Mephistos Hexenwerk

Ballett Dortmund

"Hamlet", "Krieg und Frieden", "Der Zauberberg". Der Dortmunder Ballettchef Xin Peng Wang hat eine Vorliebe für große Stoffe der Weltliteratur. Am Samstag brachte er vor jubelnden Rängen im ausverkauften Dortmunder Opernhaus "Faust I" zu Uraufführung. Es ist sein Meisterstück.

DORTMUND

, 14.02.2016, 13:23 Uhr / Lesedauer: 2 min
Das Schlussbild: der alte Faust (Harold Quintero) mit Gretchen (Barbara Melo Freire) und den Erzengeln. Foto: Stöß

Das Schlussbild: der alte Faust (Harold Quintero) mit Gretchen (Barbara Melo Freire) und den Erzengeln. Foto: Stöß

Dieser "Faust I" müsste "Mephisto" heißen. Der Teufel, den Dann Wilkinson leichtfüßig, dämonisch und verschmitzt tanzt, ist der Marionettenspieler des jungen Faust, der ihm zeigt, dass Leben, Lust und Liebe spannender sind als die Wissenschaft. Mit allen Risiken.

Opulente Bilder

Wang choreografiert im Dortmunder Opernhaus den Kampf von Wissen gegen Gewissen ästhetisch schlicht, aber mit opulenten Bildern. Die Kostüme (Erzengel mit metergroßen Federschwingen) und Teufel mit Rosshaar-Schweifen) stammen von Star-Ausstatter Bernd Skodzig. Überwältigende, cineastische, hollywoodtaugliche Bilder sind das im Prolog im Himmel und nach zwei Stunden im Schlussbild (tolle Bühne: Frank Fellmann).

Gott spielt im Prolog Schach im Himmel, zieht die Figuren auf einem Brett aus Videoprojektionen (tolles Videodesign: Frank Vetter); ein riesiger barocker Spiegel am Bühnenhimmel zeigt den Blick aus dem Himmel.

Füllhorn an Ideen

Wang hat die Tragödie auf das Wesentliche reduziert, schüttet aber ein Füllhorn an Ideen über ihr aus. Mephisto, dessen Klangwelt zunächst nur Rhythmus ist, tanzt wie ein plumpes Tier mit einem Eimer am Fuß in die Geschichte, später galoppiert er als Pudel über die Videoleinwand. Es ist ein Glücksfall, so einen virtuosen, akrobatischen Tänzer wie Dann Wilkinson mit dieser Rolle besetzen zu können.

Die Walpurgisnacht, den Höhepunkt dieses Balletts, macht Wilkinson zum Rocktheater. Zu Musik von Rammstein und Super Flu feiert er mit den Rosshaar schleudernden Hexen eine wilde Party. So wird auch Jugendlichen Goethe gefallen.

Rasanter Spitzentanz

Tanztheater mit großem Schauspielanteil der großartigen Dortmunder Compagnie ist dieses Ballett. Und choreografisch so vielseitig wie noch keine Produktion von Wang. In die "Neue Zeit" tanzt die Compagnie mit einem rasanten Spitzentanz zu Trillerpfeifen-Klängen und unter Video-Projektionen von Schlagzeilen unserer Zeit.

Welten lässt Wang aufeinanderprallen - nicht nur die des Gretchens (wunderbar anmutig getanzt von Barbara Melo Freie), ihrer Nachbarin Marthe (großartig im Pas-de-deux mit dem Teufel: Jelena Ana-Stupar) und von Mephisto in der Gartenszene.

Mystische Verführbarkeit

Die Entwicklung vom alten Faust (Harold Quintero), der mehr an der Anatomie der Frauen als an ihrem Herzen interessiert war, zum jungen, verführbaren Faust macht Wang deutlich. Und der elegante Tänzer Javier Cachiero Alemán zeigt als junger Faust auch das Mystische der mittelalterlichen Figur.

Die Dortmunder Philharmoniker spielen unter Leitung von Philipp Armbruster präzise die zeitgenössische Musik von Henryk Górecki, Bruce Dressner, Igor Wakhevitch und Michael Daugherty, die sich gut aneinanderfügt.

In der nächsten Saison choreografiert Xin Peng Wang "Faust II".

 

Termine: 19.2., 13./ 27.3., 1.4., 1./21. 5., 4. 6., 1.7.; Karten: Tel. (0231)5027222. 

 

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