Influencerin über „Fettfeindlichkeit“: „Das Schlimme ist, es geht immer noch dünner“

Fat Shaming

Seit Kindesbeinen kämpfte Melodie Michelberger gegen das Gefühl an, zu dick zu sein. Im Interview spricht die heute 44-Jährige über Diätwahn, Hass-Postings und Bikinifotos auf Instagram.

von Jutta Rinas

, 14.02.2021, 20:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
Ein Mann steht in einem Fitnesscenter und fasst an seinen Bauchspeck.

Ein Mann steht in einem Fitnesscenter und fasst an seinen Bauchspeck. © picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Melodie Michelberger hat viele Jahre als Redakteurin für Gala und Brigitte und als PR-Expertin für verschiedene Modelabels gearbeitet. Sie engagiert sich auf vielfältige Weise gegen Ungerechtigkeit und für Vielfalt, unter anderem auf Instagram.

Frau Michelberger, Sie kämpfen als Autorin und Influencerin seit Jahren gegen den Schlankheitswahn. Jetzt haben Sie ein Buch – „Body-Politics“ – geschrieben. Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass mit Ihrem Körper etwas nicht stimmt?

Ich war mit meiner Mutter einkaufen – mit sieben – und entdeckte den schönsten Rock, den ich je gesehen hatte. Er war so schön, dass ich mich selbst heute, an die 40 Jahre später, lebhaft an ihn erinnere. Ich zeigte ihn meiner Mutter. Sie sagte nur: Den kannst Du nicht tragen, der betont Deinen dicken Hintern. Das war das erste Mal, dass ich merkte, dass ich meinen Körper verstecken muss.

Haben Sie sich selbst damals eigentlich dick gefühlt?

Nein, überhaupt nicht. Ich war schon vorher manchmal gehänselt worden, weil ich etwas runder, weicher war. Aber das machte mir nichts. Mein Körper war kein Hindernis. Ich konnte spielen, klettern. Ich war ein wildes Kind. Das Gefühl, dass Dicksein nicht okay ist, kam im Grunde mit diesem Erlebnis. Es hat sich dann viele Jahre durch mein Leben gezogen.

Ihre Mutter hat „dicker Hintern“ gesagt. Das klingt herablassend, beschämend …

… ja, aber ich denke, das kennen viele Mädchen von ihren Mütter, Schwestern, Tanten. Das schreiben mir jedenfalls viele Frauen auf Instagram. Meine Mutter hatte früher selbst einen runden Körper, heute ist sie dick. Ich denke, sie wollte mich vor den Stigmatisierungen bewahren, die sie selbst erlebt hat. Deshalb hat sie mir auch diesen Rock nicht gewährt.

Was haben Sie danach in Ihrer Kindheit alles gemacht, um schlank zu werden?

Die Frage ist eher: Was habe ich nicht gemacht. Obsttage, Nulldiäten, Kohlsuppe … Ich glaube, es gibt kaum eine Diät, die ich nicht ausprobiert habe.

Sie schreiben, Sie haben sich nachts ein Maßband mit Tesafilm um den Bauch geklebt.

Ich war damals auf dem Weg in die Magersucht. Mein ganzer Tag drehte sich ums Abnehmen. Ich wollte dünn sein, es war mir egal, wie es mir geht. Und mein Bauch störte mich eben immer noch, obwohl ich damals wirklich schon sehr dünn war. Ich klebte mir das Maßband abends um, damit ich morgens sehen konnte, ob mein Bauchumfang kleiner geworden ist.

Ausgerechnet in dieser Zeit bekamen Sie die meisten Komplimente. Wie erklären Sie sich das?

Wir leben in einer Kultur, in der ein schlanker Körper als das erstrebenswerte Ideal für alle gilt. In dieser Diätkultur wird Schlankheit nicht nur automatisch mit Schönheit, sondern auch mit Erfolg und Begehrlichkeit gleichgesetzt. So lernen wir sehr früh, dass es besser ist, dünn zu sein. Ich wog damals 45 Kilo, es ging mir körperlich und psychisch sehr schlecht. Trotzdem bekam ich dauernd gesagt, wie toll ich aussehe, wie diszipliniert ich bin. So wurde mir nicht nur signalisiert, dass mein Körper vorher nicht richtig war, sondern dass es normal und angesehen ist, sich dauernd Nahrungsmittel zu entziehen und hart zu sich zu sein.

