Zwei kleine Kinder, zwei Berufe, nur wenig Raum für Leidenschaft: Ein Erfahrungsbericht über die Proben für die Liebe junger Eltern - und warum eine Paartherapie sinnvoll sein kann.

Dortmund

, 26.11.2018, 18:03 Uhr / Lesedauer: 6 min

Jetzt sitzen wir hier. Ein heller Raum mit fünf Stühlen. Ein Beistelltisch mit Taschentüchern. Ich schaue zu Kerstin. Sie hat Tränen in den Augen. „Mann, Mann, wie konnte es soweit kommen?“, frage ich mich. Wir bei einer Paartherapie. Jahrelang lief alles bestens. Acht Jahre sind wir damals zusammen. Unsere beiden Töchter – sechs und zwei Jahre alt - sind unser größtes Glück. Sind sie vielleicht aber auch ein Teil für unsere Probleme? Fest steht: Sie sind der Ansporn dafür, dass wir kämpfen wollen – um unsere Familie, um unsere Beziehung. Darum sind wir hier, bei einer Paartherapie.

„Schön, dass Sie gekommen sind, dass Sie sich für diesen Schritt entschieden haben“, sagt die Paartherapeutin, als sie den Raum betritt und gegenüber von uns Platz nimmt. Braune Haare, Jeans, Sweatshirt, so circa Ende Dreißig – also ungefähr in unserem Alter. Kerstin ist damals 31, ich 38 Jahre alt. Die Therapeutin lächelt.

Ich schaue wieder zu Kerstin. Sie lächelt nicht. Wir sind beide angespannt. „Erzählen Sie mal einfach“, sagt die Therapeutin. „Warum sind Sie gekommen.“ Wir hatten schon in einem Vorgespräch erzählt. Das war bei einem Mann, der wohl entscheiden sollte, ob unser Fall ernst genug ist. Wir sitzen hier. Also ist es ernst genug.

Ich hätte es besser wissen müssen

„Ich fang mal einfach an“, sage ich und schildere eine typische Situation. Sie liegt schon etwas zurück, die Kinder waren noch klein. Ein langer Arbeitstag in Dortmund, eine nervige Fahrt nach Hause. Aber es ist Freitag, Wochenende. Ein Anflug von Euphorie, ich freue mich auf zuhause – auf Kerstin und die Kinder.

Ich werde eine Geschichte vorlesen und in dankbare Kinderaugen blicken. „Schlaf gut Papa, ich hab dich lieb“, werden meine Mädchen säuseln, sich in ihre Decke kuscheln und einschlafen. Kerstin und ich werden ein Glas Sekt trinken und eine Kleinigkeit essen, über unseren Tag sprechen. Kerstin wird vorschlagen: „Lass uns ins Bett gehen.“ Wir werden uns lieben. Ich werde ihr einen zärtlichen Gute-Nacht-Kuss geben und danach Sport im Fernsehen schauen. Perfekt! So stelle ich mir das vor. Es gab solche Abende - aber eigentlich müsste ich es besser wissen.

Als ich die Haustüre aufschließe, trifft mich die Realität. Die Zweijährige muss irgendwo im Wohnzimmer sein, wenn ich die Schreie richtig orte. Die Sechsjährige stürmt um die Ecke, begrüßt mich nicht, sondern legt gleich los: „Mama will nicht, dass Susa und Lotta morgen hier schlafen, ich find das voll ungerecht, bei Ida dürfen auch immer alle schlafen, ich find das voll ungerecht…“

Kein Sekt, keine Liebe

In der Küche sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Kerstin hat Ringe unter den Augen und schaut mich gar nicht richtig an. „Bring Du die Kinder ins Bett, ich hab keinen Bock mehr. Echt, mir reicht’s!“ „Warum schreit die Kleine?“, frage ich. „Wollte kein Graubrot essen, Toast haben wir nicht mehr. Ich mach die Küche, Du die Kinder“, sagt Kerstin. Es dauert eine halbe Stunde, bis die Kurzen im Bett sind – ohne Vorlesen. Hauptsache gemeistert. Kerstin räumt auf, trinkt einen Tee und verabschiedet sich Richtung Bett. Kein Sekt, kein Gespräch über den Tag, keine Liebe.

„Wie haben Sie sich da gefühlt?“, fragt mich die Therapeutin. „Klar einerseits war ich…“ „Sagen Sie es nicht mir, sprechen Sie mit Ihrer Frau“, unterbricht sie mich. Ich sehe Kerstin an. Sie schaut ernst. „Klar war ich enttäuscht, dass der Abend so verlaufen ist. Aber ganz ehrlich…“, ich sehe wieder die Therapeutin an, „nach dem langen Tag und dem Stress mit den Kindern wollt ich dann einfach nur noch aufs Sofa“.

