Kaurismäki-Film wird zum Slapstick-Reigen

Schauspielhaus Bochum

Ein Mann mit Koffer quetscht sich durch Reihe sieben im Schauspielhaus Bochum und nimmt in der Mitte Platz – nicht lange. Denn dann kommt ein Maskierter mit Baseballschläger und vertreibt ihn. Die Szene wiederholt sich mit immer neuen Vermummten – bis sie ihn auf die Bühne ziehen. Als der Vorhang sich öffnet, liegt der Mann – nun mit Kopfverband und ohne Gedächtnis – im Schnee.

BOCHUM

von Von Britta Helmbold

, 22.10.2017, 12:10 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kaurismäki-Film wird zum Slapstick-Reigen

Michael Kamp spielt den Mann ohne Vergangenheit im Bochumer Schauspielhaus.küster

So effektvoll startet Christian Breys Bühnenadaption von Aki Kaurismäkis preisgekrönter Tragikomödie „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002) am Samstag. Und der Regisseur setzt ganz auf Comedy, reiht einen Slapstick an Slapstick, den er entschleunigt ausspielen lässt. Dabei geht nur leider die melancholische Lakonie verloren, die den Humor von Kaurismäkis Filmen ausmacht.

Kunterbunte Märchenwelt


Die knappen Dialoge der finnischen Small-Talk-Verweigerer ergänzt die Regie mit gefühlsverstärkenden Liedern, gesungen von den Schauspielern und begleitet von einer dreiköpfigen Band. Selbst dem putzigen Bühnenhund entlockt das ein Winseln. So gerät das musicalhafte Schauspiel mit 160 Minuten wesentlich länger als der Film.

Die Handlung spielt am Hafen, allerdings nicht in einer tristen Containersiedlung, sondern in einem bonbonbunten dreietagigen Schiff (Ausstattung: Anette Hachmann). In dieser Märchenwelt kümmern sich die skurril angelegten Bewohner der Arche Noah selbstlos um den Fremden, den Michael Kamp als zurückhaltenden Typen mit leicht traurigem Ausdruck spielt.

Comedy-Spektakel


Ronny Miersch mimt den fiesen Vermieter wunderbar karikaturhaft. Benjamin Grüter und Kira Primke helfen als altes Ehepaar dem Namenlosen beim Aufbau eines neuen Lebens. Dazu gehört natürlich auch die Liebe, und die findet der Mann ohne Vergangenheit bei der zauberhaften Juliane Fisch, die das Mädchen von der Heilsarmee gibt und eine gefühlte Ewigkeit mit dem Aufbau ihres Klappbettes kämpft.

Kaurismäkis poetische Melancholie wird durch klamaukige Regieeinfälle ausgetrieben. Sozialkritik ist Breys Sache nicht, er inszeniert burleske Unterhaltung – und erntet vom Premieren-Publikum viel Applaus.

Termine: 25./27.10, 10./ 17./24.11.; Karten: Tel. (0234)33335555. www.schauspielhausbochum.de

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