Hektische Suche nach Corona-Medikament könnte drastische Folgen haben

Coronavirus

Die Suche nach einem wirksamen Corona-Medikament wird zum globalen Wettlauf. Nur zwei Medikamente gelten bisher als wirksam. Überstürzte Zulassungen könnten mehr Schaden als Nutzen bringen.

New York

09.07.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Suche nach einem wirksamen Corona-Medikament wird zum globalen Wettlauf.

Die Suche nach einem wirksamen Corona-Medikament wird zum globalen Wettlauf. © picture alliance/dpa

Das Ausmaß der Corona-Pandemie lässt die Welt nach schnellen Lösungen lechzen. Doch Eile liegt nicht in der Natur des Systems, das die Medizin voranbringt. Die ironische und womöglich tragische Folge: Vermeintliche Abkürzungen in der Forschungspraxis haben das Verständnis der Krankheit verlangsamt. Dadurch wird es eher noch schwieriger zu ermitteln, welche Mittel helfen, welche schaden und welche überhaupt keine Wirkung haben.

Als die Zahl der Toten in die Tausende ging, griffen Ärzte und Patienten zu Medikamenten, deren Eignung gar nicht nachgewiesen war. Parallel sorgten reihenweise Studien, die nicht den üblichen Standards entsprachen, für große Verwirrung. "Die Leute standen vor einer Epidemie und waren nicht bereit zu warten", sagt Dr. Derek Angus, Leiter der Intensivbehandlung am Krankenhaus der Universität Pittsburgh. "Wir haben die traditionelle klinische Forschung langsam und umständlich aussehen lassen."

Wirksamkeit von Dexamethason bewiesen

Erst Mitte Juni – fast ein halbes Jahr nach Bekanntwerden des Virus – gab es glaubwürdige Hinweise darauf, dass eines der untersuchten Medikamente bei einer Erkrankung die Überlebenschancen erhöht: Forscher in Großbritannien zeigten im Rahmen einer Studie, an der jeder sechste in Krankenhausbehandlung befindliche Covid-19-Patient teilnahm, dass der Wirkstoff Dexamethason hilft.

Die Erkenntnis führte quasi über Nacht zu einem weit verbreiteten Einsatz – noch vor der offiziellen Veröffentlichung der Ergebnisse und ohne unabhängige Überprüfung durch andere Wissenschaftler.

In den USA ließ eine weniger umfassende Studie auf eine verkürzte Genesungszeit bei Einnahme eines anderen Mittels schließen – auch wenn dabei Fragen bezüglich der besten Art der Anwendung offen blieben.

Behandlung nach dem Prinzip “Probieren geht über Studieren”

Weltweit untersuchen Ärzte, wie das Virus angreift. Zur Abwehr dieser Angriffe experimentieren sie mit Mitteln gegen Schlaganfall, Sodbrennen, Blutgerinnsel, Gicht, Hepatitis, Depressionen, Entzündungen, Aids, Krebs, Arthritis und sogar mit Stammzellen und Bestrahlung.

"Alle haben es praktisch mit irgendwas versucht, das möglicherweise wirken könnte. Und das ist nicht die Art, wie solide medizinische Praxis entwickelt wird", sagt Dr. Steven Nissen, Forscher der Cleveland Clinic und Berater der US-Arzneimittelbehörde FDA. "Verzweiflung ist keine Strategie."

Von den wenigen echten Studien in den USA wurden einige dadurch verwässert, dass Patienten zugleich eigene Medikamente nahmen oder durch laxe Methodik vonseiten der Pharmakonzerne, die die Studien finanzierten.

Ein weiteres Problem war die Politik. Zehntausende Menschen nahmen ein Malaria-Medikament, nachdem Präsident Donald Trump es beharrlich beworben hatte, unter anderem mit den Worten: "Was gibt es zu verlieren?" US-Chef-Virologe Dr. Anthony Fauci sagte daraufhin, er möge es, "Dinge zuerst zu beweisen". Drei Monate lang gab es viel Wirbel um den Wirkstoff Hydroxychloroquin – bis mehrere verlässliche Studien dessen Eignung widerlegten.

Zufallsprinzip oder Künstliche Intelligenz

Die "Revolverheld-Medizin" hat laut Dr. Otis Brawley dazu geführt, dass die Gesellschaft als Ganze erst mit Verzögerung gelernt hat, bestimmte Dinge zu verstehen. "Es fehlen handfeste Belege, weil wir die Wissenschaft nicht schätzen und respektieren", sagt der Experte von der renommierten Johns Hopkins University.

Auch einige klassische Wissenschaftler setzen in der aktuellen Ausnahmesituation derweil auf Abkürzungen. Der Mediziner Angus aus Pittsburgh etwa leitet ein innovatives Projekt, bei dem Künstliche Intelligenz zur Wahl der besten Behandlung genutzt wird. Bei allem gelte es momentan zu bedenken, dass die "Covid-Zeit" laufe, betont er. "Das ist die neue, merkwürdige Uhr, nach der wir uns alle zu richten haben."

Die 40 Kliniken des University of Pittsburgh Medical Center haben sich einer auch in Großbritannien, Australien und Neuseeland laufenden Studie angeschlossen, bei der die Patienten nach dem Zufallsprinzip eine von Dutzenden möglichen Behandlungsmethoden zugewiesen bekommen. Auf Grundlage der Ergebnisse werden die Behandlungen dann per künstlicher Intelligenz angepasst: Medikamente, die positiv auffallen, weist der Computer verstärkt zu; weniger erfolgversprechende werden schnell aussortiert.

Schnelle Sonderzulassung für Remdesivir

Als Hoffnungsträger unter den potenziellen Corona-Mitteln galt schon recht früh Remdesivir. Erste Studien in China und vom Hersteller Gilead Sciences selbst waren zwar nur bedingt aussagekräftig. Aber eine Ende April vorgestellte Untersuchung der US-Gesundheitsbehörden verwies auf eine um 31 Prozent reduzierte Genesungszeit bei Einnahme des Medikaments – nur noch elf Tage anstatt der sonst durchschnittlich 15 Tage. Weitere Studien in mehreren Ländern laufen noch.

Weil die Zeit drängt, wurden für Remdesivir bereits diverse Sonderzulassungen erteilt. Und das sehen viele Experten – bei aller Zuversicht – durchaus skeptisch. In Fällen, in denen Medikamente ohne ausreichende Tests für den allgemeinen Einsatz freigegeben worden seien, sei "immer wieder in der Geschichte der Medizin Menschen mehr geschadet als geholfen worden", sagt Brawley von der Johns Hopkins University.

Dr. Benjamin Rome und Dr. Jerry Avorn vom Brigham and Women’s Hospital in Boston nannten in einem Artikel in der Fachzeitschrift "New England Journal of Medicine" einige konkrete Beispiele. Die aktuelle Pandemie werde auch so schon sehr großen Schaden verursachen, schrieben sie. Und ein Schaden am etablierten System für Tests und Zulassungen von Arzneimitteln "sollte nicht Teil von ihrem Vermächtnis werden".

RND/AP

Lesen Sie jetzt