Hinweis auf Corona-Immunität: Sind Antikörpertests für zuhause seriös?

Coronavirus

Privatpersonen können sich mittlerweile ganz einfach Corona-Antikörpertests nach Hause bestellen. Gesundheitsbehörden und Mediziner raten aber von Tests aus dem Internet ab. Das hat mehrere Gründe.

28.06.2020, 19:42 Uhr / Lesedauer: 3 min
Virologen und Infektiologen raten von im Internet bestellten Antikörpertests für Einzelpersonen ab. Sinnvoller sei es, an großangelegten Studien mitzuwirken.

Virologen und Infektiologen raten von im Internet bestellten Antikörpertests für Einzelpersonen ab. Sinnvoller sei es, an großangelegten Studien mitzuwirken. © picture alliance/dpa

Im Internet mehren sich die Angebote von nach Hause bestellbaren Antikörpertests. Sie versprechen Klarheit, etwa darüber, ob das Kratzen im Hals von vor zwei Monaten vielleicht doch ein Hinweis auf Corona war. Denn eine Infektion mit Sars-CoV-2 verläuft oft mit milden Symptomen, viele Patienten bemerken die Ansteckung gar nicht.

„Mit Hilfe dieses Tests lässt sich herausfinden, welcher Teil der Bevölkerung schon infiziert war und gegebenenfalls immun gegen das Coronavirus ist“, verspricht beispielsweise der Anbietet „Lykon“ auf seiner Homepage. Ein Testkit gibt es dort und auch beim Konkurrenten „Cerascreen“ für derzeit rund 69 Euro (Stand 28. Juni) und wird direkt nach Hause geliefert. „Wenige Tropfen Blut“ entnehmen Kunden laut der Hersteller zuhause oder beim Arzt.

Vorteil: Antikörpertests geben nach Genesung Hinweis auf Corona-Infektion

Die Probe wird zur Auswertung in ein medizinisches Fachlabor geschickt, wo es dann auf IgG-Antikörper untersucht wird. Diese sind nach bisherigen Erkenntnissen rund zwei bis drei Wochen nach einer Corona-Infektion nachweisbar - ein Vorteil im Gegensatz zum PCR-Test, der per Rachen- oder Nasenabstrich nur in einem kurzen Zeitfenster eine akute Corona-Infektion nachweisen kann.

Die Kosten für einen nach Hause lieferbaren Antikörpertest übernehmen die Krankenkassen in der Regel nicht. Nur wenn der Arzt entscheidet, dass der Antikörpertest medizinisch notwendig ist, könne die Behandlung über die elektronische Gesundheitskarte abgerechnet werden, erklärt etwa die Techniker Krankenkasse (TK) auf der eigenen Homepage. Der Test müsse in direktem zeitlichen Bezug zu einer Covid-19-Symptomatik stehen. „Privatrechnungen können von der TK nicht erstattet werden.“

Nachteil: Antikörpertests geben keine Auskunft zur Immunität und Infektiosität

Aber lohnen sich die Kosten überhaupt, um Gewissheit zu bekommen? Noch gibt es viele Unsicherheiten. Eine Mitte April auf dem Preprint-Server „medRxiV“ erschienene Studie aus Dänemark hat neun kommerzielle Antikörpertests untersucht. Die Wissenschaftler resümieren: „Es ist wichtig anzumerken, dass das Vorliegen Sars-CoV-2-spezifischer Antikörper nicht notwendigerweise bedeutet, dass man vor einer Sars-CoV-2-Infektion oder Erkrankung geschützt ist.“

Für ihre Beurteilung haben sie auch ein Augenmerk auf Spezifität und Sensitivität gelegt. Diese gelten als wichtige Parameter bei der Genauigkeit von Antikörpertests. Es seien zwei wichtige statistische Testgütekriterien, erklärt der Hausärzteverband Bayern in einem Schreiben:

  • Sensitivität ist der Anteil aller Infizierten, die mithilfe des Tests korrekt als infiziert identifiziert werden.
  • Spezifität ist der Anteil aller Nicht-Infizierten, die mithilfe des Tests korrekt als nicht infiziert identifiziert werden.

