Kimmig inszeniert gehetzte Menschen in „Onkel Wanja“

Schauspielhaus Bochum

Die gefällige Depression, die oft über Tschechow-Inszenierungen liegt, das Klebrig-Zuckrige hat Stephan Kimmig immer gestört. Sein "Onkel Wanja" im Schauspielhaus Bochum hat Tempo, ist voller Bewegung, manchmal komisch. Die Verzweiflung der Figuren ist dadurch nicht minder stark.

BOCHUM

, 21.09.2014, 16:21 Uhr / Lesedauer: 1 min
Das Leben eine Baustelle: Onkel Wanja (Werner Wölber) und die kapriziöse Elena (Therese Dörr).

Das Leben eine Baustelle: Onkel Wanja (Werner Wölber) und die kapriziöse Elena (Therese Dörr).

Der Regisseur, dessen Inszenierung am Samstagabend zum Saisonauftakt Premiere hatte, platziert drei riesige Scheinwerfer mitten in den Zuschauerraum. Ganz nah ran will er an jeden einzelnen der Tschechowschen Menschen. Das lässt die Schauspieler strahlen.Fragile Konstruktion

Onkel Wanja, seine Nichte Sonja, der Arzt Astrow - sie haben sich eingerichtet in der fragilen Konstruktion, die da Leben heißt. Oliver Helf hat dafür ein an eine Baustelle erinnerndes Gerüst aus Stangen und Balken gebaut, einen kargen, kalten Raum geschaffen, der keinen Ausgang hat - alle acht Schauspieler sind ständig auf der Bühne.

Wie wackelig das Konstrukt ist, zeigt sich, als Wanjas Schwager und dessen junge, kapriziöse Frau Elena auf das Landgut kommen. Ihnen haben Wanja und Sonja alles geopfert, um jetzt zu merken, dass der wie ein Gott verehrte Gelehrte nur Phrasen drischt. Die Männer begehren Elena, Sonja dagegen liebt - unbemerkt - den Arzt, Elena verliebt sich ein wenig in Astrow. Doch die Liebe ist nur ein Vehikel, um der Frage nach dem Sinn oder der Leere des eigenen Lebens zu entkommen.Wie gefangene Tiere

Sie hetzen über die Bühne, manchmal wie gefangene Tiere in einem Käfig - es wird viel gerannt im Laufe des zweieinhalbstündigen Abends. Dass die Inszenierung großartig ist, verdankt sie Kimmigs genauen Blick auf jede einzelne Figur. Und den Schauspielern, die diese leben und atmen lassen.

Vor allem nach der Pause verdichtet sich das Bild. Wie Werner Wölbern die Verzweiflung Wanjas spielt, ist grandiose Schauspielkunst. Großartig auch Minna Wündrich als bebrillte Sonja, die tapfer mit der Erkenntnis lebt, dass sie hässlich und ungeliebt ist. Therese Dörr windet sich als kapriziöse und unendlich gelangweilte Elena an den Stangen, Felix Rech als Arzt Astrow mit riesigem, hängenden Bart steckt die Unruhe bis in die Zehen, Peter Lohmeyer schwankt als Professor zwischen Eitelkeit und Selbstmitleid.

Allen galt am Ende der lange Applaus. Ein starker Saisonauftakt.

Termine: 2./5./25.10.; Karten: Tel.(0234) 33 33 55 55.

 

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