Experten an Bund: Tests ausweiten, Smartphone-Tracking starten, schonungslos ehrlich sein

Coronavirus

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat ein Strategiepapier für den Kampf gegen das Coronavirus erarbeiten lassen. Die Experten fordern mehr Tests und auch das umstrittene Tracking.

Berlin

von Markus Decker

, 27.03.2020, 16:26 Uhr / Lesedauer: 2 min
Experten fordern in der Corona-Pandemie mehr Tests in Deutschland und auch das umstrittene Tracking von Smartphones.

Experten fordern in der Corona-Pandemie mehr Tests in Deutschland und auch das umstrittene Tracking von Smartphones. © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Das Bundesinnenministerium will der Corona-Krise mit einer massenhaften Ausweitung von Tests und später mit digitalen Maßnahmen wie unter anderem Tracking begegnen. Das ergibt sich aus einem Strategiepapier des Hauses, über das die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet.

Testkapazität in Deutschland soll „sehr schnell“ hochgefahren werden

Vorbild sei dabei Südkorea, das mit Massentests und der Isolierung von Erkrankten die Ausbreitung des Coronavirus stark verlangsamt habe, ohne das öffentliche Leben zum Stillstand zu bringen.

Die bei weitem wichtigste Maßnahme gegen das Virus ist den Experten zufolge „das Testen und Isolieren der infizierten Personen“. Getestet werden sollten „sowohl Personen mit Eigenverdacht als auch der gesamte Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen“.

Die Fachleute hoffen, dass die Testkapazität in Deutschland „sehr schnell“ hochgefahren werden könne. So spielten sie ein Szenario durch, in dem vom 6. April an 50.000 Tests pro Tag möglich seien, vom 13. April an 100.000, und Ende April 200.000. Derzeit sind nach Angaben von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wöchentlich 300.000 bis 500.000 Coronavirus-Tests machbar

Tracking bleibt im Gespräch

Um das medizinische Personal vor Infizierten zu schützen, sollten Bürgerinnen und Bürger den notwendigen Rachenabstrich selbst erledigen, zum Beispiel in Drive-in- oder Telefonzellen-Teststationen, so die Fachleute. Um die Suche nach Kontakten von positiv getesteten Personen zu erleichtern, sollten dann längerfristig computergestützte Lösungen und das umstrittene Tracking von Mobiltelefonen zum Einsatz kommen. Tracking ist die Lokalisierung des Standorts und des Bewegungsradius von Personen mit Hilfe ihrer Smartphones.

Alle positiv Getesteten müssten isoliert werden, zu Hause oder in einer Quarantäneanlage. Sobald diese Verfahren einmal eingespielt seien, „können sie relativ kostengünstig über mehrere Jahre hinaus die wahrscheinlich immer wieder aufflackernden kleinen Ausbrüche sofort eindämmen“, steht in dem Papier.

Spahn wollte den Gesundheitsämtern durch die Änderung des Infektionsschutzgesetzes Zugriff auf Handydaten geben, ließ nach Protesten unter anderem von Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) jedoch davon ab. Freilich hält er an dem Ziel im Prinzip fest.

Bevölkerung muss vom Ernst der Lage überzeugt sein

Aus Sicht der Experten des Innenministeriums ist es für den Erfolg des Anti-Viren-Kampfs entscheidend, dass es der Bundesregierung gelingt, die Bevölkerung zu mobilisieren. Daher sei es elementar, die Menschen noch stärker als bisher vom Ernst der Lage zu überzeugen und mit verbreiteten Fehlvorstellungen aufzuräumen. Zum Irrglauben gehöre etwa, dass das Virus nur die Alten treffe oder für Kinder harmlos sei.

Den Experten zufolge müssten alle Bürgerinnen und Bürger erkennen, dass auch sie in eine dramatische Lage geraten könnten, zum Beispiel weil schwer kranke Angehörige von überfüllten Krankenhäusern abgewiesen würden. Dies könne für mehr als 80 Prozent der Intensivpatienten gelten – mit der Folge von Millionen Toten. Nötig sei daher eine „deutschlandweite und transparente Aufklärungs- und Mobilisierungskampagne“.

Vielleicht Millionen Tote

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte das Papier am 18. März bei seiner Grundsatzabteilung in Auftrag gegeben. Es entstand unter Federführung von Staatssekretär Markus Kerber mit Hilfe des Robert Koch-Instituts und weiterer Fachleute, unter anderem von ausländischen Universitäten.

Seehofer selbst machte unterdessen klar, dass er von einem vorzeitigen Ende des Shutdowns aus ökonomischen Gründen wenig hält. „Die Funktionsfähigkeit (der Wirtschaft) wieder herzustellen unter Inkaufnahme von vielen Toten oder auch Kranken, die geheilt werden, aber bleibende Schäden haben, scheidet für mich aus“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. „Nicht mit mir.“

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