Jirí Kylián ist ein Meister der Körpersprache

Aalto-Ballett Essen

Ohne das Wirken von Jirí Kylián wäre die europäische Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts ärmer. Das Essener Aalto-Ballett gibt mit "Archipel" einen eindrücklichen Einblick in das vielfältige Schaffen des gebürtigen Tschechen, dessen internationale Karriere als Tänzer beim Stuttgarter Ballett begann.

ESSEN

von Von Marieluise Jeitschko

, 24.04.2016, 16:43 Uhr / Lesedauer: 1 min
Yulia Tsoi und Armen Hakobyan in der Choreografie „Petite Mort“.

Yulia Tsoi und Armen Hakobyan in der Choreografie „Petite Mort“.

Vor allem aber schrieb er als Choreograf und Direktor des Nederlands Dans Theater (NDT, Den Haag) Geschichte. Vier Choreografien, entstanden zwischen 1986 und 2002, und ein Kurzfilm zeigen unterschiedliche Facetten dieses europäischen Meisters der Körpersprache.

Seine choreografische Handschrift ist überall unverkennbar: Geprägt von der Neoklassik hat Kylián schon früh bizarre, artistisch-athletische Elemente eingefügt, etwa Schmetterlingsflügeln ähnlich vibrierende Hände und Füße mitten in einer schwierigen Hebung, Beugen und Strecken von Gliedmaßen, blitzschnelle Rumpf- und Kopfneigungen in alle nur denkbaren Richtungen und Positionen.

Eleganz und Muskelspiel

Den Tanzenden im Aalto-Theater verlangt diese tempo- und gestenreiche Bewegungsfolge enorme Konzentration und Geschmeidigkeit ab. Solisten und Halbsolisten der 30-köpfigen Compagnie von Ben Van Cauwenbergh wachsen weit über sich hinaus - insbesondere in den beiden abstrakten Choreografien im ersten Teil.

Kyliánsche Eleganz, Poesie und Muskelspiele bringen allen voran Yanelis Rodriguez, Mariya Tyurina, Breno Bittencourt, Denis Untila und Wataru Shimizu auf die Bühne. An den fliegenden Ikarus erinnert das hochvirtuose Stück für vier Paare "Wings of Wax" (Flügel aus Wachs). Nach seiner Aufführungsdauer benannt und von Bühnentechnik dominiert ist das ebenfalls solistische Stück "27'52".

Darstellerisches Profil wird im zweiten Teil verlangt - Witz und Humor assistieren, auch in Form rollender Barockroben. Die Einstimmung gelingt durch eine der verfilmten Slapstick-Szenen im Zeitraffertempo aus "Happy Birthday", das Kylián 2001 für die Seniorengruppe NDT III kreierte.

Eine Delikatesse mit feiner Ironie serviert er in "Petite Mort". Wie Rad schlagende Pfauen suchen Degen fechtende, fast nackte Männer den Damen zu imponieren... bis diese am Ende der frivolen, anspielungsreichen "Sechs Tänze" alle Hüllen fallen lassen und sich in den Kulissen den stolzen Herren in die Arme fallen lassen.

Gelungener Abend

"Archipel" zeigt - wie Inseln in weiten Gewässern - Oasen einer Welt, der vielfältigen Tanzwelt Kyliáns. Ein wichtiger, gelungener Ballettabend.

 

Termine: 27./29.4.; 8./ 12./21.5.; Karten: Tel. (0201) 8122200.

 

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