Erschütternde Gewaltszenen: Angriff auf 15-jährigen Yuriy wühlt Frankreich auf

Kriminalität

Nach einer Woche im Koma erholt sich der 15-jährige Yuriy von einem brutalen Angriff in Paris, den eine Überwachungskamera gefilmt hatte. Der Fall schlägt in Frankreich hohe Wellen der Empörung.

Paris

25.01.2021, 21:27 Uhr / Lesedauer: 2 min
Polizisten stehen an einem Kontrollpunkt auf der Champs-Élysées in Paris.

Polizisten stehen an einem Kontrollpunkt auf der Champs-Élysées in Paris. © picture alliance/dpa/XinHua

Keine 25 Sekunden dauert das Video, das durch die rohe Gewalt, die es zeigt, Frankreich aufwühlt. Etwa zehn Halbwüchsige in Sportkleidung, kaum erkennbar durch Gesichtsmasken und Kapuzen, treten und schlagen darin auf einen Jugendlichen ein, immer wieder und auch mit einem schweren Gegenstand, selbst als er schon am Boden liegt.

Dort lassen sie Yuriy, wie das Opfer heißt, schließlich liegen. Gedreht wurde das Video offenbar mit einem Mobiltelefon, das die Aufnahmen einer Überwachungskamera abfilmte. Diese stammen vom 15. Januar und wurden zunächst über einen anonymen Nutzer über Twitter verbreitet, wo sie inzwischen nicht mehr angesehen werden können. Sie sind zu brutal.

Dafür machen Fotos des zurückhaltend lächelnden Yuriy die Runde in den sozialen Netzwerken, begleitet von vielen Genesungswünschen. Seinen 15. Geburtstag am vergangenen Donnerstag verbrachte er im künstlichen Koma, nachdem er von dem Angriff ein Schädeltrauma davontrug. Gebrochen waren außerdem die Nase, ein Arm, die Schultern, einige Rippen und Finger.

„Wird er sich an uns erinnern, sprechen, arbeiten, Fußball spielen können?“

Mehr als sechs Stunden musste Yuriy operiert werden, weitere Augenoperationen stehen an. Seit ihr Sohn am Samstag aufwachte, gehe es ihm etwas besser, sagte seine Mutter, die in Frankreich lebende Ukrainerin Nataliya Kruchenyk, im französischen Fernsehen: „Er versucht zu sprechen, er bewegt sich und das ist ein sehr gutes Zeichen.“ Wahrscheinlich werde ihr Sohn nicht gelähmt sein.

„Aber wird er sich an uns erinnern, sprechen, arbeiten, Fußball spielen können wie vorher? Keiner weiß es. Dafür ist es noch zu früh.“ Noch im Krankenwagen hatte Yuriy seiner Mutter gesagt, er kenne die Täter nicht, und dass er nicht sterben wolle. „Es ist sehr schwer für eine Mama, ihr Kind blutüberströmt am Boden liegen zu sehen“, so Kruchenyk.

Die Szene der Gewalt hatte sich im eigentlich eher ruhigen 15. Stadtbezirk in Paris abgespielt, nicht weit vom Eiffelturm entfernt. Hier befindet sich Yuriys Schule, die er gemeinsam mit Freunden verlassen hatte. Warum er gegen 18.30 Uhr, also nach der in Frankreich geltenden Sperrstunde um 18 Uhr, noch draußen war, ist unklar. Medien zitieren Ermittlungskreise, denen zufolge Yuriy in die Schusslinie rivalisierender Banden geraten sein könnte. Der Jugendliche selbst wird als eifriger Schüler beschrieben. Der Polizei war er nicht bekannt. Noch am Tag der Tat eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen gemeinschaftlichen versuchten Totschlags.

Fußballstar Antoine Griezmann: „Hab Kraft, Yuriy“

Der Stadtteilbürgermeister Philippe Goujon versprach die Verstärkung von Patrouillen und beklagte die „in Paris seltene“ Brutalität der Tat. Freilich kam sie nur ans Licht, weil sie gefilmt und öffentlich gemacht wurde – sonst wäre Yuriys Schicksal höchstens eine kurze Nachricht gewesen. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo zeigte sich „extrem schockiert“, während die Rechtspopulistin Marine Le Pen Versäumnisse der Regierung kritisierte, die die Augen vor der „Alltagsgewalt“ verschließe: „Müssen wir uns an diese Verrohung gewöhnen? Heute Yuriy, morgen wer?“, schrieb sie auf Twitter. Demgegenüber versprachen der Innen- und der Justizminister, die Täter zu finden und zu bestrafen.

Mehrere Prominente drückten dem Opfer und seiner Familie ihre Anteilnahme aus. „Unerträgliche Bilder. Hab Kraft, Yuriy“, schrieb der Fußballspieler Antoine Griezmann auf Twitter.

„Ich denke fest an dich und deine Familie“, versicherte der Schauspieler Omar Sy.

Yuriys Fußballkameraden veröffentlichten ein Foto, auf dem sie sich auf dem Spielfeld zu einem großen „Y“ aufstellten – in der Hoffnung, dass Yuriy wieder Teil des Teams werden kann.

RND

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