Luis (2) stirbt jämmerlichen Hitzetod - Vater: „Kann man nichts machen. Ist hinüber, oder?“

mlzLandgericht Essen

Ein Vater aus Essen, der seinen Sohn (2) einen jämmerlichen Hitzetod hat sterben lassen, muss 10 Jahre in Haft. Die Details sind so furchtbar, dass auch die Richter entsetzt waren.

von Jörn Hartwich

Essen

, 27.03.2020, 15:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Kann man nichts machen. Ist hinüber, oder?“ Mit diesen Worten hat ein Vater aus Essen im Hitzesommer 2019 den Notarzt empfangen. Auf dem Boden lag sein zweijähriger Sohn. Der Körper war komplett ausgetrocknet. Tod durch Hitzeschock, hieß es später. Im Kinderzimmer herrschten 35 Grad. Am Freitag ist der 32-Jährige verurteilt worden.

Die Richter am Essener Schwurgericht haben zehn Jahre Haft verhängt – wegen Körperverletzung mit Todesfolge. „Der kleine Luis ist jämmerlich verstorben“, sagte Richter Jörg Schmitt bei der Urteilsverkündung. „Das hat uns sehr betroffen gemacht.“

„Er hat seinen Sohn in einen Glutofen gesperrt“

Es war die Nacht auf den 27. Juli 2019. Draußen herrschten seit Tagen 40 Grad und mehr. Der Deutsche Wetterdienst hatte immer wieder Warnungen ausgegeben. Doch die hat der 32-jährige Angeklagte offenbar nicht ernst genommen. „Er hat seinen Sohn in einen Glutofen gesperrt, um sich am anderen Ende der Wohnung mit Cola und Tabak die Nacht um die Ohren zu schlagen“, so Schmitt.

Während der Angeklagte unter einem Deckenventilator gesessen habe, sei das Fenster im Kinderzimmer sogar geschlossen gewesen. Einer der Rettungssanitäter hatte die Situation vor Gericht später so beschrieben: „„Das Öffnen der Tür zum Kinderzimmer fühlte sich an, wie das Öffnen der Tür zu einer Sauna.“

Der kleine Körper hat gegen den schleichenden Tod gekämpft

Luis hatte es zwar noch geschafft, aus seinem Bettchen zu krabbeln, war dann aber zusammengebrochen. Der kleine Körper hatte alles Blut im Herzen zentralisiert – als Reflex auf den massiven Flüssigkeitsmangel. Gliedmaßen, Muskeln, innere Organe waren nach Angaben von Rechtsmediziner Andreas Freislederer praktisch blutleer. So etwas hatte auch er noch nicht gesehen.

Der kleine Junge war außerdem chronisch unterernährt. Über anderthalb Jahre lang hatte er nicht mehr an Gewicht zugenommen. Doch selbst der Kinderarzt hatte sich offenbar keine Sorgen gemacht. „Die Kinder haben nach dem Wochenende wie Habichte nach dem Essen anderer Kinder gepickt“, hieß es im Urteil. Das hätten die Kindergärtnerinnen berichtet.

Kritik am Jugendamt: Auf Alarmsignale nicht angemessen reagiert

Kritik gab es auch am Essener Jugendamt. „Weder das soziale Umfeld noch das zuständige Jugendamt haben auf die vorhandenen Alarmsignale reagiert“, so Schmitt. Dabei habe eine Ergotherapeutin früh genug Hinweise gegeben.

Die Mutter der insgesamt drei Kinder des Paares war in der Nacht nicht zu Hause. Sie hat sich mit ihrem neuen Freund am Kanal vergnügt. Auch sie wurde von den Richtern mit in die Verantwortung genommen. „Vor Eltern wie ihnen benötigen Kinder unbedingten Schutz“, so Richter Schmitt. Man könne nur an das Jugendamt appellieren, der Mutter die Kinder, die sich zurzeit in Pflegefamilien befänden, nicht zurückzugeben.

Wohnung in katastrophalem Zustand

Die Wohnung des Paares war in einem katastrophalen Zustand. Fotos, die während des Prozesses per Beamer an die Wand geworfen wurden, zeigten kotverschmierte Möbel, gebrauchte Windeln, Berge von Wäsche und Müll.

Und dann die Erziehungsmethoden. Die Kinder hätten über lange Zeit in Hochsitzen ausharren müssen und am Spielplatz nicht den Kinderwagen verlassen dürfen – weil es Vater und Mutter zu anstrengend gewesen sei, auf sie aufzupassen. „Das ist fast so, als wenn man einem ausgehungerten Hund die ganze Zeit ein Stück Fleisch vor die Nase hält“, hieß es im Urteil.

Angeklagter fühlt sich unschuldig

Der Angeklagte selbst hatte sich im Prozess nicht zu den Vorwürfen geäußert. „Er hat das Wüstenklima und die damit verbundene Gefahr für seinen Sohn überhaupt nicht wahrgenommen“, so Verteidiger Bernd Kachur. „Er ist der festen Überzeugung, dass er nichts falsch gemacht hat.“

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