Gefährliche Liebschaften in Münster

Ausstellung "Sex und Evolution"

MÜNSTER Um ein Kind zu zeugen, braucht man eine Mama und einen Papa. Glauben viele. Truthähne können darüber nur lachen – wie die spannende neue Ausstellung „Sex und Evolution“ im LWL-Naturkundemuseum Münster zeigt.

08.10.2013, 19:56 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ein Model in modernem sexy Outfit von heute? Nein: Diese Kleidung stammt aus Dänemark, aus der Zeit um 1300 vor Christus. Das menschliche Balzverhalten ist sehr konstant.

Ein Model in modernem sexy Outfit von heute? Nein: Diese Kleidung stammt aus Dänemark, aus der Zeit um 1300 vor Christus. Das menschliche Balzverhalten ist sehr konstant.

Die Natur setzt fast immer auf Sex – obwohl das auf den ersten Blick nicht unbedingt einleuchtet. Denn Sex ist mühevoll, oft ein Gesundheitsrisiko, und er überlässt das Kinderkriegen nur der weiblichen Hälfte der Population. Aber dennoch überwiegen die Vorteile, wie die Ausstellungsmacher Lisa Klepfer und Jan Ole Kriegs erklären. Denn nur sexuelle Fortpflanzung ermöglicht komplexen Lebewesen die Evolution. Ohne die Vermischung ihrer Gene könnten sie sich nicht an ihre Umwelt anpassen und würden aussterben. Selbst die keuschen Milben würden nach einer drastischen Umweltveränderung vermutlich schnell wieder auf Zweisamkeit umsteigen. Dass Sex außerdem die schönste Nebensache der Welt sei, lässt sich mit Blick auf das Tierreich hingegen nicht bestätigen. Er ist dort oft brutal, berechnend, sogar tödlich. Am wildesten treiben es die Zwitter. Schnecken und Plattwürmer sind Männchen und Weibchen zugleich. Weil es aber einfacher ist, viele Spermien zu verteilen als wenige Eizellen großzuziehen, wollen sie um jeden Preis Männer sein. Deshalb rammen sie potenziellen Partnern Stilette unter die Haut, um Sperma abzuladen. Schnecken schießen Pfeile auf andere Schnecken, die den Getroffenen verweiblichen.

Immerhin überleben dabei beide Partner, was bei Spinnen nicht der Fall ist. Wenn das kleine Männchen der Wespenspinne sein gigantisches Weibchen begattet, hat es zwei Möglichkeiten. Entweder, es führt den Liebesakt bis zu Ende aus, wird viele Spermien los – und landet im Magen seiner Liebsten. Oder es beendet die Paarung vorzeitig und rennt davon. Dabei wird es nur wenig Sperma los, und wahrscheinlich bricht sein Glied ab. Meistens entscheiden sich die Spinnenmännchen für die zweite Variante. Diese aufregenden Geschichten erzählt die Ausstellung mit großen Modellen, ausgestopften Tieren, interaktiven Computerbildschirmen und kurzen, prägnanten Texten. Man kann sogar im Arbeitszimmer des Evolutionsforschers Charles Darwin entspannen. Der quälte sich jahrelang mit der Frage, warum Pfauen-Männchen so einen wahnsinnig unpraktischen Feder-Schwanz mit sich herumschleppen. Das schien der Evolution Hohn zu sprechen. Tatsächlich fahren die Pfauen-Weibchen aber dermaßen auf die Federn ab, dass es sich für die Männchen doch lohnt. Bei den Tieren balzen die Herren, und die Damen wählen aus. Bei den Menschen ist es komplizierter. Weil die Erziehung ihrer Kinder eine so lange Zusammenarbeit beider Geschlechter verlangt, wählen Männer und Frauen sorgfältig – und versuchen sich gegenseitig zu beeindrucken. Schon im Jahr 1300 vor Christus liefen Steinzeit-Däninnen in gewagten Fransen-Miniröcken herum, wie die Ausstellung anhand eines erstaunlich schicken historischen Gewandes belegt.

Für die Zukunft der menschlichen Sexualität stellt das Museum aber auch pessimistische Thesen zur Diskussion. Die Fortpflanzung könnte komplett ins Medizinlabor abwandern, die Lustbefriedigung auf die Seiten der Internet-Pornografie. Schade wär’s – aber vielleicht lassen sich die Besucher der Schau ja von der Leidenschaft der wilden Schnecken inspirieren.  

  • Eröffnung am Donnerstag (10. Oktober) um 17 Uhr im LWL-Naturkundemuseum, Sentruper Straße 285.
  • Geöffnet bis 19. Oktober 2014, Di bis So 9-18 Uhr.
  • Geeignet für Klassen von der Grundschule bis zur Sekundarstufe II. Infos zum pädagogischen Programm unter Telefon (02 51) 5 91 60 50.
  • Das Katalogbuch „Sex und Evolution“ kostet 14,80 Euro, ISBN 978-3-940726-25-4.