„Kunden, die keine Masken tragen, lassen sich oft nichts sagen“

Coronavirus

In Deutschland arbeiten rund drei Millionen Menschen im Verkauf. Viele von ihnen stehen seit Corona unter großem Stress: Vor allem in Supermärkten fehlt es derzeit an genügend Personal.

Berlin

15.11.2020, 12:11 Uhr / Lesedauer: 3 min
Nicht alle Kunden halten sich beim Einkaufen an die geltenden Hygieneregeln – zum Leidwesen der Angestellten.

Nicht alle Kunden halten sich beim Einkaufen an die geltenden Hygieneregeln – zum Leidwesen der Angestellten. © picture alliance/dpa

Die Belastungen für Verkäufer und Angestellte in Supermärkten ist in der Corona-Krise groß. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) berichtet Petra Ringer von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi über Anfeindungen und auch tätlichen Angriffe auf Mitarbeiter. Ringer ist designierte Gewerkschaftssekretärin für den Einzelhandel im Verdi-Bundesvorstand.

Frau Ringer, der Handelsverband sagt für Supermärkte und Discounter in diesem Jahr ein Umsatzplus von 9 Prozent voraus. Was haben die Beschäftigten davon?

Viel mehr Arbeit bei gleichem Lohn. Die Lage ist angespannt. Die Hamsterkäufe gehen wieder los und auch das Weihnachtsgeschäft läuft gerade an. Das Gedränge an den Kassen ist jetzt schon entsprechend groß, vor allem vor den Wochenenden. Die Personaldecke ist dafür fast überall zu dünn. Dazu kommt: Die Verkäuferinnen und Verkäufer müssen nicht nur mit steigenden Kundenzahlen und einem höheren Warenumschlag fertig werden. Sie erleben auch zunehmend aggressive Kunden.

Woran liegt das?

Beim ersten Lockdown im Frühjahr gab es in den meisten Filialen Doormen, die aufgepasst haben, dass die Kunden Masken tragen oder Einkaufswagen benutzen, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. Auch die Anzahl der Kunden im Verkaufsraum konnte dadurch gesteuert werden. Dann war Corona in den Sommermonaten plötzlich kaum noch ein Thema. Viele Kunden halten sich seitdem nicht mehr an die Regeln. Die Beschäftigten müssen das jetzt ausbaden und auch noch Polizei spielen, obwohl sie ohnehin schon überlastet sind. Da ist Stress geradezu vorprogrammiert.

Wozu führt das im Alltag?

Die Kunden, die keine Masken tragen, lassen sich oft nichts sagen. Beleidigungen sind an der Tagesordnung. Mitarbeiter werden angespuckt. Bis hin zu tätlichen Angriffen auf Beschäftigte. Wir fordern, dass endlich wieder Securities vor den Märkten installiert werden, um das Verkaufspersonal zu entlasten und vor Übergriffen zu schützen. Es ist schließlich nicht witzig, sich von einem Maskenverweigerer anbrüllen zu lassen. Zudem haben viele Beschäftigte Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken.

Ist die Angst vor Corona aus Ihrer Sicht berechtigt?

Man weiß noch zu wenig über das Ansteckungsrisiko in Supermärkten. In anderen Ländern wie USA oder China gibt es erste wissenschaftliche Studien, die auf ein Infektionsgeschehen hindeuten. Wir brauchen auch in Deutschland dringend verlässliche Studien, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Supermärkten und Einkaufszentren besser vor Corona schützen zu können. Überall wo viele Menschen sind, wird geforscht, etwa in Schulen oder auf Konzerten. Nur eben im Handel noch nicht, obwohl in vielen Filialen weit mehr als tausend Kunden pro Tag gezählt werden.

Wo sehen Sie im Supermarkt die größten Infektionsrisiken?

Vor allem an den Kassen. Hier ist die Nähe zu den Kunden trotz Spuckscheibe noch immer am größten. Nicht immer sitzt die Maske bei den Kunden richtig, oft hängt sie einfach unter der Nase. Man weiß inzwischen, dass sich die Luft im Verkaufsraum mit Viren anreichern kann. Daher müsste auch die Belüftung in den Verkaufsräumen regelmäßig überprüft werden, zum Beispiel durch CO₂-Messungen. Es gibt ja nicht überall Fenster oder Oberlichter, die sich öffnen lassen. In einigen Filialen wird die Luft nicht durch Klimaanlagen ausgetauscht, sondern nur umgewälzt. Auch in den Gängen kommt es immer wieder zu einer großen Kundennähe, vor allem beim Befüllen der Regale. Wir von Verdi fordern daher seit Langem klare Betriebsvereinbarungen zum Corona-Schutz, aber viele Arbeitgeber sperren sich bislang dagegen.

Halten sich die Unternehmen an die Kundenbegrenzung?

In den meisten Fällen schon. Allerdings werden bei der Berechnung der Verkaufsfläche nicht immer die Regale abgezogen, wie es vernünftig wäre. In einigen Bundesländern ist das bereits Vorschrift. Außerdem ist es im Arbeitsalltag oft eine Frage der Organisation: Nur wenn die Mitarbeiter genügend Zeit dafür finden, können sie sich zum Beispiel um die Einkaufswagen kümmern, damit nicht zu viele Kunden in den Markt drängen. Besser wäre es, den Einlass direkt am Eingang zu kontrollieren. Und eben, ob Maskenpflicht und Abstandregeln eingehalten werden. Aber wer soll das alles machen, wenn es drinnen brummt?

RND

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