Im Familiendrama „Der Stein“ fliehen die Frauen vor ihrer Vergangenheit

Essener Grillo-Theater

Wie lange lässt sich eine Familienlegende aufrechterhalten? Dieser Frage geht Marius von Mayenburg in seinem Stück nach. Das jetzt umjubelte Premiere im Grillo-Theater in Essen feierte.

von Britta Helmbold

27.10.2019, 12:49 Uhr / Lesedauer: 2 min
Im Familiendrama „Der Stein“ fliehen die Frauen vor ihrer Vergangenheit

1953 – kurz vor der Republikflucht: Mutter (Ines Krug, l.) und Tochter (Janina Sachau) in „Der Stein“. © Matthias Jung

Geschichtsstunde im Essener Grillo-Theater: Marius von Mayenburgs „Der Stein“ feierte in der Inszenierung von Elina Finkel am Samstag umjubelte Premiere. In dem Stück verdichtet der Autor fast 60 Jahre deutsche Geschichte zu einem Familiendrama. Die Regisseurin ergänzt es überflüssigerweise bis in unsere Tage – lässt am Ende ein Kind die Gravur eines Stolpersteins vorlesen.

Die Geschichte kennt man. Ein Haus, in diesem Fall steht es in Dresden, nimmt ein Ehepaar den jüdischen Bewohnern weg und verrät sie an die Gestapo. In der DDR werden die Besitzer enteignet, die Frau flieht mit der Tochter in den Westen, und kehrt nach der Wiedervereinigung in „ihr“ Haus zurück. Kein Erkenntnisgewinn.

Raffinierte Zeitsprünge erzeugen Spannung

Allerdings schafft es der Dramatiker, zu zeigen, wie Verdrängungsmechanismen funktionieren, sich Familienlegenden bilden und die Wahrheit nur recht zögerlich ans Licht kommt. Denn wer will schon einen Nazi als Gatten, Vater, Opa? Da glaubt man doch lieber an einen Helden im Widerstand, übersieht gerne das betretene Schweigen oder offensichtliche Details (Hakenkreuz statt Bundesverdienstorden).

Von Mayenburg erzählt nicht chronologisch, sondern springt in den Zeiten hin und her. Per Video werden die jeweiligen Jahreszahlen auf die aus grauen „Stein-“Quadern gebaute Rückwand projiziert (Bühne: Norbert Bellen). An der Kaffeetafel im Dresdener Heim im Jahr 1993 treffen Mutter, Tochter und Enkelin zusammen – und die Erzählung mit zahlreichen Rückblenden beginnt.

Die wandlungsfähigen Schauspielerinnen agieren überzeugend

So können in dem Drama vor allem die Schauspielerinnen ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Ines Krug spielt die Ehefrau des Nazis (Jan Pröhl mit Hitler-Bärtchen und Schmiss): 1935 präsentiert sie sich beim Gespräch mit der Jüdin Mieze (wunderbar Sabine Osthoff) als unschuldiges Naivchen, später erzählt sie ihrer Tochter Heidrun Märchen über den Papa, zeigt sich als resolute Verdrängungskünstlerin, bis sie 1993 eine leicht verwirrte Greisin abgibt.

Janina Sachau in der Rolle der Heidrun springt bezaubernd als junges Mädchen über die Bühne, gibt eine nette Schwangere beim Besuch des Hauses im Jahr 1978 ab und tischt als toughe Mutter 1993 die Familienlegende vom Opa als Widerstandskämpfer ihrer pubertierenden Tochter (Josephine Raschke) auf. Silvia Weiskopf spielt einen unbedarften Teenager, der sich über West-Schokolade des Besuchs 1978 freut, und 1993 kommt, „um zu stören“. Sie wurde mitsamt ihrem Opa aus dem Haus geschmissen und meldet nun moralische Ansprüche an.

Die geschickten Zeitsprünge und die überzeugend agierenden Mimen machen das Stück sehenswert.

Termine: 1. / 9. / 10. / 21. 11., 27. 12.; Karten: Tel. (0201) 812 22 00. www.theater-essen.de