Kein Domino-Effekt bei JeKi

Castrop-Krise überstanden

BOCHUM. Das Programm "Jedem Kind ein Instrument" ist eine Erfolgsgeschichte. 60 000 Kinder im Revier machen mit. Und doch hat die Finanznot zumindest in einer Stadt zu einer Krise geführt: Castrop-Rauxel wollte aussteigen. Die Eltern haben protestiert, eine Lösung ist in greifbarer Nähe. Hätte sich der Ausstieg zu einem Flächenbrand ausweiten können? Über diese Frage hat Bettina Jäger mit Birgit Walter (37), Vorstand der JeKi-Stiftung in Bochum, gesprochen.

17.03.2012, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Erklären Sie uns doch bitte die Lösung, die in Castrop-Rauxel gefunden wurde.

Castrop-Rauxel hat keine städtische Musikschule. Deshalb hatte die Volkshochschule die Organisation von JeKi übernommen - das war ganz offensichtlich nicht das optimale Verfahren. Jetzt soll eine externe Musikschule das Programm leiten. Es sind im Moment zwei Schulen anfragt - die Musikschule Rhein-Ruhr von Peter Thies und die Musikschule Dortmund. Mit Herrn Thies sind die Gespräche allerdings sehr viel weiter gediehen. Die Musikschule Rhein-Ruhr hat bereits 6000 Schüler - da sind 1000 mehr aus Castrop-Rauxel schon eine Herausforderung, aber eine machbare.

Werden die Lehrer weiterbeschäftigt? Ja. Niemand kann an den privaten Musikschulen vor Ort vorbeiarbeiten, immerhin sprechen wir von einer Versorgung von knappp 1000 Schülern vor Ort. Es wird aber mit Sicherheit Weiterentwicklungen geben. Ich glaube, in Castrop-Rauxel ist nicht sehr viel an pädagogischer Gesamt-Personalführung passiert, konnte auch gar nicht geleistet werden, denn es gab ja keine musikpädagogische Gesamtleitung.

Ändert sich etwas für die Eltern?

Nein, das Outsourcing wird nicht dazu führen, dass die Castroper-Rauxeler jetzt in der Fremde anrufen müssen, falls Fragen auftreten. Beispielsweise muss die Instrumentenausgabe natürlich in Castrop-Rauxel stattfinden. Die Stadt hat avisiert, hierfür Räume bereitzustellen.

Castrop-Rauxel bekommt rund 100 000 Euro an Landesmitteln für Jeki. Die Stadt hat künftig keine zusätzlichen Ausgaben mehr, muss allerdings Räume zur Verfügung stellen und erbringt so ihren Eigenanteil. Wie funktioniert das?

Letzten Endes ist es die unternehmerische Kalkulation des Vertragspartners, und hier wird Peter Thies wissen, was er tut. Die Musikschule Rhein-Ruhr ist so groß, dass Synergieffekte erzielt werden können, die mit einer kleineren Musikschule nicht möglich sind.

Meinen Sie nicht, dass andere Kommunen nun auch JeKi gern "umsonst" hätten?

Nein, es ist schon ein sehr spezifisches, auf Castrop-Rauxel zugeschnittenes Modell, das sich nicht so einfach auf andere Kommunen übertragen lässt. Kommunen, die eine eigene Musikschule unterhalten, wären schlecht beraten, wenn sie diese Infrastruktur zerschlagen würden.

Hätten Sie, wenn Castrop ausgestiegen wäre, Angst vor einem Flächenbrand gehabt? Hätten andere Kommunen JeKi hinterfragt?

Auch wieder nein. Der Domino-Effekt ist nicht eingetreten. JeKi hat einen sehr geringen kommunalen Eigenanteil - wir gingen bei den frühen Verträgen von 12,5 Prozent aus. Wer sparen will, ist schlecht beraten, an JeKi zu sparen, weil die Stadt viel bekommt für wenig Eigenanteil. JeKi ist für die Kommunen auch aufgrund der Beitragsbefreiung eine gute Sache - wir haben jetzt beispielsweise eine neue Geschwisterermäßigung: Wenn Eltern zwei Kinder in JeKi haben, zahlen sie pro Kind nur 50 Prozent. Die Kosten dafür übernimmt das Land.

Es gibt seit geraumer Zeit Pläne, JeKi auf ganz Nordrhein-Westfalen auszuweiten. Was würde das kosten?

Es kursieren verschiedene Zahlen für dieses Szenario. Ich würde mich freuen, wenn es eine Neuauflage dieser Rechnung geben würde. Im Landeshaushalt sind in diesem Jahr zehn Millionen für JeKi vorgesehen. Wir haben derzeit 700 Grundschulen im Programm. Bei einer ähnlichen Abdeckung im Land NRW wären es etwa 2500 Grundschulen, also vorsichtig gerechnet Kosten von 35 Millionen Euro, wobei dies natürlich noch eine umfangreichere Berechnung erfordert als eine einfache Dreisatzrechnung. Im rot-grünen Koalitionsvertrag stand übrigens, dass JeKi landesweit ausgedehnt werden soll.

Aber dieser Koalitionsvertrag ist eigentlich jetzt Makulatur. Das stimmt. Aber es besteht im Fall von JeKi ein großes Ungleichgewicht zwischen den Kommunen im Ruhrgebiet und denen außerhalb. Landesmittel werden sehr ungleich verteilt. Das war währen der Kulturhauptstadt nachvollziehbar. Jetzt werden die Stimmen lauter, dass andere auch in den Genuss dieser Förderung kommen wollen. Das halte ich für gerechtfertigt.

Nein, denn es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder Rot-Grün bleibt, dann geht unsere Arbeit unverändert weiter. Oder es wird einen Regierungswechsel geben. Eine CDU-geführte Regierung hatte aber JeKi aus der Taufe gehoben. Außerdem ist JeKi so groß, dass man es nicht einfach einstampfen kann. Wir sprechen von 60 000 Kindern. JeKi ist im Ruhrgebiet eine feste Größe.

Entsteht durch JeKi ein grundsätzliches Interesse an der Musik?

In JeKi geht es darum, dass jedes Kind die Möglichkeit erhält, ein Instrument zu lernen. Aber kein Kind muss das auf Gedeih und Verderb durchziehen. Der Erfolg bemisst sich nicht dadurch, dass alle dabei bleiben, sondern dass alle in den Genuss dieser Erfahrung an sich kommen. Wenn ein Sportlehrer sechs Wochen Basketball mit seinen Schülern spielt, wird er nicht erwarten, dass alle anschließend in den Basketball-Verein eintreten. Die Begegnung mit dem Instrument als solche ist wertvoll, weil die Kinder sie nicht mehr vergessen.

Gehen diese Kinder später ins Konzert oder die Oper? Das hoffe ich doch sehr. Wir planen mit dem Konzerthaus Dortmund eine sehr schöne Kooperation ab Oktober 2012. Für JeKi-Kinder wird es die Möglichkeit geben, an ausgewählten Konzerten zu vergünstigten Preisen teilzunehmen. So werden Schwellenängste abgebaut.

 

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