Herzen im Sturm erobert

Herzog inszeniert "Holländer"

DORTMUND Was für ein Jubel im ausverkauften (!) Dortmunder Opernhaus. Der neue Intendant Jens-Daniel Herzog hat das Publikum am Sonntag mit seiner packenden Inszenierung von Wagners Oper "Der fliegende Holländer" im Sturm erobert. Mit stehenden Ovationen feierte es den Aufbruch zu neuen Ufern.

von Von Julia Gaß

, 03.10.2011, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der Holländer (Andreas Macco, l.) kauft Daland (Wen Wei Zhang) seine Tochter Senta ab.

Der Holländer (Andreas Macco, l.) kauft Daland (Wen Wei Zhang) seine Tochter Senta ab.

Der ist in erster Linie dem hervorragenden Sängerensemble geschuldet, das zum Teil auf Weltklasse-Niveau sang. In der Textaussprache muss der ein oder andere Sänger noch ankommen in Deutschland. Und man hörte noch keine ausgefeilten Wagner-Stimmen; es klang auch ein bisschen Verdi und Mozart mit. Aber so eine Sängerqualität hat es in Dortmund lange nicht gegeben.Hochdramatischer Thriller

Herzog inszeniert den "Holländer" als hochdramatischen Thriller. Zweieinhalb, pausenlose Stunden verfliegen rasant. Man sitzt gebannt da, wird hineingesaugt in den Krimi. Die drei Aufzüge ziehen in Bühnenbildkästen vorbei, die wie in einem Schleppkahn aneinander gehängt sind. Ein Fenster gibt den Blick auf bedrohliches Meer frei. Die Ausstattung stammt von Mathis Neidhardt, mit dem Herzog seit zehn Jahren ein Team ist.

Ein Sturm fegt im ersten Aufzug durchs Dalands Kontor, wirbelt die Mannschaft (den spielfreudigen Opernchor) wie auf einer Schiffskombüse durcheinander, wütet in der in Aktenordnern gehüteten Ordnung.Enge Räume Herzogs Bühnenräume sind eng. Zur kleinen bürgerlichen Welt, in die der Untote Holländer einfällt, das Gespenst, das alle sieben Jahre an Land geht und versucht, sich zu erlösen, in dem er eine Frau findet, passt das. Die Spinnstube der Mädchen im zweiten Aufzug ist ein Schönheitssalon, der "Salon Sehnsucht", wie in norwegischer Sprache an der Schaufensterscheibe steht. 

Herzogs "Holländer" ist zeitlos, eine Fantasy-Geschichte, die Märchenabstand hat, aber in unserer Zeit angesiedelt ist. Auch in den sehr passenden Kostümen von Sibylle Gädeke.Erik erschießt Geliebte

Das dritte Bild ist die Matrosen-Kneipe der Norweger, ein Zecherstübchen, in dem es voll wird, in dem der Chor eng zusammenrücken muss und Erik, der Jägerbursche, ein Ausgestoßener (bei Herzog ein Zusammengeschlagener) ist. Starke Wirkung hat das Schlussbild auf offener Bühne vor dem Meer-Prospekt mit dem Holländer, der Senta ziehen lässt. In Dortmund stürzt sich das Mädchen nicht von einem Felsen - Erik erschießt seine Geliebte.Einprägsame Bilder

Sehr ruhig, ohne ständig rotierende Bühnenmaschinerie, die man früher oft in Dortmund gesehen hat, erzählt Herzog die Geschichte. Manchmal etwas bewegungskonform in den Chorchoreografien, die sehr kollektiv wirken. Dafür prägen sich Bilder ein. Auch das der vier Untoten mit Aktenkoffern voller Blut im dritten Aufzug.Junge, lyrische Senta

Christiane Kohl singt die Senta. Ein junge, lyrische Senta mit makelloser Stimme, aufblühender Höhe, voller Sehnsucht und Ausdruck, anrührend bis in den Tod. Mikhail Vekua trifft mit seinem Tenor als Erik direkt ins Herz, klingt am Schluss auch lyrisch, vorher oft sehr italienisch. So einen Tenor als Ensemblemitglied zu haben, ist ein gewaltiger Trumpf. Wen Wei Zhang ist an Stimme und Statur ein ebenso mächtiger Daland mit gewaltigem Bass.Morbider Geist Der Steuermann von Lucian Krasznec klang noch sehr nach Mozart, und Andreas Macco gab dem Holländer-Gespenst etwas sehr schön Morbides, hatte auch viele fahle Töne, die diese Geisterfigur, die jeder Figur anders erscheint, nicht nur optisch, auch musikalisch bewusst blass wirken ließen.Jugendliche Leidenschaft 

Die Dortmunder Philharmoniker, Wagner-erprobt, entfachten unter Leitung von Jac van Steen Sturmklänge im Graben, ließen jugendliche Leidenschaft toben. Wenn's mit so viel frischem Wind weiter geht in Dortmund, steht dem Haus eine glückliche Zeit bevor.   

Termine: 8./14./16./23. 10., 3./13./20./25.11., 7./ 16./ 23.12.; Karten: Tel. (02 31) 502 72 22.

www.theaterdo.de

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