Merle Wasmuth: "Ich möchte, dass es was auslöst"

Schauspielerin im Interview

Merle Wasmuth spielt seit dreieinhalb Jahren im Ensemble des Schauspiels. Mit Erfolg: 2015 erhielt sie den Publikumspreis als beliebteste Schauspielerin, in diesem Jahr den Kritikerpreis einer Umfrage der „Welt“ als beste Schauspielerin in NRW und den Förderpreis des Landes NRW, dotiert mit 7500 Euro. Wir trafen sie zum Interview.

DORTMUND

, 16.01.2017, 10:13 Uhr / Lesedauer: 7 min
Beim Foto lugte die Sonne von hinten durchs Grün: Merle Wasmuth im Hof des „Kleinen Cafés“. Hier sei sie gern, sagt sie, wegen der Ruhe und wegen des Kuchens.

Beim Foto lugte die Sonne von hinten durchs Grün: Merle Wasmuth im Hof des „Kleinen Cafés“. Hier sei sie gern, sagt sie, wegen der Ruhe und wegen des Kuchens.

Wie viel von den 7500 Euro Preisgeld haben Sie schon verplant?

950 Euro.

Wofür?

Meine Mama hat mir 500 Euro geliehen, die zahl ich ihr zurück.

Mit 450 Euro Zinsen?

Nein, [sie lacht] so schlimm ist sie nicht. Nein, ich habe ein Kleid in Auftrag gegeben, bei der wunderbaren Mona Ulrich, einer  Modedesignerin, die auch bei uns als Kostümbildnerin arbeitet.

Läuft das so ähnlich wie beim Tätowierer? Man geht hin und sucht sich zusammen mit dem Künstler ein Motiv beziehungsweise Modell aus?

Nein, ich hatte was im Kopf. Einen Schnitt, den sie schon mal für mich gemacht hat, für Borderline Prozession, und ich liebe dieses Kleid so sehr, dass ich beschlossen habe, ich hätt’s auch gern privat.

Als Hochzeitskleid?

[Sie lacht] Nein, leider nein.

Welche Farbe?

Schwarze Seide.

Dann bleibt ja noch viel übrig von den 7500 Euro.

Ich möchte eine Reise machen. Ich möchte wahnsinnig gern nach Vietnam.

Aus beruflichen Gründen?

Nein, aus privaten Gründen ausnahmsweise. Weil ich das Essen liebe, und weil mich das Land einfach interessiert. In Südamerika bin ich schon öfter gewesen und von Asien habe ich bisher nur Indonesien kennengelernt, wegen meiner Vergangenheit. Vietnam fehlt mir da noch. Unter anderem. Naja, und ich würde wahnsinnig gern eine Ayurvedakur machen.

Was ist das?

Reinigung. Man reinigt seinen Körper. In Indien oder Sri Lanka.

An einem schicken Ort.

Ja, denn es ist günstiger dort, als wenn man es in Deutschland macht, inklusive der Reise. Und die Ayurveda-Philosophie kommt von dort.

Was bedeuten Ihnen Preise, abgesehen vom Geld?

Die Preise sind ja unterschiedlich. Ich habe mich letztes Jahr einfach wahnsinnig gefreut über den Preis, der vom Publikum kommt. Es ist ein tolles Gefühl, sich so wertgeschätzt zu fühlen vom Publikum, denn für die macht man es ja. Und von Kritikern ist es in einer gewissen Art und Weise eine Bestätigung, dass man auf einem guten Weg ist und gut arbeitet.

Vorausgesetzt, dass man es ernst nehmen kann. Denn es gibt sicher auch Differenzen zwischen der eigenen Sicht und dem, was die Kritiker schreiben, oder?

Ja, natürlich, klar. Es gibt natürlich Arbeiten, wo man denkt, das muss gefeiert werden, da bin ich mir ganz sicher, und dann passiert das Gegenteil und dann sitzt man da.

Zum Beispiel?

