„Gemeinsam für ein junges Ruhrgebiet“ – Stabwechsel beim Initiativkreis Ruhr

Interview

Das Ruhrgebiet ist im Aufbruch, und das schon seit Jahrzehnten. Jetzt steht ein weiterer Umbruch an, und zwar beim Initiativkreis Ruhr. Zeit, zu fragen: Wie geht‘s uns denn gerade?

Ruhrgebiet

09.11.2020, 18:11 Uhr / Lesedauer: 5 min
Bernd Tönjes, Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung (l.), und Dr. Thomas A. Lange, Vorsitzender des Vorstandes der National-Bank.

Bernd Tönjes, Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung (l.), und Dr. Thomas A. Lange, Vorsitzender des Vorstandes der National-Bank. © Montage: Leonie Sauerland

Stabwechsel beim Initiativkreis Ruhr: Nach fünf Jahren geben die beiden Moderatoren Bernd Tönjes (Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung) und Dr. Thomas A. Lange (Vorsitzender des Vorstandes der National-Bank) das Amt an der Spitze des Wirtschaftsbündnisses ab.

Volker Stennei und Wolfram Kiwit sprachen mit den beiden „Ruhr-Machern“. Das Gespräch begann vor der ersten Frage mit einer Ansage: „Bis zum 31.12.2020 sind wir noch im Amt. Und die Gestaltungskraft ist ungebrochen“, sagten Moderator Tönjes und sein Co-Moderator Lange.

Der Initiativkreis ist ein Wirtschaftsbündnis – wenn Sie der Wirtschaft im Ruhrgebiet den Puls fühlen, wie geht‘s uns denn gerade?

Tönjes: Die Region ist nach wie vor im Umbruch. Und das ist sie seit 1957, als die Montanindustrie mehr und mehr zurückging. Zu dieser Zeit hatten wir keine Hochschulen im Revier.

Was wir hatten, waren noch 600.000 Bergleute. Jetzt haben wir keine Bergleute mehr, aber fast 300.000 Studierende. Diese Region kann Wandel. Hin zu modernen Geschäftsfeldern, zum Beispiel ist das Gesundheitswesen mittlerweile der größte Arbeitgeber.

Lange: Ich denke, wir haben ein heterogenes Bild. Auf der einen Seite sind große Teile der Industrie, die sich in den vergangenen Jahren erfolgreich repositioniert haben, beispielsweise in der Energiewirtschaft. Dasselbe gilt für Anbieter innovativer Dienstleistungen wie in der Cybersicherheit.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch noch eine Menge zu tun. Stichworte sind Klimaneutralität und Elektromobilität. Mit Blick auf das pandemische Umfeld ist der Pulsschlag allerdings leicht erhöht. Das liegt sowohl an der Sorge um den Verlust von Arbeitsplätzen als auch einem zukünftig veränderten Investitions- und Konsumverhalten.

Thomas A. Lange: „Wir sollten mehr handeln und weniger reden.“

Thomas A. Lange: „Wir sollten mehr handeln und weniger reden.“ © Stephan Schuetze

Was sagen Sie einem Start-up-Gründer aus München oder Stuttgart, warum das Ruhrgebiet besser ist?

Lange: Keine andere Region, weder in Deutschland noch in Europa, verfügt über derart exzellente Voraussetzungen, ein Unternehmen zu gründen, wie das Ruhrgebiet. Der Blick nach Berlin beweist, dass viele der dort ansässigen Start-ups der Plattform-Ökonomie zuzuordnen sind. Im Ruhrgebiet hingegen erfolgen viele der Gründungen in einem industriellen Umfeld.

Die Kombination von Industrie 4.0 und IoT, des sogenannten „Internets der Dinge“, ermöglichen Innovationen mit großer Wertschöpfung. Die in unserer Moderatorenzeit auf den Weg gebrachte und breit angelegte Gründerinitiative zeigt es ebenso wie die Nachfrage an Beteiligungen durch unseren Gründerfonds Ruhr, mit dem wir jungen Unternehmen Kapital zur Verfügung stellen.

Tönjes: Wenn man heute über Gründer in Deutschland spricht, wird reflexartig Berlin genannt. Das ist verständlich, denn Berlin macht das schon seit 20 Jahren, und die Start-ups sind dort sehr präsent und wahrnehmbar. Im Ruhrgebiet ist das noch nicht so. Hier haben wir mehrere Zentren, nicht nur ein einziges – was ja auch eine Stärke sein kann.

