Grauen in der Kita - Mord beim Mittagschlaf?

Mord an Kita-Kind

Ein dreijähriges Kita-Kind stirbt. Eine 25-jährige Erzieherin steht unter Mordverdacht. Schon das ist entsetzlich genug. Doch dann wird klar: Es hätten wohl noch mehr Kinder sterben können.

Viersen

28.05.2020, 15:45 Uhr / Lesedauer: 4 min
Lothar Gathen, Sprecher der Staatsanwaltschaft, während der Pressekonferenz. Bei den Ermittlungen gegen eine wegen Mordes an einem dreijährigen Kita-Kind verdächtigen Erzieherin in Viersen sind die Behörden auf weitere Vorfälle in früheren Kindergärten der Verdächtigen bis ins Jahr 2017 gestoßen.

Lothar Gathen, Sprecher der Staatsanwaltschaft, während der Pressekonferenz. Bei den Ermittlungen gegen eine wegen Mordes an einem dreijährigen Kita-Kind verdächtigen Erzieherin in Viersen sind die Behörden auf weitere Vorfälle in früheren Kindergärten der Verdächtigen bis ins Jahr 2017 gestoßen. © dpa

Ein Alptraum: Eltern wähnten ihre Kinder in den Kitas in guten Händen. Aber tatsächlich waren ihre Kleinen in großer Gefahr. Bei den Ermittlungen wegen Mordes gegen eine verdächtige Erzieherin sind die Behörden auf weitere Vorfälle in drei früheren Kindergärten der 25-Jährigen gestoßen. Anders als die kleine Greta in Viersen überlebten andere Kinder - auch wenn ein Junge anschließend immer wieder unerklärliche Krampfanfälle zeigte.

Eltern müssten diese Erkenntnis erst einmal verkraften, sagte Manfred Joch, Leiter der Direktion Kriminalität der Polizei Mönchengladbach am Donnerstag: „Die Angehörigen machen eine schwierige Zeit durch.“ Die Mutter der kleinen Greta hatte ihr Kind am 21. April nach Wochen wieder einmal in die Corona-Notgruppe einer Kita gebracht, wie der Leiter der Mordkommission Guido Boßkamp sagte.

Mit Maschinen am Leben erhalten

Davor war das Kind gut behütet bei der Patentante: ein robustes, fröhliches und gesundes Mädchen. An jenem Tag war Greta das einzige Kind in dieser Notgruppe - betreut von der 25-jährigen tatverdächtigen Erzieherin und einem Kollegen. Um 13 Uhr gab es Mittagessen, dann wurde die Kleine müde: Zwischen 13.20 Uhr und 13.30 Uhr wurde sie ins Bett gebracht. Der Betreuer verabschiedete sich.

Die 25-jährige Erzieherin war nun alleine mit dem Kind. In Abständen von 15 Minuten will sie den Atem geprüft haben, indem sie die Hand auf Gretas Brust legte, wie sie laut Boßkamp in einer Vernehmung angab. Um 14.45 Uhr will die Erzieherin keine Atmung mehr festgestellt haben. Das Kind war nicht ansprechbar, der Körper blass und blau. Der Notarzt brachte die Kleine in die Kinderklinik nach Viersen. Das Kind wurde mit Maschinen am Leben erhalten. Greta hatte einen Hirnschaden auf Grund von Sauerstoffmangel. Am 4. Mai trat der Hirntod des vorher so fröhlichen und gesunden Kindes ein.

„Ähnliche Vorfälle“

Die Rechtsmediziner fanden Spuren, die auf Gewalteinwirkung deuteten. Für die Ermittler kommt nur die Erzieherin als Täterin infrage - auch wenn noch Spuren ausgewertet werden. Die Staatsanwaltschaft geht von heimtückischem Mord aus, wie Staatsanwalt Lothar Gathen sagte. Bei ihren Ermittlungen auch in Kita-Einrichtungen, in denen die Frau vorher arbeitete, kam dann die entsetzliche Erkenntnis: „Wir mussten feststellen, dass es dort ähnliche Vorfälle gegeben hat“, sagte Manfred Joch.

Die Ermittler gehen unter anderem von einem Übergriff auf ein Kind in einer Kita in Tönisvorst aus. In dem Fall habe die die Tatverdächtige aber rechtzeitig Hilfe geholt. Dort hatte ein knapp zweijähriges Mädchen an einer Wickelstation einen Atemstillstand. Das Kind war vorher völlig gesund und unauffällig. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen. Das Kind sagte nach Angaben der Polizei anschließend, die Erzieherin habe ihm auf den Bauch gedrückt.

