Friseure öffnen wieder: Was ist an Haaren eigentlich so besonders?

Coronavirus

Ab Montag dürfen die Friseure wieder öffnen. Die fehlende Möglichkeit, sich die Haare schneiden zu lassen, war zuletzt eines der wichtigsten Themen.

Berlin

28.02.2021, 08:23 Uhr / Lesedauer: 5 min
Am 1. März 2021 dürfen die 80.000 Friseurbetriebe in Deutschland nach monatelanger Zwangspause wieder öffnen.

Am 1. März 2021 dürfen die 80.000 Friseurbetriebe in Deutschland nach monatelanger Zwangspause wieder öffnen. © picture alliance/dpa

Ein Stoßseufzer der Erleichterung ging durch die Republik. Endlich! Nach zweieinhalb Monaten verschärfter Kontaktbeschränkungen verkündeten Bund und Länder Mitte Februar die erlösende Nachricht: Die Friseure dürfen im März wieder öffnen. Strahlende Gesichter allerorten. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ließ sich gar zu der Bemerkung hinreißen, das habe „nicht nur mit Hygiene“, sondern „auch mit Würde“ zu tun.

Sollten wir vielleicht mal halblang machen? Haare wachsen am Tag 0,33 Millimeter. Das macht, multipliziert mit den 74 Lockdown­tagen bis zum Stichtag 1. März, exakt 2,442 Zentimeter. Was haben ein paar Zentimeter hornartiger Fransen, bestehend aus einem schuppigen Faserprotein namens Keratin, mit Würde zu tun? Nun: eine ganze Menge.

Wir interpretieren Haare innerhalb von Zehntelsekunden wie einen Schlüsselreiz

Haare beeinflussen die Wahrnehmung von Menschen, und zwar sowohl die Wahrnehmung eines Menschen durch andere als auch durch sich selbst. Sie vermitteln auf den ersten Blick Grundinformationen wie mutmaßliches Alter und Geschlecht, sie sagen aber auch etwas über Gesundheit aus (Krankheit macht Haare stumpf), über den Sozialstatus, über die Zugehörigkeit zu Gruppen. Wir interpretieren Haare und die Art, wie sie getragen werden, innerhalb von Zehntelsekunden wie einen Schlüsselreiz.

Fünf Millionen Haare hat der Mensch insgesamt, völlig unbehaart sind nur unsere Handflächen und Fußsohlen, die Lippen, die Brustwarzen und die Schleimhäute. Wer blond ist, kann meist 150.000 Haupthaare sein Eigen nennen, Rothaarige kommen nur auf 75.000 Exemplare. Täglich fallen etwa 60 bis 100 abgestorbene Haare aus.

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Haare haben immer noch die Funktion, uns vor Kälte und Hitze und vor ultravioletter Strahlung zu schützen – und Haare sind, wegen der Nerven an den Wurzeln, quasi verlängerte Tastorgane. Tiere nutzen ihren Pelz bei Gefahr auch dazu, sich aufzuplustern und dadurch gefährlicher zu erscheinen. Das können wir an uns selbst ebenfalls beobachten, wenn uns vor Schreck die Haare zu Berge stehen. Die alten Ritter trugen übrigens aus demselben Grund einen Fellschmuck auf dem Helm, den man Putz nannte. Bei Turnieren musste der Gegner diesen Schmuck herunterschlagen. Daraus ist der Begriff „Auf den Putz hauen“ entstanden.

Bei anderer Frisur sahen Testpersonen einen anderen Menschen

Doch heute ist anderes entscheidender. Die Yale-Professorin Marianna LaFrance hat vor 20 Jahren Probanden verschieden gestylte Männer- und Frauengesichter gezeigt. Und sie kam zu dem Schluss, dass der Rahmen für das Gesicht manchmal wichtiger ist als das Gesicht selbst. Bei anderer Frisur sahen die Testpersonen einen anderen Menschen.

Denn: Wir schreiben Leuten mit unterschiedlichen Frisuren und Haarfarben tatsächlich unterschiedliche Eigenschaften zu – und deswegen bemühen wir uns auch um unser Aussehen, denn wir wollen, dass andere uns so sehen, wie wir uns sehen (wollen). Volle, gesunde Haare stehen für Gesundheit und Attraktivität und damit für gute Chancen auf dem Partnerschaftsmarkt.

Kann man schon in der Bibel nachlesen, in der Geschichte von Samson, dessen Lebenskraft in seinem Haupthaar steckte. Andersherum empfinden Frauen den Verlust ihrer Haare oft auch als Verlust ihrer Weiblichkeit. Was allerdings nicht nach Trennungen gilt: Da lassen sich Frauen (und manche Männer) die Haare abschneiden, weil sie etwas an ihrem Zustand, also eigentlich an ihrem Unglück (ver)ändern wollen. Und es geht ihnen dann auch wirklich besser, weil sie nicht nur etwas erlitten, sondern etwas getan haben.

Es gibt immer noch viele Vorurteile

Bestens dokumentiert ist vor allem die Sicht von Männern auf Frauen, was Haare angeht. Über Blondinen denken immer noch viele Herren der Schöpfung, sie seien sehr weiblich, sehr romantisch und sehr naiv. Bei Brünetten reicht die Beurteilung von sanft und intelligent bis unscheinbar, bei Schwarzhaarigen von temperamentvoll bis überkandidelt. Rothaarige gelten als sexuell experimentierfreudig, jedoch auch als sensibel, und das Wort steht in diesem Zusammenhang wohl für ein kompliziertes Wesen.