Bei „Glückliche Tage“ dachte ich am Anfang, das ist eine irre Chance, das als junge Schauspielerin machen zu können, ein Zwei-Personen-Stück, und ich habe wahnsinnig viel dafür gearbeitet und letzten Endes war die Rückmeldung, sowohl in Zuschauerzahlen als auch bei der Presse, extrem gering.

Das hat mich schon verletzt, weil mir der Abend doch sehr am Herzen lag, und wenn dann wenig Zuschauer reinkommen und die Kritiken eher skeptisch sind, weil der Abend natürlich auch kryptisch ist – Beckett –, dann verletzt einen das schon.

Haben Sie etwas daraus gelernt?

Ja: Vielleicht erntet man manchmal die Früchte etwas später.

Sie meinen, mit dem Preis?

Ja, denn der muss ja mit der Spielzeit zusammenhängen, die ich gemacht habe.

Aber nicht zwingend mit allen Dingen, die Sie gemacht haben.

Nein, aber es gab zwei große Dinge, und das waren eben „Eine Familie“ und „Glückliche Tage“.

Inwiefern groß?

In Bezug auf die Textmassen, die Größe der Rolle, die Verantwortung auf der Bühne.

Was ist das für eine Verantwortung?

Naja, zum Beispiel, dass ich den Abend ein Stück weit zu tragen habe. Und so gesehen, habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, wenn die Rückmeldungen vielleicht nicht ganz so positiv waren, wie ich mir das erhofft habe und die Zuschauermassen ausblieben, trotzdem bei mir zu bleiben und mein Ding genauso ernsthaft zu machen, auch wenn die äußere Rückmeldung nicht da ist. Bei sich zu bleiben, dennoch.

Sie sind seit gut drei Jahren hier. Wie sehen Sie das Verhältnis von Schauspielern und Publikum in Dortmund?

Ist es denn schlecht?

Nein, nicht, dass ich wüsste. Ich meine die grundsätzliche Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum, die es in jedem Theater gibt.

Hm. Ich finde, dass wir durch die Situation im Megastore eine ganz neue Möglichkeit bekommen haben, die Zuschauer viel direkter zu erreichen. Wie zum Beispiel in „Schweigendes Mädchen“, wo die Zuschauer sich am Anfang tatsächlich entscheiden können, welchem Schauspieler schaue ich zu, höre ich zu, ich gehe rum. Der Kontakt, der physische, ist ja durch den Megastore in fast allen Inszenierungen direkt gegeben.

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Oder „Borderline“: Die Zuschauer gehen an uns vorbei, um die Seite zu wechseln. Da ist kaum Distanz, das ist sehr nah. Und ich habe den Eindruck, dass das den Zuschauern sehr gefällt. Diese Nähe. Oder das direkte Ansprechen bei „Triumph der Freiheit“, wenn man mit denen zusammen im Zuschauerraum sitzt. Ich habe das Gefühl, das nimmt die sehr, sehr mit. Ich finde, wir sind da sehr weit vorne.

Was sollten die Zuschauer übers Schauspiel wissen?

Ich glaube, man kann sagen, dass der Schauspieler auf der Bühne definitiv niemals die Absicht hat, einen Zuschauer direkt zu beleidigen oder zu verletzen. Wenn, ist das immer in einer Figur.

Und alles, was ich als Schauspieler, also nicht in einer vorgetragenen Figur, sondern ich als Schauspieler auf der Bühne mache oder preisgebe oder erzähle oder zeige, ist immer mit einem Wohlwollen verbunden, dem Zuschauer gegenüber. Ich möchte ja, dass es was in ihm auslöst. Und ich tue es für ihn.

Ist Ihnen denn dieses Missverständnis begegnet? Dass die Menschen auf der Bühne nur so tun, weiß man doch eigentlich.

Ja, das weiß man schon, aber ich glaube, manchen ist gar nicht bewusst, wie viel Arbeit dahintersteckt, um ein möglichst gutes, für den Zuschauer wundervoll erlebbares Erlebnis zu schaffen.