Umfrage zeigt: Einfach zu müde für Sex

In einer Forsa-Umfrage, die die Zeitschrift „Eltern“ in Auftrag gegeben hat, sagten 64 Prozent der befragten Eltern, dass der Alltag mit Kind sie oft so stresst, dass sie schlicht zu müde für Sex sind. 72 Prozent der Frauen stimmten dieser Aussage zu, bei den Männern waren es „nur“ 55 Prozent. Bei den Eltern mit Kindern zwischen drei und vier Jahren waren es sogar 73 Prozent, die angaben, aus Müdigkeit auf Sex zu verzichten.

Kerstin und ich waren lange glücklich, trotz vieler schwieriger Momente. Aber nach diesen Momenten war stets alles wieder gut. Als vor sechs Jahren unsere erste Tochter zur Welt kam, war alles noch besser. Seit zwei Jahren sind wir zu viert. Unsere zweite Tochter stieß dazu und wir fühlten uns komplett. Eine junge glückliche Familie in einer Hundert-Quadratmeter-Wohnung, alle gesund, Kerstin und ich mit guten Jobs. Sie selbstständige Keramikerin mit einer eigenen Werkstatt, ich Journalist. Eigentlich ein Leben wie gemalt.

Kinder, Beruf und Leidenschaft? Wie Kerstin (34) und ich (41) unsere Liebe gerettet haben

Als vor sechs Jahren unsere erste Tochter zur Welt kam, war alles noch besser. Seit zwei Jahren sind wir zu viert. Unsere zweite Tochter stieß dazu und wir fühlten uns komplett. © Habersack

Aber dann, ich kann nicht mal mehr genau sagen wann, bekam das Glück erste Risse. Meinungsverschiedenheiten wurden zu kleinen Streits, wurden zu großen Diskussionen und mündeten schließlich in Sprachlosigkeit. Spätestens da wurde es gefährlich. Familie und Job, Kerstin und ich: Wir waren gut darin, alles zu organisieren – aber wir vergaßen, uns zu genießen. Die Lust aufeinander, die Lust auf die Lust: Sie wurde immer seltener.

Natürlich sind kleine Kinder Lustkiller

Junge Paare mit kleinen Kindern, deren Beziehungs-Glück Risse bekommen hat: Ann-Marlene Henning trifft in ihrer Hamburger Praxis häufig auf solche Fälle. Die Sexual- und Paarberaterin ist der Meinung, dass man kleine Kinder durchaus als Lustkiller bezeichnen kann. „Man kann sie nicht einfach aus intimen Momenten, einer Beziehung wegdenken. Im Prinzip wird man dauergestört, ständig unterbrochen. Die sind immer da und so schön alles ist, es ist anstrengend“, sagt Henning.

Zur Person

Ann-Marlene Henning

Kinder, Beruf und Leidenschaft? Wie Kerstin (34) und ich (41) unsere Liebe gerettet haben

© Gunnar Meyer

Ann-Marlene Henning arbeitet in Hamburg als Paar- und Sexualtherapeutin. Sie studierte zunächst Neuro-Psychologie, später in der Schweiz auch Sexologie und Paartherapie. Ihr erstes Buch „Make Love – Ein Aufklärungsbuch“ erschien im Mai 2012 und wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 nominiert. Bekannt wurde Henning durch die TV-Dokumentation „Make Love – Liebe machen kann man lernen“.

Trotz aller Schwierigkeiten, rät sie Paaren zu Gelassenheit. Denn: „Wenn Eltern mit kleinen Kindern sich darauf einstellen, dass es eine Phase ist, dann kann es doch auch wieder anders werden, wenn die Kinder größer sind. Man muss realisieren: Es ist nur eine Phase – und es ist eine anstrengende“, sagt Henning.

Im Kreisel der Vorwürfe

Kerstin erzählt von einem anderen Abend. Sie freut sich auf mich, aber um 20.30 Uhr bin ich immer noch nicht da. Als ich um 21 Uhr schließlich daheim eintreffe, denke ich nur an drei Dinge: „Was ein Scheiß-Tag, jetzt was essen und Champions League – meine Bayern spielen im Viertelfinale.“ Kerstin sagt, dass ich sie an diesem Abend angeschaut, aber nicht gesehen habe. Dass sie mich gebraucht hätte, mir aber irgendein Fußballspiel wichtiger gewesen sei. Dass die Tage mit den Kindern lange sind und sie auf mich wartet. Dass sie sich oft alleine fühlt, obwohl ich da bin. Dass sie die körperliche Nähe vermisst.

Die Therapeutin nickt verständnisvoll. „Wie fühlt sich das für Sie an, wenn Ihre Frau das sagt?“, fragt sie mich. Dass Kerstin sich alleine fühlt, sagt sie mir oft. Ich gehe um 8.30 Uhr aus dem Haus und bin selten vor 20 Uhr zurück. Ihre Werkstatt, die beiden Kinder, sie zu ihren Hobbys und Verabredungen kutschieren, Mittag- und Abendessen machen, Ordnung halten, die Kurzen ins Bett bringen und so weiter – Kerstin ist quasi alleinerziehend.