Wir haben günstigen Raum für Start-ups, eine enorme Dichte an Hochschulen und Forschungsinstituten und wir haben Industrie. Partner, mit denen ganz andere Projekte möglich sind, als das in Berlin der Fall ist. Provokant formuliert: In Berlin geht’s um die nächste neue App, damit die Pizza noch fünf Minuten eher geliefert werden kann. Wir arbeiten hier an Themen, die einen längeren Atem erfordern, die am Ende aber auch mehr Arbeitsplätze hervorbringen können.

Wie sieht’s aus mit dem Wettbewerb um die besten Köpfe?

Tönjes: Die Menschen, die hier aufgewachsen sind, die hier studiert haben, die erkannt haben, wie wertvoll die Region ist, wie offen die Leute sind, welch guter Fußball hier gespielt wird, die kennen und schätzen das Ruhrgebiet. Schwieriger ist es, Menschen und Start-ups von außen für das Ruhrgebiet zu begeistern. Und natürlich brauchen wir auch noch ein paar andere Voraussetzungen. Die passenden Flächen für Ansiedlungen zum Beispiel.

Und Arbeit allein ist es ja auch nicht: Die Leute gehen auch deswegen nach Berlin, weil die Stadt hip ist, sie schätzen das Ökosystem dort. Auch wir müssen ein Ökosystem entwickeln, es geht nicht nur um Gründen und Arbeiten, es geht auch um das Wohlfühlen und Leben.

Lange: Es geht ebenso darum, die Gründertradition zu revitalisieren. Haniel, Krupp, Stinnes und Thyssen aus dem Bereich der Industrie oder Albrecht, Deichmann und Tengelmann aus dem Bereich des Handels sind nicht nur wirtschaftshistorisch gute Beispiele. Dasselbe gilt etwa für das in Dortmund ansässige Unternehmen Wilo: 1872 als Kupfer- und Messingwarenfabrik gegründet, hat es sich vom lokalen Spezialisten zum Global Player entwickelt.

Bernd Tönjes: „Diese Region kann Wandel.“

Bernd Tönjes: „Diese Region kann Wandel.“ © Stephan Schuetze

Welche Erwartungen haben Sie an das Ruhrparlament, das jetzt zum ersten Mal direkt von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt worden ist? Und sind die dezentralen Strukturen im Ruhrgebiet auch als Chance zu begreifen?

Tönjes: Eine Idee aus der Vergangenheit war, aus den 53 Städten und Gemeinden eine Ruhrcity zu machen, mit einem Oberbürgermeister an der Spitze. Darüber ist die Zeit hinweggegangen. Das Zauberwort für uns heißt Zusammenarbeit. Wir müssen mehr kooperieren. Stärken herausfiltern, Cluster bilden, international wahrnehmbar sein.

Keine Stadt, auch Dortmund als größte Stadt des Ruhrgebietes nicht, kann allein im Wettbewerb bestehen. Aber wenn sich alle zusammentun – hier wohnen fünf Millionen Einwohner, die gemeinsame Wurzeln haben – dann hat das enorme Durchschlagskraft. So können wir uns im Wettbewerb behaupten. Jeder Einzelne ist zu klein. Die Governance muss man verbessern. Die Oberbürgermeister der großen Städte könnten sich reihum abwechseln, um dem Ruhrgebiet ein prägnantes Bild nach außen zu geben.

Lange: Jeder Spitzenvertreter einer Gebietskörperschaft könnte in seiner Amtszeit Gestaltungsimpulse geben. Dabei könnte durch eine Rotation der jeweils unterschiedlichen regionalen Herkunft Rechnung getragen werden. Wir sehen ohnehin, dass in einer modernen Gesellschaft polyzentrische Strukturen einer Zentralstruktur überlegen sind. Soweit das Ruhrparlament betroffen ist, bin ich davon überzeugt, dass die Entfesselungskräfte der Demokratie einen stärkeren Gestaltungsimpuls auslösen werden.

Kommt das Ruhrparlament bei den Menschen an?

Tönjes: Der Bekanntheitsgrad ist ausbaufähig.

Lange: Ich bin optimistisch, dass es durch die erstmalige Direktwahl und die damit verbundene unmittelbar demokratische Legitimation in der Tat stärker bei den Menschen ankommen wird. Es liegt aber auch an uns. Demokratie erfordert, mitzumachen. Das entspricht dem Verständnis der Antike, als der Marktplatz noch der Ort der politischen Meinungsbildung war.

Lassen sie uns über die Corona-Situation in der Wirtschaft sprechen. Wie steht das Ruhrgebiet da?