Keine Empathie, kein Zugang zu Kindern

Fünf Übergriffe soll es auf ein einziges Kind in Krefeld gegeben haben. Vier Übergriffe auf ein Kind in einer Einrichtung in Kempen. In beiden Kitas stehen die Ermittlungen aber noch am Anfang, wie die Sprecher sagten. Denn keiner der Vorfälle war der Polizei gemeldet worden. Wer ist diese Erzieherin? Bei der Pressekonferenz wurde das Unverständnis deutlich, wie ein solcher Mensch überhaupt so lange in Kitas arbeiten konnte.

Bei ihrem Anerkennungsjahr ab August 2017 in einer Krefelder Einrichtung merkte man den Angaben der Polizei nach schon in den ersten Tagen, dass das der falsche Job für die Frau war: Keine Empathie, kein Zugang zu Kindern, keine Fähigkeit, Grenzen aufzuzeigen. Am Ende bekam sie es dann schriftlich: „wenig geeignet“ stand in der Bewertung. Trotzdem machte sie am Ende ihre Prüfung zu staatlich geprüften Erzieherin. Auch wenn die Opfer noch sehr klein sind, sie sprechen eine eigene Sprache.

Verdächtige will nicht mehr reden

Die Mutter des betroffenen Jungen in Krefeld sagte den Ermittlern, ihr Junge habe mit dem Arbeitsbeginn der Frau eine Abneigung gegen die Kita entwickelt. Das Kind konnte sich sprachlich nicht so ausdrücken und zeigte es demnach anders. Das Kind sei erst dann wieder gerne in die Kita gegangen, als die Erzieherin die Einrichtung verlassen hatte.

Die Erzieherin wurde am 19. Mai festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Sie hat den Ermittlern zufolge von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Ein psychiatrisches Gutachten gibt es nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht. Die junge Frau wolle nicht mehr reden. Dass aber möglicherweise etwas nicht mit ihr stimmt, macht ein Zwischenfall im vergangenen Jahr deutlich.

Dort gab sie bei der Polizei an, Opfer eines Verbrechens geworden zu sein, wie der Leiter der Mordkommission sagte. Ein Gerichtsmediziner habe aber anschließend festgestellt, dass sie sich Ritzverletzungen selbst beigebracht hatte. Damals habe man ihr geraten, sich psychologisch behandeln zu lassen.

Bürgermeister: „Bin fassungslos“

Unterdessen hat die Stadt Kempen nach einem früheren Dementi eingeräumt, dass es vier Vorfälle in der Kita gab, in der die inzwischen unter Mordverdacht stehende Viersener Erzieherin gearbeitet hat. Vier Mal sei der Notarzt gerufen worden, weil ein Kind über Atemnot geklagt habe, berichtete ein Stadtsprecher am Donnerstag. Es seien wie vorgeschrieben Unfallanzeigen über das Jugendamt an die Unfallkasse geleitet worden. Diese seien auch nicht zu beanstanden.

„Es lagen keine Anzeichen vor, in eine andere Richtung zu denken“, hieß es. Die Ermittler schließen inzwischen nicht aus, dass die Erzieherin auch in Kempen versucht haben könnte, ein Kind zu töten. „Ich habe über die Ermittlungsergebnisse aus der Pressekonferenz erfahren und bin fassungslos. Als Bürgermeister der Stadt Kempen sichere ich der Staatsanwaltschaft und der Polizei zu, offen und transparent bei den weiteren notwendigen Ermittlungen zu unterstützen“, teilte Kempens Bürgermeister Volker Rübo mit.

Landesjugendamt schweigt

Noch am Dienstag hatte die Stadt auf dpa-Anfrage mitgeteilt, in der Kita habe es während der Beschäftigungszeit der Erzieherin keine besonderen Vorkommnisse gegeben. Die „Rheinische Post“ hatte zuvor über eben solche berichtet. Am Donnerstag begründete ein Sprecher seine früheren Aussagen mit einem Auskunftsverbot durch die Staatsanwaltschaft. Die Stadt Krefeld teilte mit, bei ihr habe die Beschuldigte ein Berufspraktikum absolviert. Alles, was dazu mitzuteilen sei, hätten die Ermittler bereits mitgeteilt.

Der Landschaftverband Rheinland teilte als Landesjugendamt mit, wegen der laufenden Ermittlungen äußere man sich nicht zu dem Fall. Der Kreis Viersen, in dem auch Tönisvorst liegt, wo die Erzieherin ebenfalls gearbeitet hat, hatte auf das Landesjugendamt verwiesen.

dpa

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