Ach so, Sie meinen, als Zuschauer könnte ich nicht wegen einer Beschimpfung beleidigt sein, sondern weil ich den Eindruck habe, die auf der Bühne geben sich gar nicht richtig Mühe?

Vielleicht, ja. Mir persönlich ist das noch nicht begegnet, aber manchmal denke ich, wenn Zuschauer fragen, und das ist mir auch schon begegnet: Und was machen Sie dann als eigentlichen Beruf? Dann denkt man, ah, ok, dir ist gar nicht bewusst, wie viel Arbeit dahintersteckt, da was auf die Beine zu stellen. Also, ich habe überhaupt nicht das Gefühl in Dortmund, dass die Zuschauer nicht nachvollziehen oder respektieren würden, was wir da tun, im Gegenteil. Aber so was kann sicher mal vorkommen.

Wenn Sie jemand so etwas fragen würde, wären Sie überrascht?

Ja. Wobei meistens, wenn es in Zuschaueraugen eine schlechte Inszenierung ist, dann werden bei der Premiere die Schauspieler total beklatscht und der Regisseur ausgebuht. Da wird schon klar getrennt. Deswegen glaube ich, die meisten wissen schon, dass wir die Ausführenden sind von einer Idee.

Was wünschen Sie sich von einem Theaterabend?

Ich wünsch‘ mir, dass man an einem Abend mit den Zuschauern in einen Diskurs treten kann, bestenfalls. Dass der Abend was auslöst.

Wie könnte dieser Diskurs aussehen?

Naja, wir machen Publikumsgespräche, da ist jeder herzlich eingeladen zu kommen. Dann an dem Abend an sich schon, indem der Zuschauer etwas mitnimmt von dem, was wir ihm zeigen. Danach hat jeder die Möglichkeit, auf uns zuzukommen, wenn wir nach der Vorstellung im Foyer stehen. Oder einen Brief oder eine E-Mail zu schreiben.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst Regie zu führen?

Ich spiele natürlich ab und zu mit dem Gedanken. Inszenieren könnte mich wirklich irgendwann noch interessieren. Wir haben ja großes Glück hier in Dortmund, wir sind nicht nur Ausführende, sondern es wird viel mit uns gemeinsam entwickelt. Aber ein Regisseur hat ja doch eine noch unabhängigere Position als ein Schauspieler.

Welches Stück käme in Frage?

Welches Stück ich liebe, ist Fräulein Julie von Strindberg. Das sind sehr interessante Figurenkonstellationen, es geht viel um Macht, ein kleines Stück, drei Personen, aber sehr, sehr dicht. Ich habe mit Kay noch nicht darüber gesprochen, ob ich hier überhaupt mal was inszenieren dürfte, aber wenn man mal träumen darf, dann wäre es das.

Aktuell ist Merle Wasmuth in dem Zwei-Personen-Stück „Das Interview“ zu sehen. Sie spielt eine junge, erfolgreiche Schauspielerin und Carlos Lobo einen Politikredakteur, der gegen seinen Willen damit beauftragt wird, die Schauspielerin zu interviewen. Die beiden mögen sich nicht und sind doch fasziniert voneinander, beide versuchen, einander zu beeindrucken, ohne zu viel von sich selbst preiszugeben.

Entgegen der vielen lobenden Kritiken des Stücks empfand ich Text und Handlung als zu sprunghaft und kaum nachvollziehbar. Sie spielen diesen Text – wie sehen Sie das?

Also die Sprunghaftigkeit innerhalb des Textes gilt es ja zu untersuchen. Es sind ja eigentlich entweder Strategiewechsel der Figuren, die dazu führen, dass es einen Bruch gibt oder eine Veränderung, oder äußere Einflüsse, wie zum Beispiel Koks und Alkohol, die etwas verändern. Also, ich finde den Text schon nachvollziehbar.