Unter Männern ist im Übrigen langes Haar bei Frauen nach wie vor die begehrenswerteste Variante (lange, offene Haare waren das Charakteristikum der Liebesgöttin Aphrodite). Kurz steht für selbstbewusst, was der eine oder andere Macho mit „zickig“ übersetzt. Das kommt nicht ganz von ungefähr, denn mit dem Bubikopf, dem letzten Schrei bei Frauen in den 1920er-Jahren, begann auch die Emanzipation weitere Kreise zu ziehen.

Apropos: Weil es nichts gibt, das zu blöd wäre, um im Internet zu stehen, sei hier eine Stylingseite zitiert, auf der behauptet wird, langhaarige Frauen bevorzugten lang anhaltende Beziehungen. Da liegt die Vermutung nahe, dass dieser Unsinn von Männern formuliert wurde, und er erinnert an den alten Spruch der Frauenbewegung, dass Frauen eher schön als klug sein müssen, weil Männer besser gucken als denken können.

Im Mittelalter galten Männer mit langen Haaren als freie Männer

Vielleicht trifft das ja tatsächlich zu? Könnte man meinen, wenn man bedenkt, dass Frauen in manchen Kulturen ihre Haare verbergen müssen, um Männer nicht in Versuchung zu führen. Halten die Religionsführer die Kerle wirklich für so primitiv, jeder hübschen Mähne nachzulaufen? Und wenn ja: Wäre es nicht konsequenter, den Gentlemen Augenbinden oder Scheuklappen zu verordnen, als die Frauen zu verhüllen?

Was die Frisuren der Männer angeht: Der Psychologe Ronald Henss von der Uni Saarland hat beschrieben, dass Männer mit langen Haaren im Mittelalter als freie Männer galten, keinem Herrn verpflichtet, zwischen 1960 und 1980 standen lange Haare dann für Intellektualismus und Rebellentum. Inzwischen hat sich das rausgewachsen, seit einigen Jahren sind alle Haarlängen erlaubt. Auch ganz kurze, obwohl man dahinter manchmal problematische politische Ausrichtungen vermuten kann. In gewisser Weise stehen geschorene Häupter nach wie vor für Unterordnung – siehe Militär, siehe Kloster, siehe Knast.

Womit wir uns einem Bereich angenähert haben, der für Männer ziemlich haarig ist – oder eben nicht: der Glatze. Es kann schon als seltsame Laune der Natur betrachtet werden, dass ausgerechnet die Androgene, also die Sexualhormone, die Männer maskulin machen, auch den Haarwuchs stoppen können und damit hinten rum die Attraktivität wieder runtersetzen.

Es gibt zwar Studien, die besagen, Glatzen stünden für Macht und sexuelle Leistungsfähigkeit, aber es gibt ebenso Studien, die zum gegenteiligen Ergebnis kommen, und danach sind Männer mit Haar für Frauen sechsmal anziehender als ohne. Ludwig XIV. vermutete das offenbar auch schon. Der Sonnenkönig, kahl wie ein Babypopo, quälte den ganzen französischen und den halben europäischen Adel über Jahre mit der Pflicht, Perücken zu tragen.

Eine Glatze steht meist für das Alter

Es hilft nichts: Glatze steht meist für das Alter. Auch graue und weiße Haare (die Pigmentherstellung versiegt mit dem Alter, Luft dringt in die Haare und lässt sie weiß erscheinen) tun das bereits. Man unterstellt den Trägern vielleicht noch Weisheit, aber nicht mehr so oft Verlockendes. Weswegen sich die Gesellschaft daran gewöhnt hat, dass Frauen ihre Haare färben – wobei es durchaus Männer gibt, die auch die natürliche Veränderung der Haare ihrer Frauen lieben.

Bei Männern selbst aber wird das Haarefärben zumeist – da müssen wir gar keine ehemaligen Bundeskanzler bemühen – als seltsames Verhalten betrachtet. Perücken aus medizinischen Gründen sind akzeptiert, Toupets gelten inzwischen als lächerlich, und der Gipfel an mangelndem Selbstbewusstsein sind Herren, die ihr Resthaar über die Platte kämmen und dort festbetonieren.

Es sagt etwas über den Menschen aus, ob er gepflegt ist oder nicht, und notfalls auch, ob der Haarkranz gepflegt ist oder nicht, zumindest leidlich. Und weil es nachgewiesene Zusammenhänge zwischen dem Haar und der Seele gibt, wirkt der Zustand des Hauptes nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, und das Innere spiegelt sich wiederum im Schopf. Wer sich selbst anschaut und mit sich unzufrieden ist, ist in gewisser Weise nicht er selbst. Daraus entsteht Garstigkeit. Und das ist auf Dauer nicht gut.

Wir wissen nicht, ob Herr Söder all dies meinte, als er davon sprach, dass die Öffnung der Friseursalons auch etwas mit der Würde der lockdowngeplagten Menschen zu tun habe. Aber recht gehabt hat er damit schon.

RND