Leben im Wochentakt: Warum die Rücknahme von Lockerungen der Super-GAU für uns wäre

Coronavirus

Die Corona-Krise sorgt dafür, dass wir weniger Termine und mehr Zeit für uns haben. Die einen kommen damit gut klar und nutzen diese freie Zeit zum Durchatmen, andere versetzt das Nichtstun in Panik.

15.05.2020, 19:28 Uhr / Lesedauer: 4 min
Wo sich sonst Termin an Termin reiht, herrscht aktuell gähnende Leere

Wo sich sonst Termin an Termin reiht, herrscht aktuell gähnende Leere © picture alliance /Robert Günther

Der Kalender ist nahezu leer. Wo sich sonst Termin an Termin reiht, sodass es einem manchmal schon fast die Luft zum Atmen nimmt, herrscht aktuell gähnende Leere. Keine Treffen mit Freunden, keine Nachmittagsverabredungen für die Kinder, keine Möglichkeit, die Hobbys auszuüben, kaum Arztbesuche, kurzum: keine Verpflichtungen, mal abgesehen vom Job.

Keine Spur von Sicherheit

Eigentlich gäbe es gerade reichlich Zeit zum Durchatmen – und trotzdem macht sich bei vielen diese schwer greifbare Unruhe breit. Denn über allem schwebt wie ein Damoklesschwert die unbekannte Größe Corona – oder wie es der Soziologieprofesssor Hartmut Rosa aus Jena drastisch formuliert: „Ein Monster der Unverfügbarkeit.“

Gewissheiten und Sicherheiten, wie sie uns auch ein prall gefüllter Kalender suggerieren, fallen weg. Stattdessen agieren viele Menschen im luftleeren Raum. Es gibt keine Planungssicherheit. Keiner scheint so recht zu wissen, was kommt und wohin die Reise geht – sofern man dieses Bild in Zeiten von zum Teil noch geschlossenen Grenzen und Reisebeschränkungen überhaupt verwenden darf.

Stattdessen leben wir von Verkündung zu Verkündung im Wochentakt und entlang von Kurven, deren Zahlen am Ende vielen doch nicht die nötige Sicherheit und Transparenz geben. Obendrein treibt viele die Frage um, wie sinnvoll Ausgangsbeschränkungen und Social Distancing tatsächlich sind.

Den sozialen Rückzug genießen

Diese Frage stellen sich im Moment zahlreiche Menschen, sagt Cordula Nussbaum, Expertin für Selbst- und Zeitmanagement. Aktuell regiere das Prinzip von Versuch und Irrtum – und einen nicht unbeträchtlichen Teil der Bevölkerung stürzt das in eine Krise. So zeigen es zumindest erste Studien.

Theoretisch könnten wir, die wir in den vergangenen Jahren oft über zu volle Terminkalender und zu viele Verabredungen geklagt haben, doch eigentlich die Zeit des sozialen Rückzugs ein bisschen genießen. Doch praktisch erweist sich das als Trugschluss. Und kaum jemand, der vor der Corona-Pandemie einen eng getakteten Zeitplan hatte und manchmal fast schon zwanghaft regelmäßig in den Kalender schaute, entpuppt sich jetzt als Ausbund an Spontaneität.

Zeit zu Hause innovativ gestalten

Der Regensburger Neurowissenschaftler und Psychiater Volker Busch beobachtet mehrere Reaktionsmuster bei seinen Mitmenschen. „Neben denen, die die Krise bereit sind anzunehmen und gegebenenfalls sogar Vorteile sehen und im aktiven Handeln bleiben, gibt es auch die, die innerlich nicht in der Situation ankommen“, sagt er. „Sie hadern mit den Umständen und verbrennen wertvolle Energie, die sie für einen klugen Umgang oder eine innovative Gestaltung besser einsetzen könnten.“

Am Ende münde diese Haltung in Depression, Angst, Kopfschmerz oder aber in Aggressionen: „Bei Letzteren entsteht eine massive Unruhe, diese Menschen stellen sich gegen alles, schimpfen auf die Politik, verweigern sich oder aber verbreiten in den sozialen Medien Verschwörungstheorien.“

Differenzierte Menschen kommen mit der Situation besser klar

Die Unsicherheiten und die daraus resultierenden Folgen sind vielschichtig. „Immerhin sind wir sinnsuchende Menschen“, sagt Cordula Nussbaum. Während sich zu Beginn der Corona-Maßnahmen viele noch aktionistisch beschäftigt hielten und anfingen, wie die Wilden zu renovieren, die Wohnung auszumisten und Keller zu entrümpeln, stellt sich jetzt zunehmend die Frage: „Macht das alles überhaupt Sinn?“ Das „Stochern im Nebel“, wie Nussbaum es nennt, und das Gefühl von Fremdbestimmtheit mündeten nicht selten in eine depressive Stimmung, so auch ihre Erkenntnis.