Tönjes: Die Wirtschaftsleistung ist insgesamt stark zurückgegangen – jedoch nicht so stark wie anfangs befürchtet. Davon ist auch das Ruhrgebiet betroffen. Hier hilft, dass unser größter Arbeitgeber, das Gesundheitswesen, boomt. So wie Deutschland mit der Corona-Krise bislang umgegangen ist, muss man das als vorbildlich einstufen.

Wir sind ein reiches Land, wir können uns Kurzarbeit erlauben. Wir haben ein hervorragendes Gesundheitswesen, das sich gerade jetzt auszahlt. Die Betroffenheit in den Branchen ist aber natürlich sehr unterschiedlich. Und die Krise ist nicht ausgestanden.

Lange: Noch steht das Ruhrgebiet gut da. Wie Bernd Tönjes schon sagte, die Wirtschaftsleistung ist bei Weitem nicht so stark zurückgegangen wie anfangs prognostiziert. Allerdings hängt alles Weitere vom Verlauf der zweiten Welle und der Verfügbarkeit von Impfstoffen ab.

Und für die Einschätzung der Zukunft sollten wir zwei Fragen voneinander trennen. Zum einen: Welche Änderungen im Investitions- und Konsumverhalten wird die Pandemie auslösen? Zum anderen: Welche ohnehin schon bestehenden Trends wird sie beschleunigen oder bestärken?

Dazu passt die Digitalisierung und Ihr Projekt „Digitales Klassenzimmer“. Kommen Ihnen nicht die Tränen, wenn Sie in die Schulen des Ruhrgebiets schauen?

Tönjes: Ein uneingeschränktes Ja. Deshalb versuchen wir mit dem „Digitalen Klassenzimmer“, möglichst schnell vor Ort zu helfen. Grundsätzlich ist das Thema Digitalisierung an Schulen ein noch weitgehend unbestelltes Feld. Milliarden für Hardware zur Verfügung zu stellen, das allein reicht nicht. Wir haben Kooperationen mit Schulen begonnen und festgestellt, da gibt es noch nicht einmal ein WLAN.

Schule ist Ländersache, welche Erwartungen haben Sie konkret an die Landesregierung?

Tönjes: Dass wir einen echten Re-Start schaffen. Mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme. Und dass das Geld, das vorhanden ist, in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Nur jedes dritte Kind im Ruhrgebiet hat Zugriff auf ein digitales Endgerät. Aber die Geräte allein helfen, wie gesagt, nicht.

Wir brauchen ein Gesamtkonzept. Die Betroffenheit in der Ruhrgebietsbevölkerung ist unterschiedlich. Akademiker-Familie, individuelle Förderung der Kinder, Eigenheim, gute digitale Ausstattung auf der einen Seite. Kleine Wohnung, keine digitalen Endgeräte, keine Förderung auf der anderen Seite.

Durch die Corona-Krise sind diese Unterschiede dramatisch größer geworden. Wir hatten Kontakt zu einer Schülerin, die berichtete, der einzige Ort, wo sie ungestört ihre Hausaufgaben machen kann, ist die Badewanne.

Lange: Wir brauchen einen bildungspolitischen Masterplan, der die digitale Wissensvermittlung und Lernstimulanz zum Gegenstand hat. Das setzt eine umfassende Digitalkompetenz seitens der Lehrer voraus. Dazu gehört weit mehr als nur eine vollständige – und vor allem stabile – Internetabdeckung sowie die Anschaffung von Laptops.

Wenn wir es gegenüber künftigen Generationen mit unserem Leistungsversprechen ernst meinen, müssen wir hier ansetzen. Die aktuellen Pisa-Studien der letzten Jahre beweisen: Wir sollten mehr handeln und weniger reden.

Wie sehen Sie die Lage bei Kultur und Freizeit?

Tönjes: Hier entsteht durch Corona großer Schaden. Wir haben im Ruhrgebiet ausgezeichnete und reichlich Kunst und Kultur. Kunst ist ein Motor und Vordenker des Wandels. Die Kreativzentren sind Teil des Ökosystems, die das Revier für Menschen attraktiv machen.

Für den Initiativkreis war die Frage zentral, wie wir mit dem Klavier-Festival umgehen. Und es ist in Kooperation mit den Betreibern der verschiedenen Häuser gelungen, immerhin ein abgespecktes Klavier-Festival durchzuführen – zumindest bis in den Oktober hinein. Als Bedeutung für die Region ist das gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Wenn Sie beide sich rückblickend auf Ihre Moderatorenzeit beim Initiativkreis Ruhr auf eine Schlagzeile einigen müssten, wie lautet die?

Einer Einigung bedarf es nicht. Unser Engagement als Moderatoren stand von Anfang an unter dem Motto: „Gemeinsam für ein junges Ruhrgebiet“.

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