Sie hatten in Ihrem Buch anfänglich jede Menge Zahlen: Gewicht, Körpergröße, Body-Mass-Index, Cholesterinwerte, Kalorienangaben. Letztlich haben Sie alle gestrichen. Warum?

Ich habe früher mein Gewicht, den Umfang meiner Oberschenkel, meines Bauchs, meiner Hüfte notiert. Ich kann mich bei jedem Kleidungsstück an die Kleidergröße erinnern. Das waren alles Gradmesser meiner Wertschätzung. Ich weiß, wie sehr mich diese Zahlen unter Druck gesetzt haben und dass es vielen Frauen ähnlich geht. Ich wollte vermeiden, dass Menschen sich vergleichen. Bemerkenswert ist, ich werde immer nach Zahlen gefragt.

Und: Was sagen Sie?

Nichts mehr. Das Schlimme ist ja auch: Es geht immer noch dünner. Bei einer Reportage des ZDFs über mich wollte ein Kameramann Fotos aus meiner Magersucht-Zeit. Als ich sie ihm zeigte, meinte er: Ach, so dünn warst du ja gar nicht. Das ist das Prinzip: Wenn ich sage, ich wog 45 Kilo, sagt der nächste: Ach, erst 35 Kilo sind richtig schlimm. Dabei muss es doch reichen zu sagen: Ich war krankhaft dünn. Es ging mir schlecht.

In der Pubertät waren Sie geschockt darüber, wie sich Ihr Körper veränderte, weiblicher wurde. Warum?

Dieses Gefühl, mein Körper ist meine Feindin, wurde noch stärker. Er machte etwas, das ich nicht wollte. Man wird runder, bekommt Brüste, der Hintern wächst. Es ist total wichtig, dass man mit Mädchen darüber spricht, was in der Pubertät passiert. Leider hat das mit mir niemand gemacht. Im Gegenteil: Das Gefühl, dick zu sein, verstärkte sich durch die körperlichen Veränderungen noch.

Das Gefühl, dick zu sein, hat Sie viele Jahre begleitet, auch als erfolgreiche Modejournalistin noch. Zu den bedrückendsten Erkenntnissen in Ihrem Buch gehört, dass Sie ‚objektiv‘ gesehen, gar nicht immer dick waren.

Ich wurde als 22-Jährige zum Beispiel für die Brigitte-Diät fotografiert. Ich war bis zu der Arbeit an meinem Buch fest davon überzeugt, dass ich das Vorher-Bild, also die zu dicke, war. Warum hätten sie mich sonst fotografieren wollen? In meinen Augen war ich ja dick. Heute sehe ich auf dem Foto eine normale, lachende, Gemüse putzende 22-Jährige. Von dick keine Spur. Es war ein Meilenstein für mich und gleichzeitig wirklich verstörend, wie stark diese Diätkultur mein Bild von meinem Körper verfälscht hat.

Viele Frauen, die ganz normale Körper haben, fühlen sich dick. Wie erklären Sie das?

Wir wachsen mit einem fettfeindlichen Blick auf. Dick gilt in unserer Gesellschaft als etwas, das es unbedingt zu vermeiden gilt. Uns wird vermittelt, dicke Menschen zu verurteilen, und daraus ergibt sich eine fundamentale Angst davor, selbst dick zu werden. Ich hatte verinnerlicht, dass dicke Menschen faul, antriebslos und wertlos sind, sich ungesund ernähren und nicht bewegen, sich nicht zusammenreißen können und willensschwach sind. Und das wollte ich natürlich nicht sein, deshalb habe ich dagegen angekämpft. Ich dachte, das gute Leben wird losgehen, wenn ich erstmal dünn bin.

Haben Sie ein Beispiel für diesen fettfeindlichen Blick?

