Arzt bedrängt 18-jährige Patientin sexuell - Wollte das Klinikum Vest den Fall vertuschen?

mlzAmtsgericht Recklinghausen

Ein ehemaliger Arzt des Knappschaftskrankenhauses in Recklinghausen hat im Juni eine 18-jährige Patientin sexuell bedrängt. Fassungslos machte das Gericht beim Urteil aber noch etwas anderes.

Recklinghausen

, 28.11.2019, 20:58 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vorerst kein Gefängnis, dafür aber Berufsverbot für weibliche Patienten: Ein ehemaliger Arzt (37) des Knappschaftskrankenhauses in Recklinghausen ist am Donnerstag wegen sexuellen Missbrauchs an einer 18-jährigen Patientin zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden.

Auch der Ex-Arbeitgeber des Familienvaters, das „Klinikum Vest“, zu dem das Knappschaftskrankenhaus in Recklinghausen gehört, wurde im Prozess am Schöffengericht scharf kritisiert.

Der Mediziner selbst hatte die Vorwürfe zwar bis zuletzt bestritten. Die Richter waren am Ende aber felsenfest von den Angaben der Belastungszeugin überzeugt. „Wir glauben der Zeugin jedes Wort“, hieß es in der Urteilsbegründung.

Arzt nutzte zwei Untersuchungen aus

Laut Urteil in Recklinghausen hat der ehemalige Krankenhaus-Arzt am 16. Juni binnen weniger Stunden gleich zweimal eine 18-jährige Patientin massiv sexuell bedrängt. Unter dem Deckmantel zweier Untersuchungen soll zunächst bei einer Bewegungsübung und wenig später auch beim Anlegen einer Infusionsnadel unsittlich die Nähe zu der 18-Jährigen gesucht haben. Die junge Patientin hatte beim Prozessauftakt berichtet, dass sie in beiden Fällen hautnah gespürt habe, dass sich dabei in der Hose des Arztes etwas regte.

Vorwürfe gab es schon 2018 in Siegen

Bemerkenswert und erschreckend zugleich: Bereits 2018 hatte es Patientinnen-Missbrauchs-Ermittlungen an seinem ehemaligen Arbeitsort in einem Krankenhaus in Siegen gegeben. Die Verfahren wurden seinerzeit nach Geständnis und Zahlung von 4500 Euro eingestellt.

Dass der Angeklagte im Prozess das ursprüngliche Geständnis widerrufen und damals vermeintlich „gar keinen Dienst“ gehabt haben will, nannte der Vorsitzende Richter im Urteil einen „Taschenspielertrick“. Denn der extra deswegen befragte Personal-Chef des Siegener St. Marien-Krankenhauses hatte den 37-Jährigen kurz zuvor der Lüge überführt, indem er bestätigte, dass der Arzt am fraglichen Tag eindeutig Dienst hatte.

Ärztekammer soll Verhalten des Klinikums aufklären

Für Fassungslosigkeit sorgte im Prozess auch die Tatsache, dass das „Klinikum Vest“ nur zehn Tage nach den Vorfällen im Knappschaftskrankenhaus einen Aufhebungsvertrag mit dem Arzt geschlossen, darin das Hausverbot aufgehoben, die Missbrauchs-Vorwürfe gestrichen und dem 37-Jährigen sogar ein Zeugnis mit der Note „gut“ erteilt hatte.

„Offensichtlich sollten die Vorwürfe unter den Teppich gekehrt werden“, sagte Oberstaatsanwältin Sabine Wenzel. „Das bedenkliche Verhalten des Klinikums mag nun von der Ärztekammer aufgeklärt werden.“ Der umstrittene Aufhebungsvertrag habe ja geradezu „die Weichen für mögliche weitere Taten gestellt“.

Arzt hatte zunächst noch weitergearbeitet

Nach eigenen Angaben hat der Mediziner tatsächlich zunächst als Arzt weitergearbeitet, das Arbeitsverhältnis nun aber selbst zum 30. November gekündigt. Laut Urteil muss der Familienvater der 18-jährigen Patientin ein Schmerzensgeld von 3500 Euro zahlen, außerdem als Bewährungsauflage 150 gemeinnützige Arbeitsstunden ableisten.

Um weitere Patientinnen vor möglichen Übergriffen des Arztes zu schützen, ordneten die Recklinghäuser Richter neben der Bewährungsstrafe auch ein dreijähriges Berufsverbot (beschränkt auf weibliche Patienten) an.

Der Arzt kann gegen das Urteil noch Berufung einlegen.

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