Hildmann und der Pergamonaltar: Wie Verschwörungsideologen die Museumsinsel für sich entdeckt haben

Verschöwrungstheoretiker

Auf der Berliner Museumsinsel haben Unbekannte Kunstwerke beschädigt. Verschwörungstheoretiker beschäftigen sich schon länger mit den Museen. Auch Attila Hildmann verbreitete Aufrufe zur Zerstörung.

Berlin

21.10.2020, 15:06 Uhr / Lesedauer: 3 min
Laut Attila Hildmann soll im Berliner Pergamonmuseum der „Thron Satans“ stehen.

Laut Attila Hildmann soll im Berliner Pergamonmuseum der „Thron Satans“ stehen. © picture alliance / dpa

Auf der Berliner Museumsinsel sind Dutzende Kunstwerke augenscheinlich mutwillig beschädigt worden. Die Berliner Polizei bestätigte am Mittwochmorgen Berichte der „Zeit“, des „Deutschlandfunks“ und des Berliner „Tagesspiegels“. Zu weiteren Details und Motiven wollte sich die Behörde auch auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) nicht äußern.

Die Beschädigungen haben sich nach den Medienberichten am 3. Oktober ereignet. Dabei gehe es um rund 70 Objekte im Pergamonmuseum, dem Neuen Museum, der Alten Nationalgalerie und an anderen Standorten. Darunter seien ägyptische Sarkophage, Steinskulpturen und Gemälde des 19. Jahrhunderts. Sie sollen mit einer öligen Flüssigkeit bespritzt worden sein. Bisher ist unklar, wer dahinter steckt.

Hildmann verbreitete Falschbehauptungen

Die Museumsinsel und vor allem der dort befindliche Pergamonaltar sind jedoch schon länger Gegenstand kruder und unbelegter Verschwörungserzählungen. So hatte zum Beispiel der Vegan-Unternehmer und Verschwörungsideologe Attila Hildmann in den vergangenen Monaten mehrfach Falschbehauptungen über den Pergamonaltar und sogar Aufrufe zu dessen Zerstörung verbreitet.

Der Altar sei der „Thron Satans“ und das Pergamon-Museum das „Zentrum der globalen Satanisten-Szene und Corona Verbrecher“ schrieb Hildmann in einer Nachricht in seinem Telegram-Kanal, die auch von dem Sänger und Verschwörungsideologen Xavier Naidoo weiterverbreitet wurde.

Im Pergamon-Museum würde „der Thron Statans“ stehen

Ohne jeden Beweis ist in der Nachricht auch von angeblichen Menschenopfern die Rede, die in dem Museum gemacht würden. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die unweit von der Berliner Museumsinsel wohnt, wird von Hildmann als „Stasi-Satanistin“ beschimpft und mit den dort angeblich stattfindenden, frei erfundenen Ritualen in Verbindung gebracht.

In seinem Telegram-Kanal hat Hildmann die Nachricht mittlerweile gelöscht. In einer weiteren, ebenfalls gelöschten Nachricht, verbreitete Hildmann im August einen Aufruf, das Pergamon-Museum zu zerstören. Dadurch würde die Menschheit „auf einen Schlag frei“. Hildmann veranstaltete im Sommer mehrfach Demonstrationen auf der Museumsinsel. Auch am 3. Oktober gab es Proteste der verschwörungsideologischen Szene in Berlin.

Auch christlichen Fundamentalisten ein Dorn im Auge

Auch in weiteren Chatgruppen der rechtsextremen und verschwörungsideologischen Szene wurden in den vergangenen Monaten solche Botschaften verbreitet. Erfundene Behauptungen über den Pergamon-Altar als Zentrum angeblicher satanistischer Kulte sind jedoch bereits viel länger im Umlauf. Sie werden sowohl von Anhängern verschwörungsideologischer und esoterischer Kreise, als auch von christlichen Fundamentalisten verbreitet.

Häufig wird dabei auf eine Stelle in der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament verwiesen (Offb 2, 12-13). „An den Engel der Gemeinde in Pergamon“ gerichtet, heißt es dort: „Ich weiß, wo du wohnst; es ist dort, wo der Thron des Satans steht.“ Diese Formulierung wird auch von manchen Forschern auf den Pergamonaltar bezogen.

Der Pergamonaltar wurde im 2. Jahrhundert vor Christus unter König Eumenes II. in der Stadt Pergamon in der heutigen Türkei erbaut. Der deutsche Ingenieur Carl Humann begann dort 1878 mit Ausgrabungsarbeiten, die Teile des Altars freilegten. Die freigelegten Altarfriese wurden anschließend nach Berlin gebracht und werden seit Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Museumsinsel ausgestellt. Wegen Renovierungsarbeiten kann der Pergamonaltar noch bis voraussichtlich 2023 nicht von der Öffentlichkeit besichtig werden.

Polizei hielt Vorfälle geheim

Die Vorfälle auf der Museumsinsel sollen sich am Tag der Deutschen Einheit zugetragen haben und waren bisher nicht öffentlich gemacht worden. Auch, ob dieser Tag absichtlich gewählt wurde, ist unklar. Ein Ermittlungsverfahren wegen Sachbeschädigung sei eingeleitet worden.

Dem „Tagesspiegel“ zufolge wurden Besucher, die für den 3. Oktober Museumstickets gebucht hatten, vom Landeskriminalamt (LKA) angeschrieben und dringend um Mithilfe gebeten. Die Museumsinsel gehört seit 1999 zum Unesco-Weltkulturerbe. Anfang Oktober feierte das Pergamonmuseum seinen 90. Geburtstag. Benannt ist es nach seiner bekanntesten Attraktion, dem Pergamonaltar.

Als eines der wenigen Museen in Deutschland lockt das Pergamonmuseum jährlich mehr als eine Million Menschen an - wenn es komplett geöffnet ist. Die zwischen zwei Spreearmen gelegene Gruppe aus Altem Museum, Bode-Museum, Alter Nationalgalerie, Neuem Museum mit der berühmten ägyptischen Pharaonen-Büste der Nofretete und der James-Simon-Galerie als jüngstem Bau zog zusammen knapp 3,1 Millionen Menschen an.