Mickie Krause über den Ballermann: „In der Form wird es die Playa de Palma nicht mehr geben“

Coronavirus

Seit mehr als 20 Jahren ist Mickie Krause eine Institution in der Schlagerbranche. Im Interview erzählt Krause, wie sich die Playa de Palma verändert hat und was das Virus für seine Branche bedeutet.

Berlin

18.06.2020, 16:51 Uhr / Lesedauer: 5 min
Schlagersänger Mickie Krause -hier bei einem Auftritt - spricht im Interview über die zu erwartenden Veränderungen am Ballermann nach Corona.

Schlagersänger Mickie Krause -hier bei einem Auftritt - spricht im Interview über die zu erwartenden Veränderungen am Ballermann nach Corona. © picture alliance/dpa

Herr Krause, Sie feiern am Sonntag Ihren 50. Geburtstag. Eine rauschende Party wird es aufgrund der Corona-Situation vermutlich nicht geben, richtig?

Nein, leider nicht. Wir hatten tatsächlich eine große Party geplant, die Einladungen waren auch schon verschickt. An diesem Plan konnten wir natürlich nicht mehr festhalten. Aber was sollen zum Beispiel die Menschen sagen, die dieses Jahr eine Hochzeit feiern wollten?

Gibt es einen Plan B?

Ja, wir werden die Feierlichkeiten im kleinen, familiären Rahmen halten und den Tag auf Norderney verbringen – mit einem Frühschoppen oder Brunch. Meiner Familie wird sicherlich etwas einfallen, ich lasse mich einfach überraschen.

Sind Sie ein Mensch, der viel Wert auf Geburtstage legt?

Grundsätzlich bin ich nicht der größte Geburtstagsfan. Das mag auch mit den Erfahrungen der vergangenen Jahre zusammenhängen. Denn: Da wo ich bin, ist immer schlechtes Wetter – ganz besonders rund um meine Geburtstage. Ich erinnere mich noch gut an meinen 40., als wir bis zum 20. Juni mit Traumwetter verwöhnt wurden, ehe es dann pünktlich zu meinem Geburtstag regnete. Vergangenes Jahr war in Deutschland am 21. Juni ausnahmsweise gutes Wetter, doch ich befand mich an diesem Tag bei einem Open Air in Südtirol. Dort war natürlich Land unter. Ich glaube, es liegt wirklich an mir (lacht).

Bei schönem Wetter denkt man vor allem an Mallorca. Vor wenigen Tagen sind wieder die ersten Flieger in Richtung Balearen-Insel gestartet. Wann geht Ihr erster Flug?

Mein erster Flug geht am 5. Juli. Ich werde mit meiner Familie zwölf Tage auf Mallorca verbringen, die Flüge habe ich rechtzeitig gebucht.

Auftritte in Ihrer beruflichen Heimat, im Megapark, sind noch nicht möglich. Mischt sich Mickie Krause also unter die Touristen?

Nicht ganz. Wir haben ein Haus auf Mallorca, das ein paar Jahre älter ist, etwa aus den 70ern. Es war höchste Zeit, es kernzusanieren. Und diese Renovierung fand inmitten der Corona-Krise statt. Das bedeutet, dass wir dieses Haus bisher nur von den Fotos her kennen. Diese Reise wird also eine riesige Wundertüte.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie dieser Tage die Fotos von den leeren Straßen und Lokalen an der Playa de Palma sehen?

Auf der einen Seite bin ich sehr traurig darüber, dass wir auch weiterhin nicht die Möglichkeit haben, dort wie gewohnt feiern zu können. Auf der anderen Seite müssen wir uns mit dieser Situation arrangieren. Es ist so, wie es ist.

Welche langfristigen Auswirkungen wird Corona auf den Partytourismus auf Mallorca haben?

In der Form, wie wir die Playa de Palma bisher kannten, wird es sie meiner Ansicht nach in Zukunft nicht mehr geben.

Das heißt konkret?

Feiern in diesem Stil wird nicht mehr möglich sein. 2500 Leute, die im Megapark oder Bierkönig eng umschlungen feiern, sich in den Armen liegen und dann Mickie Krause auf der Bühne: Das kann ich mir erst einmal nicht vorstellen – zumindest solange es keinen Impfstoff gibt. Dafür spricht auch die aktuelle Nachricht, dass Großveranstaltungen in Deutschland bis mindestens zum 31. Oktober untersagt bleiben.

Sind Sie im Austausch mit Ihren Kollegen und Betreibern auf Mallorca? Wie geht es den Menschen vor Ort?

Ich telefoniere regelmäßige mit einigen Leuten aus dem Megapark – ob das ein Mitarbeiter aus der Geschäftsführung oder mein Techniker vor Ort ist. Letztlich tappen sie alle genauso im Dunkeln wie wir auch. Sie wissen nicht, ob und wann der Megapark aufmachen wird. Das heißt, sie sind alle weiterhin ohne Arbeit und das ist das allergrößte Problem.

Wie belastend ist diese Situation für Sie persönlich? Normalerweise absolvieren Sie im Schnitt 250 Auftritte im Jahr ...

