Lasst uns endlich weiterimpfen!

Meinung

Thomas Westphal nutzt den Stopp des Impfstoffs geschickt für einen öffentlichkeitswirksamen Schulstreit mit dem Land. Die Verantwortlichen sitzen aber weder in Dortmund noch in Düsseldorf.

von Lambert Lensing-Wolff

, 18.03.2021, 15:08 Uhr / Lesedauer: 2 min
Dortmund Oberbürgermeister Thomas Westphal.

Dortmund Oberbürgermeister Thomas Westphal. © Stephan Schuetze

Der Dortmunder Oberbürgermeister Thomas Westphal duelliert sich mit Armin Laschet um die Schließung der Schulen. Wer hat Recht? Beide!

Die Schuldigen sitzen in Berlin. Das Aussetzen der Impfungen mit Astrazeneca war eine große Fehlentscheidung, die schleunigst rückgängig gemacht werden muss. Gesundheitsminister Jens Spahn hätte die Impfungen nicht unterbrechen, sondern auf freiwilliger Basis weiterlaufen lassen müssen, während parallel etwaige Zusammenhänge zwischen Thrombosen und dem Impfstoff aufgearbeitet werden. Jeder Impfwillige könnte selbst entscheiden, ob ihm das Risiko einer Covid-Erkrankung höher erscheint, als das Auftreten einer Thrombose.

Diese Entscheidung muss im übrigen jede Frau vor der Einnahme der Antibabypille genauso treffen, die ebenfalls ein leicht erhöhtes Thromboserisiko hervorruft. Wir erinnern uns: das Paul-Ehrlich-Institut mit dessen Chef, Professor Klaus Cichutek, begründete den Stopp mit „es gab Auffälligkeiten, teils mit tödlichem Ausgang“.

Selbstverständlich muss diesen Auffälligkeiten nachgegangen werden. Aber Astrazeneca ist ein zugelassener Impfstoff, der in Ländern wie Großbritannien weiter sehr erfolgreich zum Einsatz kommt. Dort ist nicht nur über ein Drittel der Gesamtbevölkerung geimpft. Die Schulen sind seit knapp zwei Wochen wieder vollständig geöffnet. Dennoch sinken die Infektionszahlen auf der Insel, ebenso wie die Kennziffern zu Todesfällen und Belegungen in den Krankenhäusern.

Sind wir in der EU zu selbstverliebt oder beleidigt?

Sind wir in Berlin und Brüssel zu eingebildet, selbstverliebt oder sogar beleidigt, dass wir uns einen Blick auf die erfolgreiche Arbeit des ehemaligen EU-Familienmitglieds verbieten? Dort wird in den Schulen jede Schülerin und jeder Schüler zweimal in der Woche getestet. Die Testungen in Großbritannien sind in den letzten sieben Tagen um 42,2 Prozent oder 2,65 Millionen Tests gestiegen. Man muss kein Fan von Boris Johnson sein, der sich zu Beginn der Pandemie nicht mit Ruhm bekleckert hat, aber seine unkonventionelle, hemdsärmelige, risikobereite Art scheint in der Pandemiebekämpfung erheblich erfolgreicher zu sein, als die Verzagtheit deutscher Bürokratie.

Das (ehemalige?) Land der Dichter und Denker entwickelt sich in der Krise mit der Reaktionsfähigkeit einer Schnecke zum traurigen Verlierer. Im Zweifel immer gegen die Freiheit. Beim Impfstoff waren andere schneller. Die Zeit zum Nachholen der Digitalisierung in unseren Schulen zwischen erstem und zweitem Lockdown hat man sträflich mit Nichtstun verstreichen lassen. Und eine wirklich effektive Teststrategie, als Teil eines zielstrebigen Plans zur Wiedereröffnung unseres Landes, gibt es bis heute nicht. Da kann man als Oberbürgermeister schon mal auf die Idee kommen, die Schulen wieder schließen zu wollen.

Ist etwa Geltungsbedürfnis das Motiv?

Wer aber bei einer Inzidenz von etwas über 71 behauptet „Jeder Tag, den wir Kinder nicht in die Schule schicken, ist ein Gewinn“ wägt die Lage nicht ausreichend ab. Denn die bewusste Öffnung der Schulen wurde nicht nur von der NRW-Führung, sondern von allen anderen Landesregierungen mitgetragen, weil man um die gestiegene Not in den Haushalten und bei den Schülern weiß.

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Verständlich also, wenn einige dem Dortmunder OB Populismus und Geltungsbedürfnis als Treiber für seinen Vorstoß vorwerfen. Schneller kann man als frisch gewählter Oberbürgermeister nicht auf die Titelseiten der Presse und in die Tagesthemen kommen. Das ist kein schönes Motiv.

Das eigentliche Desaster ist jedoch, dass wir wertvollen Impfstoff wegschmeißen und in England mit selbigem fleißig weitergeimpft wird. Leidtragende sind nicht nur unsere Schüler. Auch diejenigen die jeden Tag unnötig den weitaus höheren Risiken des Virus ausgesetzt sind.

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