„Mir ist das bewusst“, antworte ich. „Aber wenn Du sagst, dass Du dich alleine fühlst, klingt das für mich nach einem Vorwurf. Ich bin ja nicht zum Spaß den ganzen Tag in Dortmund, das ist mein Job“, sage ich zu Kerstin. Ihre Augen sind feucht. „Ich weiß, aber ich muss doch sagen dürfen, wie ich mich fühle. Wenn Du wenigstens ganz da wärst, wenn Du zuhause bist.“ Jetzt sind wir wieder mittendrin in unserem Kreisel. Ich finde, dass ich da bin. Dass ich immer frage, wie der Tag war, wie es den Kindern geht, wie es Kerstin geht. Dass ich frage, weil es mich interessiert, weil es der wichtigste Teil in meinem Leben ist. „Aber oft hast Du keine Lust, zu reden“, sage ich zu Kerstin.

Nicht nur Mutter und Vater, sondern Frau und Mann

„Weil ich müde, weil ich leer bin, wenn Du abends kommst. Ich sehne mich dann nur nach körperlicher Nähe. Aber dafür bist Du meistens zu müde und zu leer.“ So sieht es aus. Die Therapeutin nickt wieder. „Wie können Sie sich wieder Freiräume nur für Sie als Paar erobern?“, fragt sie. Es sei wichtig, sagt sie, die Rollen trennen zu können. Zu lernen, sich nicht nur als Mutter und Vater, sondern wieder als Frau und Mann zu sehen, mit Bedürfnissen, die erst mal nichts mit der Familie zu tun haben.

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Bedürfnisse sind noch da, tauchen aber meist zur falschen Zeit auf. Früher, als wir noch keine Kinder hatten und frisch verliebt waren, hatte die Lust noch alle Freiheiten. Wenn die Liebe uns packte, war die Tageszeit egal. Heute ist sie die das Allesentscheidende. Nach sieben Uhr morgens und vor 21.30 Uhr abends geht eigentlich nichts. Unsere Kinder sind tagaktiv und eigentlich immer da. Die Zweijährige neigt zudem zu Nachtaktivität.

Man hat sich gerade gegen den Schlaf und für die Leidenschaft entschieden, da ruckelt es an der Türklinke. Die Schlafzimmertür öffnet sich. Ein kleiner Mensch mit Schnuller und Schnuffeltuch, in einem rosa Schlafanzug mit einem dicken Windelhintern stapft herein und legt sich wortlos zwischen uns in die vorgewärmte Bettmitte. Und ruckzuck verwandeln sich Mann und Frau wieder in Papa und Mama. Selbst wenn man jetzt noch wollte, man könnte nicht einfach aufstehen nach dem Motto: „Dann machen wir halt im Wohnzimmer weiter“. Fände die Kurze nicht so gut. Die ist zu uns ins Bett gekommen, weil wir auch da sind. Im Zweifelsfall käme sie einfach mit ins Wohnzimmer.

Kinder, Beruf und Leidenschaft? Wie Kerstin (34) und ich (41) unsere Liebe gerettet haben

Eine junge glückliche Familie. Eigentlich ein Leben wie gemalt. © Habersack

Wir haben die Kinder auch mal mittags zum Spielplatz geschickt. Frische Luft für sie, frischer Wind in der Beziehung für uns – so der Plan. Als Kerstin die Rollladen herunter lassen wollte, standen unten die Kinder. Genau vor dem Fenster und sahen hinauf. „Hallo Mama“, rief die Große. „Können wir wieder reinkommen?“

Als ich das erzähle, muss auch Kerstin zum ersten Mal schmunzeln. „Sehen Sie“, sagt die Therapeutin und lächelt. Sie erzählt, dass sie auch zwei Kinder hat und das alles kennt. „Seien Sie behutsam zu einander. Kochen Sie sich gegenseitig einen Tee, nehmen Sie sich Zeit füreinander, versuchen Sie sich wieder mehr als ein Paar zu sehen und schaffen Sie sich schöne Momente. Wir sehen uns in der nächsten Woche wieder.“

Das beste war die Entscheidung dafür

Als Kerstin und ich das Gebäude verlassen, umarmen wir uns - noch etwas zaghaft. In der vergangenen Stunde haben wir uns nichts Neues gesagt, aber wir haben uns anders zugehört. Das beste an dieser Paartherapie ist, das wir uns für sie entschieden haben. Dass wir uns einig darin waren, diesen Schritt zu gehen. Dass wir uns gegenseitig zeigen, dass wir es ernst meinen mit uns. Mit uns als Familie, mit uns als Paar.

Über drei Jahre ist das jetzt her mit der Paartherapie. Sie hat uns gut getan, auch wenn wir nur dreimal hingegangen sind. Kurz nach der letzten Sitzung habe ich Kerstin einen Heiratsantrag gemacht. Wir haben zwei tolle Kinder und finden, dass wir ein tolles Paar sind. Schwierige Momente gibt es immer wieder, aber irgendwie sind wir entspannter geworden und reden mehr. Es hat sich gelohnt, zu kämpfen!

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