Auch Dortmunder Kitas spüren den Fachkräftemangel

mlzGute-Kita-Gesetz

Das „Gute-Kita-Gesetz“ von Familienministerin Franziska Giffey (SPD) soll unter anderem die Betreuungsqualität verbessern. Gutes Fachpersonal ist heiß begehrt - auch in Dortmund und Lünen.

Dortmund

, 22.02.2020, 15:12 Uhr / Lesedauer: 4 min

Deutschlands Kitas sollen besser und für Geringverdiener kostenlos werden. Ab diesem Jahr können die Länder dafür Mittel über das sogenannte „Gute-Kita-Gesetz“ erhalten. Bis 2022 fließen dafür 5,5 Milliarden Euro vom Bund an die Länder. 2019 sind es zunächst 500 Millionen Euro. Mit dem Geld können zum Beispiel längere Öffnungszeiten oder zusätzliche Erzieher für Kindergärten und Kindertagesstätten finanziert werden.

Das scheint bitter nötig zu sein. Zuletzt sorgten Meldungen aus Berlin für Aufsehen, als sich eine private Kita aufgrund Personalmangels zu Kündigungen der Betreuungsverträge von mehr als 100 Kindern gezwungen sah.

Auch im benachbarten Bundesland Niedersachsen gab es zuletzt Fälle, in denen Kitas aus Personalnot ihre Öffnungszeiten stark einschränken und sogar Schließungstage einführen mussten.

In NRW hat sich Familienminister Joachim Stamp (FDP) Anfang Januar mit den Kommunalen Spitzenverbänden auf Eckpunkte für eine Reform des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) geeinigt. Man wolle außerdem eine „Platzausbau-Garantie“ geben und zudem mehr Flexibilität durch verlängerte Öffnungszeiten anbieten. Dazu sollen ab dem Kita-Jahr 2020/21 jährlich über 1,3 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden, die sich aus Bundes-, Landes- und Kommunalmitteln zusammensetzen.

Mehr Fachkräfte, mehr Flexibilität

„Kitas kämpfen bekanntermaßen mit der Unterfinanzierung. Die Einigung mit den kommunalen Spitzenverbänden macht den Eindruck, dass endlich ein Index erstellt wird, der den tatsächlichen Kosten gerecht werden könnte“, sagt Barbara Nolte. Sie ist Referatsleiterin Erzieher/-innen im Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW und leitet selbst eine Kita. Gleichzeitig kritisiert sie die Ankündigungen des Ministers.

„Es ist völlig unklar, wie wir die angekündigten flexiblen Öffnungszeiten wuppen sollen“, so Barbara Nolte weiter. Mehr Flexibilität sei unter dem Aspekt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicherlich wünschenswert. „Das gelingt aber nicht ohne ausreichend Fachkräfte“, kritisiert Nolte. Flexiblere Öffnungszeiten seien landesweit mit dem jetzigen Personal nicht zu stemmen. Viele Kitas seien unterbesetzt.

„Die Situation in vielen Kitas ist prekär und die Kolleginnen und Kollegen vor Ort leisten viel und viel mehr über ihre Arbeitszeit hinaus, sonst wäre das System Kita längst zusammengebrochen.“ Längst häuften sich Beschwerden von Eltern über Gruppenschließungen oder Notgruppen, da aufgrund von Krankheitswellen die ohnehin knappen Personalressourcen noch weiter zusammenschrumpften.

In Dortmund sieht die Lage noch vergleichsweise gut aus. Größter Betreiber ist der städtische Eigenbetrieb Fabido, der etwa ein Drittel – genau 99 von aktuell 306 – Kitas in Dortmund betreibt. Und viele sind wegen der Platznot in den letzten Jahren ausgebaut und aufgestockt worden. Entsprechend groß ist der Personalbedarf. Mehr als 2000 Erzieherinnen und Erzieher sind in den Fabido-Kitas im Einsatz.