Neurowissenschaftler Busch spricht in diesem Zusammenhang von Commitment: „Wer ein bestimmtes Ziel fest im Blick hat und in dessen Erreichen rigide und unflexibel ist, für den ist die aktuelle Situation eine absolute Katastrophe“, so seine Erfahrung. „Differenzierte Menschen hingegen, die sich dem höchsten Gut überhaupt verpflichten, nämlich das Leben immer nach den Bedingungen, die man vorfindet, bestmöglich zu gestalten“, sagt Busch, „für die ist die Situation deutlich leichter zu bewältigen.“

Corona spaltet die Bevölkerung

„Wir lieben die Sicherheit, die durch Gewissheit entsteht“, meint der Neurowissenschaftler. Und genau dieser Zustand sei durch Corona auf links gekrempelt. Während in anderen Ländern Ungewissheit zum Alltag schlicht dazugehöre, „werden wir hier aktuell aus unserem goldenen Käfig vertrieben“.

In den Worten von Soziologe Hartmut Rosa klingt das so: „Wir sind es gewohnt, die Dinge im Griff zu haben. Die Welt steht uns offen, alles ist verfügbar. Die Moderne legt es geradezu darauf an, Dinge kontrollierbar zu machen.“ Und jetzt kommt mit der Corona-Pandemie eine „monströse Unverfügbarkeit“. Laut Rosa führt das zu einer Spaltung der Bevölkerung. Da gebe es die einen, die verzweifelt versuchen, das Virus in den Griff zu bekommen. Und dann gebe es die Gruppe der Leugner, Verdränger und der Schicksalsergebenen.

Das Verhältnis zwischen Verfügbarkeiten und Unverfügbarkeiten

Wie könnte ein gesunder Mittelweg für jeden Einzelnen aussehen – jenseits davon, alles krampfhaft in den Griff bekommen zu wollen, und jenseits einer Schicksalsergebenheit? Und dann ist da auch noch die Frage, ob wir überhaupt auf längere Zeit in diesem Zustand der Ungewissheit leben können, wenn wir quasi nur von Woche zu Woche planen können?

Auf die letzte Frage hat Selbst- und Zeitmanagementexpertin Nussbaum eine klare Antwort: „Nein!“ Was es bedeuten würde, sollten die Lockerungen bei einer neuerlichen Infektionswelle zurückgeschraubt werden, darüber mag auch sie kaum nachdenken: „Das wäre der Super-GAU.“

Hartmut Rosa glaubt, dass wir jetzt gerade „in einem Zustand leben, in dem viele Illusionen platzen“ – darüber, was wir schon immer mal tun wollten, wenn wir Zeit hätten, und was sich nun doch möglicherweise als gar nicht so attraktiv herausstelle. Rosas Vorstellung eines guten Mittelwegs: dass wir uns neu auf das Verhältnis von Verfügbarkeiten und Unverfügbarkeiten einstellen, dazu gehörten eine gewisse Akzeptanz und das Ausloten von Grenzen. „Es ist genau diese Schnittstelle, die das Leben lebendig macht“, sagt er.

Nachrichtenkonsum reduzieren und Strukturen schaffen

Wer allzu sehr mit der permanenten Ungewissheit zu kämpfen hat, dem rät Cordula Nussbaum: „Meide Corona-News und den Kontakt zu negativ eingestellten Menschen, hole dir eine Struktur in dein Leben und schaffe aktiv neue Perspektiven – auch wenn sich diese lediglich auf die kommenden 48 Stunden beschränken. Das gibt Sicherheit.“

Und es hilft auch, sich innerlich von dem oftmals kräftezehrenden Wochentakt zu distanzieren.

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