In „Purgatorio“ hat Xin Peng Wang einen leisen Tanz mit der Seele choreografiert

Ballett Dortmund

Nach den höllischen Rhythmen im „Inferno“-Ballett aus Dantes „Göttlicher Komödie“ breitet das Dortmunder Ballett nun in „Purgatorio“ ein meditatives Fließen aus.

03.11.2019, 16:52 Uhr / Lesedauer: 2 min
In „Purgatorio“ hat Xin Peng Wang einen leisen Tanz mit der Seele choreografiert

Dante (Javier Cacheiro Alemán) im Pas de deux mit der Seele (Daria Suzi). Diese Schlussszene ist der Höhepunkt von Xin Peng Wangs Ballett „Purgatorio“, das am Samstag im Dortmunder Opernhaus Premiere gefeiert hat. © Theater Dortmund

Durch den Höllentrichter sind Dante Aligheri und sein Reisebegleiter Vergil im ersten Teil der „Göttlichen Komödie“ gerutscht. In der Fortsetzung, „Purgatorio“, erklimmen sie den Läuterungsberg, gehen durchs Fegefeuer und landen in den Vorgärten des Paradieses.

Der traumhaft schöne, sehr klassische und vorzüglich getanzte Pas de deux von Dante (ein wunderbar eleganter Solist: Javier Cacheiro Alemán) und der Seele (himmlisch getanzt von Daria Suzi, die der Seele Flügel verleiht) ist der Höhepunkt von Xin Peng Wangs Choreografie, die am Samstag im Dortmunder Opernhaus uraufgeführt wurde. Mit dem zweiten Teil der Trilogie setzt der Dortmunder Ballettchef den größtmöglichen Kontrast zu Teil eins – sowohl in der Ästhetik des Tanzes als auch musikalisch: Die Musik, das Orchesterwerk „Become Ocean“ von John Luther Adams, fließt als Minimal-Music vor sich hin. – So, wie alles fließt in diesen ruhigen 75 pausenlosen Minuten, auch die Bewegungen der Tänzer und die Video-Bilder auf der fast kahlen Bühne (Frank Fellmann).

Starke Bilder vom Fegefeuer

Ganz starke Wirkung haben die Projektionen in der Fegefeuer-Szene, wenn Bilder von gekrümmten Körpern (Kostüme: Bernd Skodzig) um die Tänzer schweben und Nebel und Feuerqualm aus Licht aus der Seitenbühne wabern. Das ist eindrucksvoll und der optische und theatralische Höhepunkt dieses Tanzabends. Imposant sind aber auch die originellen Schrittfolgen, Hebefiguren und Bewegungen in Wangs Choreografie, die Pas de deux mit dem Erzengel (Guillem Rojo i Gallego) und Soli von Vergil (akrobatisch und ausdrucksstark: Dann Wilkinson).

Den ersten Teil der Trilogie muss man nicht gesehen haben, um „Purgatorio“ zu verstehen. Aber man sollte die Handlung der „Göttlichen Komödie“ kennen. Selbst dann wird es schwer, die Versuchungen und Verheißungen alle zu erkennen. Aber die Tanz-Ästhetik kann jeder genießen, ohne die Handlung genau zu verfolgen. Man muss sich allerdings einlassen auf die meditative Ruhe, die dieses Stück ausstrahlt.

Wunderbar fließt die die Minimal-Music

Die Dortmunder Philharmoniker lassen die Minimal-Music wunderbar fließen. Philipp Armbruster hält die Musik fest zusammen, lässt sie nicht auseinanderdriften. Hochachtung auch vor dieser Konzentrationsleistung der Musiker und ihres Dirigenten.

Wer mehr verstehen will von dieser Choreografie, sollte vor der Vorstellung das Programmheft gelesen haben. Denn Wangs Ballett steckt voller Symbole und Zitate. Und viele sind nicht selbsterklärend, werden aber im Programmheft erwähnt. Läuterung ist Reinigung. Und Wasser bringt Reinigung. Das spielt auch in der zweiten eindrucksvollen Video-Sequenz eine große Rolle und ist noch gut nachvollziehbar. Ebenso wie die Reinigungsrituale des Körpers durch Klatschen. Aber dass die Knochen, die die Tänzer zu Beginn von einem Gebeine-Hügel greifen, eine Anspielung auf die Kunstaktion der serbischen Künstlerin Marina Abramovic mit Rinderknochen ist, die zwar legendär ist, aber bereits 19 Jahre zurückliegt, dürfte nicht jeder im Publikum gewusst haben.

Ein ruhiges Zwischenstück

Jubel beim Premierenpublikum für die Tänzer und den Choreografen. Etwas weniger Applaus gab es als nach „Inferno“, dem optisch wesentlich spektakuläreren ersten Teil von Wangs „Göttlicher Komödie“. „Purgatorio“ ist ein Zwischenstück, ein Tanz-Theater zum Durchatmen nach einem psychischen Inferno. Und ein mutiger Abend, weil dies ein Ballett ist, das mit ganz leiser Melancholie und wenigen Effekten den Weg ins Paradies bereitet. In das führt Wang dann in der nächsten Spielzeit.

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