Wir sehen gar keine Körper wie meinen Heute-Körper, nicht in Werbefilmen, nicht in Filmen, nicht in Magazinen. Mein Lieblingsbeispiel ist: Es gibt keine einzige dicke Disneyprinzessin. Weder im Märchen noch in anderen Geschichten gibt es Mädchen, die nicht dem Schönheitsideal entsprechen. Noch ein Beispiel: Ich habe mir für mein Buch noch einmal testweise eine Bravo gekauft. Die Titelzeile war „Hilfe, ich bin dick.“ Wie soll man da ein neutrales Verhältnis zu seinem Körper bekommen?

Wie kam es dazu, dass aus der Frau, die sich für ihren vermeintlich dicken Körper schämte, die erfolgreiche Body-Positivity-Aktivistin wurde?

Das Umdenken begann vor ein paar Jahren, als ich in einen Burnout rutschte und zwei Jahre nicht arbeiten konnte. Damals wurde mir bewusst, wie schlecht ich all die Jahre mit meinem Körper umgegangen bin. Das war das erste Puzzle-Teil, obwohl ich damals noch dünner war als heute, noch essgestört. Dann kam feministische Literatur. Ich merkte, ich bin nicht allein. Wichtig war Instagram. Dort bin ich zum ersten Mal Frauen begegnet, die Bauch- und Hüftspeck, dicke Schenkel, hatten. Sie haben sich fotografieren lassen, darüber geschrieben. Das war für etwas total Neues für mich. Alles zusammen hat mir geholfen, loszulassen, meinen Körper nicht mehr zu bekämpfen, sondern ihn zu nehmen, wie er ist.

Ihr Credo ist: Wie ein gesunder Körper aussieht ist individuell und Privatsache. Für diese These ernten Sie viel Kritik. Dick sein sei ungesund, heißt es. Dicke Menschen als Vorbilder seien gerade für Kinder das falsche Signal. Was sagen Sie diesen Kritikern? In Zeiten von Corona wird Gewichtszunahme ja zunehmend ein Thema sein.

Mich wundert immer wieder, dass über die Gesundheit von dicken Menschen gesprochen wird, als wäre das nicht Privatsache. Raucher haben dieses Problem nicht, genauso wenig Menschen, die gern schnell Auto fahren. Und das sind beides nachweislich gesundheitsschädliche Verhaltensweisen. Früher als ich dünn und essgestört war, hat mich niemand, nicht einmal ein Arzt, gefragt, wie es mir geht. Dabei war ich nachweislich krank. Jetzt, wo ich einen sichtbar dicken Körper habe, muss ich auf einmal überall meine Gesundheit beweisen.

Sie zeigen Ihren Körper mittlerweile auf Instagram auch in Unterwäsche, auch um gängige Schönheitsideale zu brechen. Was bekommen Sie für Reaktionen?

Ich mache diese Bilder ja vor allem, um ein Stopper zu sein Ich will zeigen, dass es Menschen abseits des gängigen Schönheitsideals gibt, die sich selbstbewusst zeigen. Es kommen aber tatsächlich Leute extra auf meinen Account, um ihren Hass abzulassen. 90 Prozent Männer. Sie werfen mir vor, dass ich ein falsches, schlechtes Vorbild sei. Ich sei zu faul, meinen Körper zu verändern. Ich wolle, dass jeder dick sei. Dabei ist das völliger Quatsch, ich möchte nicht, dass jeder dick ist: Ich möchte, dass jeder Körper wertgeschätzt wird.

Wie gehen Sie mit solchen Kommentaren um?

Das geht natürlich nicht spurlos an mir vorbei. Mittlerweile fühle ich mich aber eher bestärkt, weiter zu machen. Die Reaktionen zeigen mir einfach, wie viele Menschen noch nie über Körperformen nachgedacht haben. Es gibt Männer, die mir schreiben: Kein Wunder, dass Sie Single sind. Niemand will eine fette Freundin. Das ist übrigens wirklich lustig, dass solche Internet-Trolle mich siezen. Das einzig Erschreckende ist: Da nehmen sich wildfremde Menschen heraus, über meinen Körper zu urteilen. Das haben meine Eltern und viele andere früher ja auch gemacht. Das ist meine Geschichte. Dass das nicht aufhört, ist schlimm.