Kontaktverbote: Wer petzt, schützt Leben?

Coronavirus

Picknick im Park, spielende Kinder auf der Wiese - all das bleibt nach den Corona-Auflagen vorerst verboten. Soll man gleich die Polizei alarmieren und Verstöße melden?

von Julia Rathcke

, 04.04.2020, 10:34 Uhr / Lesedauer: 3 min
Derzeit leidet das öffentliche Leben unter den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie.

Derzeit leidet das öffentliche Leben unter den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. © picture alliance/dpa

Es sind Osterferien in Deutschland und das bislang wärmste Wochenende des Jahres steht bevor - unter nach wie vor strengen Auflagen zur Eindämmung des Coronavirus.

Baden-Württemberg: Bürger ermutigt Verstöße zu melden

Fast alles, was Menschen bei frühlingshaften Temperaturen um 20 Grad gern tun würden, ist untersagt: Gemeinschaftliches Grillen im Park, Treffen mit Freunden am See, Fahrten ans Meer und Reisen im Allgemeinen. Auch wenn sich die meisten Menschen an das halten, was ihnen die Corona-Verordnungen vorgeben, werden die Auflagen mitunter Hunderte Male am Tag missachtet.

Allein in Baden-Württemberg kamen am vergangenen Wochenende mehr als 3000 Anzeigen zusammen. Dort hatten Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) in dieser Woche die Bürger dazu ermuntert, Verstöße gegen die Corona-Maßnahmen zu melden.

„Die Polizei kann nicht alles entdecken“, hatte Kretschmann am Dienstag gesagt. Alle müssten in der aktuellen Lage mitwirken, dass die Regeln eingehalten werden. "Ein Aufruf zum Denunziantentum ist das in keiner Weise“, sagte der Grünen-Politiker.

“Es geht jetzt um Menschenleben”

Die Polizei rufen, weil die Nachbarn eine Grillparty feiern, oder weil sich eine Gruppe Jugendlicher im Park bequem macht - „petzen“ hieß das früher zwischen Sandkasten, Rutsche und Schaukel. In einer Zeit, in der das Coronavirus im Land grassiert, geht es allerdings um mehr als Kinderstreiche: „Da geht es jetzt wirklich um Menschenleben“, betonte auch Kretschmann.

Die beiden Gewerkschaften der Polizei sehen das ähnlich: „Wir wollen sicher keine Stigmatisierung oder Denunziantentum“, sagte der Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Ralf Kusterer. „Aber bei Verstößen gegen die Corona-Verordnung oder das Infektionsschutzgesetz sprechen wir nicht über Falschparker, sondern über schwerwiegende Fälle und sogar über Straftaten.“

„Wir sind über den Punkt hinaus, an dem man erst ermahnt und droht“

Nach Angaben des stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Carsten Beck, sind die Beamten personell auch nicht in der Lage, alles zu überwachen. „Wir sind auf solche Hinweise angewiesen“, sagt Beck. Von einem Gespräch mit denen, die gegen die Regeln verstoßen, hält er wenig: „Wir sind über den Punkt hinaus, an dem man erst ermahnt und droht.“

In Bayern, dem Bundesland mit den aktuell meisten gemeldeten Infizierten in Deutschland, gelten längst strengste Regelungen: Nicht nur sämtliches öffentliches Leben ist heruntergefahren, es gilt auch eine landesweite Ausgangsbeschränkung. Menschen dürfen nur aus einem hinreichenden Grund das Haus verlassen. Das führt - genauso wie in Berlin - aber auch zu kuriosen Situationen: So ist Sport und Bewegung an der frischen Luft grundsätzlich noch erlaubt, inklusive Verschnaufpausen - das längere Verweilen auf Parkbänken dagegen nicht.

Mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl

“Es gilt immer den Einzelfall zu entscheiden”, heißt es dazu aus dem bayrischen Innenministerium, die Polizei führe ihre Kontrollen “mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl” durch.

Bislang hat die Polizei in Bayern insgesamt mehr als 300.000 Kontrollen in Bezug auf Corona-Maßnahmen durchgeführt - und etwa 25.000 Verstöße festgestellt. Wie viele davon aufgrund von Anzeigen aus der Bevölkerung stattfanden, werde statistisch nicht erhoben, so ein Ministeriumssprecher.

Menschen, die Verstöße mitbekommen, könnten sich an die Polizei wenden, manches könne man aber auch selbst regeln. “Einen pauschalen Ratschlag kann man da nicht geben, außer vielleicht: den gesunden Menschenverstand einsetzen”, so der Sprecher.

Wenn ein paar ältere Menschen zusammen stünden, spreche nichts dagegen, sie aus angemessener Entfernung höflich anzusprechen. Wenn es um eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher im Park gehe, müsse man sich als Rentner nicht selbst einmischen, sondern könne lieber die Polizei Bescheid geben.

Reden hilft

Der Leipziger Psychologe Immo Fritsche, Experte für Gruppenprozesse und den Einfluss von Bedrohung, kann es zwar durchaus nachvollziehen, wenn Menschen in riskanten Zeiten zum Hörer greifen und Verstöße melden: „Man tut das, was die Mehrheit tut, hält sich also an Regeln, und gleichzeitig will man diejenigen bestrafen, die dagegen verstoßen“, sagt er.

Allerdings sieht er durchaus Chancen für den erfolgreichen Dialog am Grill- oder Spielplatz: „Menschen schauen stark nach dem, was andere machen“, sagt er. „Da reicht es oft schon zu kommunizieren, dass sich die weit überwiegende Mehrheit an die Regeln hält, der Angesprochene dagegen nicht.“

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