Junge im Schrank: Marvin (15) wurde hundertfach missbraucht – erschütternde Anklage

mlzFall aus Recklinghausen

Bei einer Razzia findet die Polizei in Recklinghausen einen Jungen im Schrank. Marvin (15) war zwei Jahre lang vermisst und wurde hundertfach schwer missbraucht. Heute startet der Prozess.

Reckllinghausen

, 03.06.2020, 16:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

Knapp sechs Monate nach dem überraschenden Fund des seit mehr als zwei Jahren vermissten Teeanagers „Marvin“ (15) in einer Wohnung in Recklinghausen startet am Freitag (5. Juni) am Bochumer Landgericht ein Missbrauchs-Prozess mit erschütternden Vorwürfen.

Angeklagt ist ein 45-jähriger Mann. Es geht um 475-fachen sexueller Missbrauch sowie Besitz und Verbreitung von kinder- und jugendpornographischem Material in zigtausend Fällen.

Kind verschwand spurlos aus der Wohngruppe

Der heute 15-jährige Marvin aus Duisburg war im Sommer 2017 von einem auf den anderen Tag spurlos verschwunden. Damals war er noch 13 und hatte zuletzt in einer Jugend-Wohngruppe in Oer-Erkenschwick gelebt. Kurz vor Weihnachten 2019 war der Teenager am Rande einer Durchsuchung wegen Kinderporno-Verdachts bei dem nun Angeklagten zufällig in einem Schrank entdeckt worden.

Erste Verabredungen über WhatsApp

Laut Anklage hat sich der 45-jährige Tatverdächtige von Frühjahr 2017 bis Dezember 2019 in insgesamt mindestens 475 Fällen an Marvin sexuell vergangen. Die erste Verabredung soll 2017 über eine WhatsApp-Gruppe angebahnt worden sein. Den Ermittlungen zufolge kam es ganz zu Beginn zu Treffen mit sexuellen Handlungen, für die der Angeklagte den Teenager manchmal mit Bargeld (20 oder 50 Euro) und manchmal mit Zigaretten belohnt haben soll.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Marvin bei dem Angeklagten bis zu dem Fund im Schrank in dessen Wohnung rund zweieinhalb Jahre lang untergetaucht gewesen ist und durchweg gelebt hat.

Über all die Jahre soll es in der Wohnung in Recklinghausen regelmäßig zu sexuellen Handlungen gekommen sein. Sämtliche 475 Fälle sind als sexueller Missbrauch (von Jugendlichen) gegen Entgelt oder unter Ausnutzung einer Zwangslage angeklagt worden.

171 Fälle gelten noch als Kindesmissbrauch

In 171 Fällen davon lauten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft mit Blick auf das anfangs noch rechtlich als Kind einzustufende Alter Marvins (jünger als 14 Jahre) parallel auf schweren sexuellen Kindesmissbrauch. Zusätzlich zu der Hauptanklage wegen sexuellen Missbrauchs hat die Staatsanwaltschaft im Nachgang nach Sichtung der Beweismittel noch eine weitere Anklag erhoben – wegen Besitzes und Verbreitung kinder- und jugendpornographischen Materials in mehreren tausend Fällen.

Der Angeklagte sitzt seit Dezember 2019 in Untersuchungshaft. Im Falle einer Verurteilung nach Anklage droht dem 45-Jährigen eine empfindliche Gefängnisstrafe. Als Mindeststrafe sieht das Gesetz pro Einzelfall des schweren sexuellen Kindesmissbrauchs zwei Jahre Haft vor.

Der 15-jährige Marvin ist, vertreten durch seine Mutter, für den Prozess vor der 8. Jugendschutzkammer am Bochumer Landgericht als Nebenkläger zugelassen. Vorerst sind zehn weitere Verhandlungstage bis zum 25. Juni angesetzt.

Der Vermisstenfall Marvin

Der Vermisstenfall Marvin war im Juli 2019 Thema der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY…ungelöst“. Ein TV-Zuschauer soll die Ermittler damals nach der Ausstrahlung darauf hingewiesen haben, dass Marvin bereits 2016 Kontakt mit dem jetzt Angeklagten aus Recklinghausen gehabt habe. Zum Zeitpunkt des Anrufs war auch bereits bekannt, dass der 45-jährige Verdächtige wegen Besitzes von kinderpornographischem Material zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt worden war. Dieses Urteil war im März 2018 ergangen. Die Duisburger Polizei hatte wegen möglicher Versäumnisse im Zuge der erst im Dezember 2019 erfolgten Durchsuchung disziplinarrechtliche Vorermittlungen gegen eigenes Personal eingeleitet.
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Schon im Sommer soll es laut Polizei einen Hinweis zum Aufenthalt des damals vermissten Marvin K. aus Recklinghausen gegeben haben. Dem wurde aber wohl nicht nachgegangen.