Junge im Schrank: Prozess um 465-fachen Missbrauch gestartet - „Habe erst nur Füße gesehen“

mlzLandgericht Bochum

Die Anklage ist erschütternd. Es geht um 465-fachen Missbrauch, tausende Kinderpornos. Zum Prozessstart um den „Jungen im Schrank“ berichtete eine Polizistin, wie die Beamten Marvin (15) fanden.

Bochum, Recklinghausen

, 05.06.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Schwarze kurze Hose, ein altes T-Shirt – keine Socken, keine Schuhe: So kauerte der seit zweieinhalb Jahren vermisste Marvin in einem Kleiderschrank in einer Wohnung in Recklinghausen.

„Ich habe erst nur zwei Füße gesehen und mich total erschrocken“, sagte eine Polizistin am Freitag am Bochumer Landgericht. Dort hatte am Morgen der Prozess gegen einen 45-jährigen Mann aus Recklinghausen begonnen. Die Anklage hat es in sich: Es geht um 475-fachen Missbrauch und tausende Kinderporno-Dateien.

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Armband mit „Ich liebe Dich“

Es war der 19. Dezember 2019, als die Beamtin mit einer Kollegin und einem Auszubildenden in der Wohnung an der Hochstraße in Recklinghausen auftauchte. Eigentlich sollte nach Kinderporno-Dateien gesucht werden. Dabei wurde dann durch Zufall auch der vermisste Junge aus Duisburg gefunden.

An seinem Handgelenk trug er zwei silberne Armbänder. Eines war vom „BVB“, am anderen hing ein kleiner Anhänger mit der Aufschrift: „Ich liebe Dich.“ Ein Geschenk des Angeklagten, soll Marvin der Polizistin damals verschämt gesagt haben.

Nachbar: „Der macht nie auf“

Die Polizisten hatten lange gebraucht, um überhaupt in die Wohnung zu gelangen. „Der macht nie auf“, hatte ihnen ein Nachbar gesagt, nachdem sie bereits mehrfach vergeblich geklingelt hatten. Der Schlüsseldienst war schon bestellt, als die Wohnungstür dann schließlich irgendwann doch aufging - geöffnet von dem Angeklagten.

Den Beamten bot sich eine völlig vernachlässigte Wohnung. Ein Bettenlager im Wohnzimmer, Berge von aufeinanderliegender Kleidung, mittendrin auch noch der angeblich demenzkranke Vater des Angeklagten.

„Bist Du nicht der vermisste Marvin“, hatte die Polizistin den inzwischen 16-Jährigen sofort nach der Entdeckung gefragt. Die Antwort war kurz: „Ja, der bin ich.“

Provokant und gar nicht begeistert

Der Junge sei „total nervös“ gewesen, so die Beamtin vor Gericht. „Er hat immer mit den Beinen gezappelt, war hibbelig und hat versucht, mich zu provozieren. Im ersten Moment hatte ich das Gefühl, dass er gar nicht so begeistert war, dass wir ihn gefunden haben.“ Erst später, im Streifenwagen, habe sich der Teenager beruhigt.

Der Angeklagte wollte zu den Missbrauchsvorwürfen zum Prozessauftakt erst einmal gar nicht sagen. „Wir wollen die Beweislage abwarten“, so Verteidiger Markus Kluck am Rande der Verhandlung. Vielleicht werde der Angeklagte ja später noch Angaben machen.

Angeklagter sprach von „Freiwilligkeit“

Als der 45-Jährige direkt nach seiner Festnahme am Rande der Wohnungsdurchsuchung gefragt worden ist, ob er wisse, worum es gehe, soll er unter anderem von „Kinderdingsbums“ gesprochen haben. Dabei allerdings betont haben, dass er damit nichts zu tun habe. Er hätte seit seiner Verurteilung von März 2018 alles hinter sich gelassen, so ein Polizist als Zeuge im Prozess.

Später, als dem 45-Jährigen auf dem Revier gesagt wurde, dass verdächtige Bilder von ihm im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch vorliegen, habe er von „Freiwilligkeit“ gesprochen, dann aber sofort einen Anwalt verlangt und geschwiegen.

83 Bilder und zwei Videos von Übergriffen auf Marvin

Laut Anklage konnten auf mehreren Handys des Angeklagten insgesamt 83 Bilder und zwei Videos von sexuellen Übergriffen auf Marvin sichergestellt werden. Außerdem habe der Angeklagte häufig mit einem mutmaßlich Pädophilen aus Duisburg gechattet und Bilder ausgetauscht.

Im Falle einer Verurteilung drohen dem 45-Jährigen bis zu 15 Jahre Haft.

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