„Man fühlt sich als Gastronom wie ein Versuchskaninchen“

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Stefan Klose und Martina Lotz erfüllten sich mit Parkhotel und Sailors Pub einen Lebenstraum. Die aktuellen Lockerungen werden ihn kaum retten.

von Jennifer Schumacher

Essen

, 13.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die erste Anfrage kam vergangenen Mittwoch – keine Stunde, nachdem Ministerpräsident Armin Laschet die Lockerungen für die Gastronomie in NRW bekannt gegeben hatte. Einen Tisch für vier Personen wolle er im Sailors Pub reservieren, schreibt der Verfasser in seiner E-Mail: „Am Montag, 11. Mai, ab 18 Uhr. Ich freue mich auf die baldige Bestätigung meiner Reservierungsanfrage.“

Stefan Klose und Martina Lotz wissen auch eine Woche später noch nicht, wann und wie es weitergeht mit ihrer Kneipe an der Alfredstraße, kaum fünf Minuten Fußweg von der Messe entfernt. Vor zwölf Jahren erfüllten sich die beiden mit dem Pub und dem darüber liegenden Parkhotel einen Lebenstraum. Drei Doppel-, 14 Einzelzimmer, ein kleiner Kellerpub mit Hafenambiente und regelmäßiger Live-Musik.

Parkhotel lebt vor allem von der benachbarten Messe Essen

Der Kalender war voll bis Ende April, häufig ausgebucht mit 119 Übernachtungen pro Woche. Und auch für die kleine Bühne im Pub hatten sich schon viele Bands und Musiker angekündigt, die Plakate hängen noch immer im Schaukasten. Dann kam das Coronavirus und mit ihm die große Leere und Stille. „Ich habe einige Nächte lang nicht schlafen können“, sagt Martina Lotz. Als die für Mitte März terminierte Sanitärfachmesse SHK abgesagt wird, „sind wir in ein Loch gefallen“, erinnert sich Stefan Klose.

Den beschlossenen Lockerungen zum Trotz mehren sich auch zwei Monate später die Sorgenfalten auf seiner Stirn. Vier Hotelgäste sind in dieser Woche da – so viele wie lange nicht – die meisten von ihnen Handwerker. Betreten sie die Lobby, müssen sie einen Mundschutz tragen. Am Treppenaufgang steht ein Spender mit Desinfektionsmittel, bei Bedarf gibt Martina Lotz Einweg-Masken aus. „Frühstück darf ich ihnen nicht anbieten. Ich empfehle dann immer unsere benachbarte Bude. Der Betreiber ist froh über jedes verkaufte Brötchen.“

Wie der Kiosk nebenan lebt auch das Parkhotel in erster Linie von seinem großen Nachbarn – erst kommen die Messebauer, dann die Aussteller, dann wieder die Messebauer. Vor allem die Monate März und April seien wichtig, um die wirtschaftlich schwächeren Sommermonate abzufedern. Dass im Spätsommer und Herbst möglicherweise weitere Messen abgesagt werden müssen, könnte dem kleinen Familienbetrieb das Genick brechen. „Wenn jetzt noch die Spielemesse abgesagt wird, können wir den Laden dicht machen“, sagt Martina Lotz.

„Ende Mai entscheiden wir, ob wir den Sailors Pub zu Corona-Bedingungen öffnen“

Dabei ist Schwarzmalen gar nicht ihre Art, ganz im Gegenteil. Die beiden End-Fünfziger bemühen sich, das Beste aus der Krise zu machen. Sie kochen endlich mal wieder gemeinsam, haben sich letztens morgens um 6 Uhr den Sonnenaufgang am Baldeneysee angeschaut. Und sie hatten endlich mal Zeit für ein paar Verschönerungsarbeiten in ihrem Pub. Noch immer riecht es dort nach Farbe und Schiffslack. Möbel und Wände haben einen frischen Anstrich bekommen, einige kleine Arbeiten sind noch zu erledigen. „Uns hat es ebenso wie alle anderen überrascht, dass wir wieder öffnen dürfen“, sagt Stefan Klose. Er hätte nicht vor Juni damit gerechnet.

Bis Ende des Monats bleibt die Kneipe mindestens noch dicht, die 20 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. „Dann entscheiden wir, ob wir den Sailors Pub zu Corona-Bedingungen wieder öffnen“, sagt Stefan Klose. Dort, wo sich sonst 100 Menschen Frischgezapftes und typische Pubküche schmecken lassen können, dürften im Moment maximal 30 Gäste bewirtet werden. Der kleine Außenbereich ist da schon mit eingerechnet. So gern die beiden ihr Team und viele Stammgäste wiedersehen möchten, hängt die Entscheidung auch von der Wirtschaftlichkeit ab.

„Es fühlt sich grad ein wenig an, als seien wir Versuchskaninchen“

Wareneinsatz und Lohnkosten für die Mitarbeiter ließen sich mit so wenigen Gästen jedenfalls kaum decken, bedauert Stefan Klose: „Könnten wir davon leben, ganz ehrlich: Dann hätten wir deutlich mehr Urlaub gemacht in den vergangenen Jahren.“ Kurzum: Der Verlust wäre größer, wenn der Sailors Pub zu den aktuellen Bedingungen wieder öffnen würde.

Der finanzielle Spielraum ist begrenzt, trotz der von der NRW-Landesregierung ausgezahlten Soforthilfe in Höhe von 15.000 Euro und den von der Bank ermöglichten Stundungen für den Immobilienkredit. Sogar der Verkauf ihres Traums war schon Thema, „wir denken in alle Richtungen“, gibt Stefan Klose offen zu. Dafür aber brauche es Planungssicherheit, die Politik aktuell kaum bieten könne: „Es fühlt sich grad ein wenig an, als seien wir Versuchskaninchen. Wir sollen unter unwirtschaftlichen Bedingungen öffnen um festzustellen, wie sich Infektionsraten verändern.“

Bis Ende Juni sei der Betrieb noch zahlungsfähig. Was danach kommt, können die beiden noch nicht beantworten. „Wir sind nicht sicher, ob wir dieses Jahr durchhalten. Aber wir hoffen es sehr.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf WAZ.de

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