Ich bin ein Mensch, der Rhythmus liebt. Aus beruflicher Sicht besteht dieser daraus, dass ich 250 Jobs pro Jahr mache und über 100.000 Kilometer im Auto zurücklege. Ich bin also ständig auf Achse. Das alles ist komplett weggebrochen und mir hat es Magenschmerzen bereitet, nicht zu wissen, wann ich wieder auftreten darf. Zu Beginn der Corona-Krise war es ganz schön, mal entschleunigen zu können. Nach vier Wochen hat mir das aber gereicht.

Ist das Schlimmste diese Ungewissheit?

Ja, man fühlt sich ein bisschen so, als hätte jemand einen aufs Abstellgleis gestellt. Das kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich brenne seit 22 Jahren für die Bühne und erfinde mich immer wieder neu. Die Rückmeldung vom Publikum ist wie eine Droge. Seit dem 13. März bin ich, wie meine vielen Kollegen auch, sozusagen auf Entzug.

? Ursprünglich wollten Sie ab November eine Auszeit machen. Die wurde jetzt vorgezogen, nehme ich an …

Im Grunde genommen ist das so. Ich habe in den vergangenen Wochen ohne Auftritte ohnehin meine Ruhe gefunden. Der Unterschied zu meiner geplanten Auszeit ist jedoch, dass ich nicht reisen konnte. Viele Veranstalter haben allerdings ihre Auftritte in die Zeit von November 2020 bis April 2021 gelegt. Für mich war klar, dass ich dabei bin und helfe, die Veranstaltungen stattfinden zu lassen.

Konnten Sie die Zeit nutzen, um an neuen Songs zu arbeiten?

Wir waren wirklich sehr kreativ und konnten den Songs, an denen wir in den letzten zwölf Monaten gearbeitet haben, einen Feinschliff geben. Wir haben circa 15 bis 20 Songs neu produziert. Zum Beispiel haben wir „Nur noch Schuhe an!“ als eine Bandversion arrangiert, „Eine Woche wach“ gibt es jetzt als Akustik-Unplugged-Version. Am 3. Juli erscheint in Verbindung mit dem „Ballermann Hits 2020“-Sampler ein neuer Titel namens „10 Liter Bier“. Dabei handelt es sich aber nicht um einen typischen Mallorca-Sommerhit, denn der heißt ja „Kann ich so nicht sagen, müsst ich nackt sehen“. Sobald die Stimmung bei den Fans so ist, dass wir diesen Song veröffentlichen können, werden wir das machen.

Sie waren nicht nur im Tonstudio, sondern haben zu Corona-Zeiten Liveshows via Instagram, in Autokinos oder vor Altenheimen gegeben. Inwiefern haben Sie diese neue Erfahrungen geprägt?

Natürlich kann man 250 Konzerte im Jahr nicht mit ein paar Auftritten in Autokinos oder Altenheimen kompensieren. Mir war wichtig, weiterhin Präsenz zu zeigen, den Menschen eine Ablenkung zu geben und selbst nicht einzurosten. Es besteht ja die Gefahr, dass man sich an den Zustand, nichts zu tun, sehr schnell gewöhnt.

Bei Ihnen hält sich die Gefahr eigentlich in Grenzen, da Sie sportlich sehr aktiv sind. Wie war es für Sie, einen kompletten Marathon alleine zu laufen?

Es war definitiv einer der langweiligsten Marathons meines Lebens. Ich laufe viel lieber in einer größeren Menge, weil ich so die Möglichkeit habe, auch mal mit anderen Menschen zu quatschen. Bei einem Marathon ist es wichtig, zwischendurch auf andere Gedanken gebracht zu werden. Sonst fragst du dich nach Kilometer 30 schon: „Warum mache ich das hier eigentlich?“ Letztlich war es eine Frage der Konsequenz und Disziplin, diesen Marathon alleine durchzuziehen.

Wer mit 50 noch Marathons läuft, kann auch mit 80 noch auf der Bühne stehen. Oder sehen Sie das anders?

Vor 30 Jahren war man mit 50 schon alt. Heutzutage gilt man erst mit 75, 80 als alt. Ich kann mir gut vorstellen, diesen Job die nächsten 15, 20 Jahre weiter auszuüben. Das Pensum von 200 bis 250 Auftritten pro Jahr kann ich mir maximal noch für die nächsten zehn Jahre vorstellen. Bis 60 Vollgas! Und dann bereite ich mich auf meinen Vorruhestand vor …

Ihr Kollege Jürgen Drews braucht mit seinen 75 Jahren die Bühne nach wie vor wie andere die Luft zum Atmen. Was schätzen Sie an ihm ganz besonders?

Wir sind nicht nur nette Musikerkollegen, sondern mit der Zeit auch echte Freunde geworden. Solche Freundschaften gibt es in dieser Branche leider selten, ich kann das an einer Hand abzählen. Jürgen ist sehr ehrlich und wir können beide sehr gut mit Kritik umgehen. Wenn eine meiner Äußerungen mal zu derbe war, dann habe ich kein Problem damit, mich bei Jürgen zu entschuldigen. Für ihn gilt das ebenso.

RND

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