Der Rezensent Honke Rambow schrieb im Blog „Ruhrbarone“: „Ausgerechnet das Interview, das allgemeinhin als die am meisten realitätsgetränkte journalistische Form gilt, wird in diesem konzentrierten, bösen Abend als großes Lügenspiel dekonstruiert.“

Ja, man weiß halt nicht, was wahr ist.

Sie und Carlos Lobo spielen die einzelnen Szenen überzeugend. Doch durch die Brüche kann ich den Zusammenhang nicht verstehen. Wenn ich überhaupt keinen Hinweis darauf erhalte, was wahr und was gelogen ist, wird alles beliebig.

Naja, ich finde zum Beispiel den Anfang ziemlich nachvollziehbar. Sie gibt zwei Interviews pro Jahr, dann kommt der Typ an und hat sich nicht vorbereitet. Das ist eine bodenlose Unverschämtheit. Dass sie dann an die Decke geht, ist vollkommen selbstverständlich, finde ich. Man stellt sich ja zur Verfügung, nicht wahr? Und im Stück ist es ihr Zuhause, ihr privater Raum.

Die Frage ist ja auch: Wer führt? Eigentlich führt ja der Interviewer, wenn er die Fragen stellt und gut vorbereitet ist und einfach seinen Job gut macht. Das macht Pierre Peters ja schon mal von vornherein nicht. Sie führt ja die meisten Szenen an. Ich kann ja sagen, was ich will. Ich sag im ersten Moment: Mein Vater ist tot. Dann sagt er: Tut mir leid, dann grüß ihn schön, meiner auch. Im nächsten Moment sag ich: Ich hab gar keinen Vater.

Bei der Schauspielerin im Stück geht es nicht so sehr um die künstlerische Qualität ihrer Filme, sondern darum, dass sie jung und hübsch ist und das Boulevard-Spiel mitspielt. Oder?

Nee, eigentlich nicht. Sie erhofft sich ja, zum allerersten Mal, dass jemand hinter ihre Fassade blickt. Sie könnte ja, nachdem der Typ sagt: Ich kenn‘ Sie noch nicht mal, einfach sagen: Ok, tschüss, da ist die Tür, gehen Sie. Aber aus irgendeinem Grund hält sie ihn ja zurück. Es passiert etwas ganz am Anfang, das beide, glaube ich, entscheiden lässt, dass irgendwas an dem anderen interessant ist. Deswegen lässt sie sich auf dieses Spiel ein.

Sie erhofft sich, dass es zum ersten Mal nicht um die Äußerlichkeiten geht, über die alle immer sprechen. Nämlich um ihre Figur, um ihr Aussehen, um ihre Typen, um ihre Operation. Nein, sie erhofft sich, durch ihn gesehen zu werden. Und er erkennt auch etwas in ihr wieder. Daher verstehen sie sich ja auch, auf eine Art und Weise. Es ist eine Hassliebe.

Ist es beides, Hass und Liebe?

Ja, die zerstören sich ja auch richtig. Und sie haben beide einen großen Gefallen daran, weil sie sich dadurch ja auch ein Stück weit spüren. Ich kenn‘ das selbst aus privaten Freundschaften oder Beziehungen, diese Zerstörungswut aus einer Liebe, aus einem Hass, das kann schon sehr dicht beieinander liegen. Die Frage ist, ob es einem gut tut und wann der Punkt kommt, an dem es besser ist zu gehen.

Das Stück endet mit einem kurzen, erschütternden Wortwechsel. Dann geht das Licht aus und wieder an, dazwischen haben Sie, ich weiß nicht, vielleicht 20 Sekunden…

…weniger.

Und dann stehen Sie da und verbeugen sich und es ist Ihnen anzusehen, dass Sie diese Rolle zum Teil noch in sich tragen. Wie lange dauert es, bis Sie sie nach dem Schlussapplaus komplett ablegen können?

Das Stück ist eine Achterbahn. Es beginnt plätscher-plätscher-plätscher, macht harte Wendungen und endet im Tiefen. In einer total emotionalen, traurigen Situation. Ich brauch‘ dann schon meine halbe Stunde, Stunde, um davon runterzukommen.