Unklar ist bislang allerdings, ob jeder Infizierte nach Abklingen einer akuten Infektion Antikörper bildet. So haben Forscher aus Lübeck in einer Studie mittels serologischer Tests bei Corona-Patienten festgestellt, dass 30 Prozent nach der Infektion mit Sars-CoV-2 keine Antikörper im Blut hatten.

Das Robert Koch-Institut schreibt auf seiner Homepage: „Für die Antikörperbestimmung gibt es kommerzielle Testsysteme, deren Spezifität und Sensitivität in Studien belegt sein müssen.“ Zum jetzigen Zeitpunkt könnten diese Testformate jedoch nicht abschließend beurteilt werden, sie ließen keine eindeutige Aussage zur Infektiosität oder einem Schutz vor erneuter Ansteckung zu.

Teuer, gefälscht, unsicher: Virologen raten von Heimtests ab

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte bereits vor gefälschten Tests, die im Umlauf sind. Labormediziner weisen auf eine fragliche Qualität vor allem bei Antikörper-Schnelltests aus dem Internet hin. „Grundsätzlich sind die Angebote überteuert und weisen zumindest bei den meisten Heimtests in der Regel keine ausreichende Sensitivität und Spezifität aus“, urteilt etwa Martin Stürmer, Virologe und Leiter eines Medizinlabors in Frankfurt am Main.

Ausnahmen seien Anbieter, bei denen zu Hause nur das Blut selbst abgenommen und die Probe dann ins Labor geschickt wird. Man müsse aber auch da ins Details der jeweiligen Anbieter gehen und in der Literatur schauen, ob es schon Testvergleiche gebe, rät Stürmer gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

"Wir wissen nicht, was die Antikörper wirklich bedeuten", sagt Matthias Stoll, Infektiologe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

"Wir wissen nicht, was die Antikörper wirklich bedeuten", sagt Matthias Stoll, Infektiologe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). © Ole Spata/dpa

Von einem Antikörpertest „aus reiner Neugier“ rät auch der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ab. Diese Tests seien ein Riesengeschäft. „Da muss man leider auch damit rechnen, dass mit harten Bandagen gekämpft und verkauft werden kann“, betont der Facharzt gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Bei einem Heimtest sei höchste Vorsicht geboten.

Eigentlich müsse der Test auf Antikörper in Deutschland unter Anleitung und Aufsicht eines Arztes durchgeführt und ausgewertet werden. Eine Ausnahme liege zwar vor, wenn der Test per Post ins Labor geschickt wird und eine telemedizinische Beratung stattfindet. Aber: „Ein Test, den Sie zu Hause vollständig selbst machen können, ist schon deshalb verdächtig darauf, dass damit etwas nicht stimmt, weil dieses Verfahren bisher in Deutschland noch nicht rechtskonform ist.“

Forschung zu Antikörpern und Coronavirus steht noch am Anfang

Auch Matthias Stoll betont die vielen offenen Fragen in Bezug auf Antikörper, Immunität und das neuartige Coronavirus. Es gebe etliche Infektionskrankheiten, die man trotz hoher Antikörpertiter jederzeit wieder bekommen könne.

In Deutschland bestehe eine geradezu euphorische Überzeugung, dass eine durchgemachte Covid-19-Infektion dauerhaft vor einer Neuinfektion schützen könne und dass man mit einem Impfstoff das Immunsystem zur nachhaltig schützenden Antikörperbildung veranlassen könne. „Beides kann man natürlich von Herzen hoffen, aber man sollte sich vom Verstand her auch darüber klar sein, dass diese Wunschvorstellung nicht das wahrscheinlichste Szenario für die nächsten Monate und Jahre sein dürfte“, sagt Stoll.

Noch stünde die Wissenschaft ganz am Anfang bei der Beurteilung der Antikörper und der zugehörigen Tests. Wer trotzdem neugierig ist, ob sich womöglich bereits Antikörper im Blut befinden, könne an einer der derzeit laufenden Studien mit großangelegten Antikörpertests teilnehmen, rät Stoll. Das eigene Geld werde gespart, gleichzeitig sei ausgeschlossen, dass der Test nur auf das Geldverdienen der kommerziellen Testanbieter ausgelegt ist.