Hebamme vertauscht Hindu mit Moslem

Kino: "Mitternachtskinder"

Die Geschichte Indiens seit der Staatsgründung am 15. August 1947 ist so reich an gesellschaftlichen und religiösen Verwerfungen und so voll von politischen Dramen und kriegerischen Auseinandersetzungen, dass selbst jedes fiktiv erzählende Medium sie nur stark ausschnitthaft wiederzugeben vermag.

von Von Klaus-Peter Heß

, 12.05.2013, 16:30 Uhr / Lesedauer: 1 min
Das Schicksal von Saleem Sinai ist an die Geschichte des indischen Staates gebunden.

Das Schicksal von Saleem Sinai ist an die Geschichte des indischen Staates gebunden.

Immerhin hat Regisseurin Deepa Mehta den Werdegang zweier Jungen, die in der Nacht ihrer Geburt von einer christlichen Hebamme willentlich vertauscht werden, in ein zum Teil pralles Bilderwerk überführt. Wer sich Indien als exotisches Füllhorn der Farben, Gerüche, Musiken und Geräusche vorstellen mag, wird wohl auf seine Kosten kommen. Freunde des „magischen Realismus“ werden ebenfalls gut bedient: So finden die  Mitternachtskinder allein kraft ihrer Gedanken zueinander.

Auch für die aktuelle Diskussion um religiösen Fanatismus gibt es reichlich Stoff und Zündstoff. Immerhin muss Shiva, der Sohn einer reichen muslimischen Familie, nun das Bettlerleben von Saleem Sinai führen, dem unehelichen Sprössling einer armen Hindu und eines britischen Kolonialherren. Da der Zuschauer bereits vor diesem Ereignis von einer Vielzahl von Namen, familiärer Verbindungen und kleinerer Konflikte bedrängt wird, ist Konzentration erforderlich. Wer einmal den narrativen Faden verliert, findet nur schwer wieder Anschluss. Mit 127 Sprechrollen in 143 Minuten kann wohl auch nicht jeder Film aufwarten.

Wie schwer der Religionskonflikt auf dem Subkontinent lastet, zeigt die Produktionsgeschichte. Mehta wird wegen ihrer früheren Filme von fundamentalistischen Hindus in Indien angeprangert, Salman Rushdie ist wegen seiner „Satanischen Verse“ im muslimischen Pakistan und Bangladesh eine Persona non grata. Gedreht wurde in Sri Lanka.

Lesen Sie jetzt