Zurzeit sind zwar alle Stellen besetzt. Wenn Mitarbeiterinnen unerwartet ausscheiden, gibt es aber auch schon mal Personalengpässe, räumt man bei Fabido ein. Man versuche dann, durch Vertretungen oder die Reduzierung der Gruppengrößen oder der Betreuungszeiten den Ausfall aufzufangen. Auch Jochen Schulte-Homann vom Evangelischen Kirchenkreis, mit 59 Einrichtungen zweitgrößter Kita-Träger in Dortmund, berichtet von einer schwierigen Personalsituation, wenn Ausfälle von Mitarbeitenden nicht kompensiert werden können.

Froh um jede Bewerbung, die kommt

Dass es Fachkräftemangel auch in Lünen gibt, bestätigt Jochen Schade-Homann, Fachbereichsleitung Tageseinrichtung für Kinder des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund und Lünen. Der Träger hat sieben Einrichtungen in Lünen und beschäftigt 91 Erzieherinnen. Er sei froh um jede Bewerbung, die kommt. Man habe keine große Auswahl.

Stadtsprecher Benedikt Spangardt sagt für die zehn städtischen Einrichtungen: „Es ist sicherlich ein erster Fachkräftemangel zu erkennen. Das zeigt sich für uns darin, dass es insgesamt weniger Bewerbungen gibt und und es länger dauert, freie Stellen zu besetzen.“ Gute pädagogische Fachkräfte könnten ihren Arbeitgeber inzwischen frei wählen.

Der Fachkräftemangel betrifft die gesamte Bundesrepublik. Im aktuellen Nationalen Bildungsbericht des Deutschen Jugendinstituts (DJI) wird prognostiziert, dass bis 2025 bis zu 300.000 Erzieherinnen und Erzieher bundesweit fehlen werden. Bereits jetzt suchen viele Einrichtungen händeringend geeignete Fachkräfte.

In ihrem Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme 2018 (Stichtag 1.3.2017) hat die Bertelsmann-Stiftung einen durchschnittlichen Personalschlüssel für Unter Dreijährige in NRW von 1 zu 3,7 errechnet, das heißt, eine Fachkraft ist rechnerisch für 3,7 Kinder zuständig. Empfohlen wird aber ein Schlüssel von eins zu drei. Die Zahl hat sich gegenüber dem Vorjahr jedoch um 0,6 Prozentpunkte verbessert. In der Region reicht die Spanne von 1:3 (Herne) über 1:3,6 (Kreis Unna) bis zum Kreis Coesfeld mit 1:4.

Hohe Abbrecherquote bei Berufseinsteigern

Nach Einschätzung der Bertelsmann-Stiftung sind zum Erreichen eines optimalen Personalschlüssels in NRW zusätzlich mehr als 15.000 vollzeitbeschäftigte Fachkräfte und weitere 706 Millionen Euro pro Jahr erforderlich.

Solche Schlagzeilen wie aus Berlin habe es in NRW noch nicht gegeben, sagt Maike Finnern von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die stellvertretende NRW-Landesvorsitzende sieht aber dennoch auch in Nordrhein-Westfalen einen Fachkräftemangel in Kindertagesstätten.

„Die Arbeitsbedingungen sind das Problem, wir haben eine hohe Abbrecherquote bei Berufseinsteigern“, sagt Finnern. Die GEW kritisiert außerdem, dass die Kita-Finanzierung durch den Bund 2022 enden soll. Man habe immer eine Verstetigung der Zahlungen gefordert. Die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher zu entlohnen, sei ein erster Schritt, doch gleichzeitig brauche es mehr Ausbildungskapazitäten. Finnern kritisiert zudem das geringe gesellschaftliche Ansehen des Jobs in der Gesellschaft. „Es ist nicht adäquat zu dem, was geleistet wird.“

Das sieht auch VBE-Referatsleiterin Barbara Nolte so. „Erzieherinnen und Erzieher verdienen aus unserer Sicht mehr, mehr gesellschaftliche Anerkennung und eine höhere Vergütung.“ Die Bezahlung sei mit dem hohen Anspruch des Berufs nicht vereinbar. „Sollen Kitas ein Verwahrungsort sein, oder ein Ort der frühkindlichen Bildung? Dieser Ort braucht entsprechende Rahmenbedingungen, Strukturen, einen besseren Erzieher-Kind-Schlüssel und gut ausgebildetes Personal“, fordert Nolte.

