Haydns ''Jahreszeiten'': Bilderbogen von 100 Jahren Deutschland

Oper Dortmund

100 Jahre Deutschland haben bislang nur Filmemacher in zwei Stunden erzählt. Der Dortmunder Opernintendant Jens-Daniel Herzog wagt das nun in der Oper, in seiner szenischen Inszenierung von Haydns Oratorium „Die Jahrezeiten“.

DORTMUND

, 28.04.2014, 17:50 Uhr / Lesedauer: 2 min
Im Frühling preist der Opernchor das Grundgesetz.

Im Frühling preist der Opernchor das Grundgesetz.

Termine: 2. / 10. / 18. /24. / 29. 5 sowie 8. / 21. 6.; Karten: Tel. (0231) 502 72 22.

Herzog erzählt mit seinem Bühnenbildner Mathis Neidhardt zu Frühling, Sommer, Herbst und Winter die Geschichte von Deutschland ab 1945 bis in die Zukunft. Er zeichnet ein Porträt der Gesellschaft, die am Schluss überaltert, in Rollatoren ein trostloses Dasein fristet (Kostüme: Sibylle Gädeke).

Fantasievoll und oft heiter ist Herzogs Bilderbogen, in dem viele Dinge nur angerissen werden. Erstaunlich ist, wie gut die neue Geschichte zum Text von Haydns Librettist Gottfried van Swieten und der Musik passt.In den letzten Wintertagen beginnt das Oratorium mit der Kapitulation, der Ackermann bestellt die Saat für das neue Deutschland, Care-Pakete sind die ersten Früchte, Bundeskanzler Ludwig Erhard ist der Schöpfer des Wirtschaftswunders.

Viel Leichtigkeit und Humor hat der Sommer mit dem Babyboom der 60er-Jahre, dem Fernseher, der in die Wohnzimmer einzog. Das Feuer in den Stahlöfen ist die Sonne, die die Wirtschaft florieren lässt. Kurz angedeutet wird die Teilung Deutschlands in der Gewitterszene.

Gesellschaftskritisch und kontrastreich inszeniert Herzog: Im Herbst herrscht schuhplattelnde Gemütlichkeit, aber Jäger machen auch Hatz auf Ausländer, die in Parks wild grillen. Sie sehen allerdings ein bisschen zu viel nach Zigeunern aus. Mit dem Winter zieht Endzeitstimmung in eine Geriatrie ein. Deutschland im Jahr 2045 mag man sich weniger trostlos vorstellen.

Das ist eine Inszenierung, über die man reden und streiten kann; sie anzuschauen lohnt auf jeden Fall. – Auch, wegen des großartigen Opernchors (Einstudierung: Granville Walker). Es ist eine grandiose Leistung, dieses Chorwerk so souverän auswendig zu singen. Die 40 Sängerinnen und Sänger agieren berauschend spielfreudig. Ebenso wie das Solistenterzett mit Anke Briegel, Lucian Kracznec und Morgan Moody. Philipp Armbruster leitet die Dortmunder Philharmoniker.

Termine: 2. / 10. / 18. /24. / 29. 5 sowie 8. / 21. 6.; Karten: Tel. (0231) 502 72 22.

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