teil“ des Arbeitskräftepotenzials von Frauen nicht voll ausgeschöpft werde. „Im Zuge des demographischen Wandels und des Fachkräftemangels kann Deutschland sich dies nicht mehr leisten.“

Barišić ist deshalb der Auffassung, dass die bei lediglich 21 Prozent liegende Gender Pay Gap die realen Verhältnisse nicht nur nicht abbildet: „Sie verschleiert, wie groß die Kluft zwischen Männern und Frauen beim Einkommen tatsächlich ist.“

Letztlich, so die Wissenschaftler, hat die Lücke bei den Lebenserwerbseinkommen gravierende Folgen für Frauen: Sie ist der Vorbote der Geschlechterlücke in den Rentenansprüchen.

Giffey: Mit Appellen kommen wir nicht weiter

Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) hält es für „unerhört“, dass Frauen in Deutschland über das gesamte Erwerbsleben hinweg weit weniger verdienen als Männer. „Sie bekommen im Schnitt einen geringeren Stundenlohn und eine niedrigere Rente, übernehmen zugleich aber einen großen Anteil der unbezahlten Sorgearbeit“, sagte Giffey dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Es ist unerhört, dass wir im 21. Jahrhundert noch über solche Unterschiede zwischen Männern und Frauen diskutieren müssen“, so Giffey.

„Für mich ist klar: Mit Appellen allein kommen wir hier nicht weiter. Wir brauchen beides: einen Kulturwandel in den Unternehmen, aber auch gesetzliche Vorgaben. Ohne sie kommen wir in Sachen Chancengerechtigkeit und Gleichberechtigung nicht voran, und wenn, dann nur im Schneckentempo. Frauen haben aber Gleichstellung im Hier und Jetzt verdient“, sagte die Ministerin.