Laut einer Berechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) vom Oktober 2018 fehlen in Deutschland trotz des seit 2013 bestehenden Rechtsanspruchs auf Betreuung für Kinder ab zwölf Monaten 273.000 Kita-Plätze für unter Dreijährige. Dies sei laut IW ein leichter Rückgang von 6000 Plätzen gegenüber 2017. Insbesondere in den westlichen Bundesländern hinke das Angebot der Nachfrage hinterher, bemängeln die Wirtschaftsexperten. Trotz des voranschreitenden Betreuungsausbaus sei Deutschland von einer bedarfsgerechten Betreuungsinfrastruktur für U3-Kinder noch weit entfernt.

Mehr Kita-Plätze, aber auch mehr Betreuungsbedarf

Das Problem ist: Speziell in Dortmund werden zwar seit Jahren fleißig Kitas aus- oder neu gebaut, doch zugleich steigt die Zahl der Kinder weiter deutlich an. Lebten Ende 2012 noch jeweils gut 14.700 Kinder im Alter unter 3 Jahren beziehungsweise im Alter zwischen 3 und 6 Jahren in Dortmund, waren es fünf Jahre später 17.947 unter Dreijährige und 16.483 Kinder im Vorschulalter. Und auch im vergangenen Jahr sind die Zahlen weiter gestiegen – auf 18.341 U3 und 16.967 Ü3-Kinder. Mindestens bis 2025 wird ein weiterer Anstieg prognostiziert.

Die Folge: Im U3-Bereich war das zunächst gesteckte Ziel, einen Platz für 35 Prozent der Kinder in dieser Altersgruppe zu bieten, fast erreicht. Ende 2018 kam die Stadt aber wegen der gestiegenen Zahl der Kinder nur noch auf eine Versorgungsquote von 32,7 Prozent. Dabei hatte der Rat der Stadt als Folge einer Bedarfsabfrage bei Eltern im Mai 2018 das Ziel für die U3-Versorgung sogar auf 41 Prozent erhöht. Immerhin will man sich dem Ziel jetzt langsam nähern.

Eine Quote von 37 Prozent wird für das im August beginnende Kita-Jahr 2019/20 angepeilt – dank eines weiter ehrgeizigen Ausbauprogramms. Im Laufe des noch laufenden Kindergarten-Jahres soll die Zahl der Kitas von 306 auf 328 wachsen. Außerden werden 471 zusätzliche Plätze im Rahmen eines Sofortprogramms in bestehenden Einrichtungen vorübergehend geschaffen. Und ohne Tageseltern für U3-Kinder geht es gar nicht.

Mitarbeit: Oliver Volmerich, Magdalena Quiring-Lategahn

Höchster Anstieg in NRW

Zwischen 2016 und 2017 gab es in Nordrhein-Westfalen den höchsten Anstieg der absoluten Zahl der betreuten Kinder unter drei Jahren, ein Plus von 9420. Insgesamt waren in NRW laut amtlicher Statistik zum Stichtag 1.3.2018 139.784 Kinder unter drei Jahren in der Betreuung, das entspricht einer Betreuungsquote von 27,2 Prozent. Ein Anstieg gegenüber 2017 von 0,9 Prozentpunkten. Regional variierten die Betreuungsquoten der unter Dreijährigen zwischen 37,3 Prozent im Kreis Coesfeld und 17,0 Prozent in Duisburg. Bei der Betreuungsquote handelt es sich um den Anteil der in Kindertageseinrichtungen oder in öffentlich geförderter Kindertagespflege tatsächlich betreuten unter 3-Jährigen an allen Kindern dieser Altersgruppe. 15,6 Prozent davon haben in NRW laut IW keinen Betreuungsplatz, obwohl die Eltern einen wünschen.
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