Gegen die Lesemüdigkeit

Tag des Kinderbuchs

DORTMUND. Zwei schlechte Nachrichten zum "Tag des Kinderbuches" am Freitag vorweg: Nur 30 Prozent der Eltern lesen überhaupt noch vor. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass Erzieherinnen nur noch in 38 Prozent der Kindertagesstätten aus Büchern vortragen. Viel zu tun also für "Jugendstil", das Kinder- und Jugendliteraturzentrum NRW in Dortmund.

von von Bettina Jäger

, 01.04.2011, 18:40 Uhr / Lesedauer: 2 min
<p>Leseförderung aus Berufung: Andrea Weitkamp (l.) und Ulrike Erb-May.<p></p> </p>

<p>Leseförderung aus Berufung: Andrea Weitkamp (l.) und Ulrike Erb-May.<p></p> </p>

Hier werfen sich zwei Frauen mutig der Lesemüdigkeit entgegen: Geschäftsführerin Ulrike Erb-May, studierte Germanistin, und Bildungsreferentin Andrea Weitkamp, studierte Sozialpsychologin. Ihre Waffen sind allerdings beschränkt: Jede hat eine Dreiviertel-Stelle, das ganze Zentrum gerade mal 160 000 Euro Jahresetat.Zu viele Analphabeten Aber es ist so notwendig wie kaum jemals zuvor. "Es gibt Achtjährige, die haben kein einziges Buch zuhause", sagt Ulrike Erb-May. Die Folgen für den Spracherwerb können gravierend sein. Deutschland hat 7,5 Millionen funktionale Analphabeten, die zwar Buchstaben erkennen können, aber den Sinn eines längeren Textes nicht verstehen. Wer im Alter von acht bis zwölf Jahren nicht mit dem Lesen anfängt, wird es auch später nicht mehr tun. Erb-May kritisiert in diesem Zusammenhang, dass immer mehr Büchereien geschlossen werden: "Das ist ein Trauerspiel."Hoher Bildanteil für Erstleser Was also tun, damit Kinder lesen? "Mit dem Vorlesen ganz früh anfangen", rät Ulrike Erb-May. "Wenn Kindern nicht vorgelesen wird, haben sie einen ganz schlechten Start." Schon im Alter von zwei Jahren haben Kinder Spaß an einfachen Bilderbüchern, den so genannten "Pappen". Auf Erstleser wartet Literatur, die einen großen Bildanteil hat. Dabei treffen Kinderbuch-Klassiker nicht immer den Geschmack der kleinen Menschen. "Ruhig mal was Populäres lesen", lächelt Ulrike Erb-May. "Kinder lieben Märchen, Abenteuer- und Detektivgeschichten. Kinder sind überhaupt wild auf Geschichten."Lesenächte mit Raffinessen Eltern können außerdem auf Profis wie Andrea Weitkamp vertrauen. Gemeinsam mit den 30 freiberuflichen Kollegen des Zentrums bietet sie in Bibliotheken Lesenächte oder Büchershows mit allen Raffinessen an. "Unsere Herangehensweise ist immer eine sinnliche", sagt sie. Ein Beispiel: Wenn das wunderbare Kinderbuch "Gehört das so?" von Peter Schössow im Mittelpunkt steht, bekommt jedes Kind erst mal ein Papptellerchen. Mit den Figuren aus dem Buch bastelt es sich eine selbst erfundene Geschichte rund um den Tellerrand. Erst dann wird das Buch vorgelesen, in dem es um den Tod eines Wellensittichs geht. "Der Tod ist ein Riesen-Thema für Kinder", weiß Andrea Weitkamp. So gibt es zum Schluss nicht nur im Buch ein tröstliches Beerdigungs-Ritual mit Bienenstich und Kakao, sondern auch in Wirklichkeit.In andere Welten tauchen Beide Fachfrauen wollen vor allem eines vermitteln. "Es ist ein Genuss, mit Hilfe der Literatur in andere Welten abzutauchen", sagt Andrea Weitkamp. Wer liest, hat nicht nur mehr vom Leben. Lesende Kinder werden erwiesenermaßen auch später erfolgreicher im Beruf sein.

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