Midori und Omer Meir Wellber: Tschaikowsky mit zwei Gegenpolen

Konzerthaus Dortmund

Wer glaubt, Andris Nelsons oder Yannick Nézet-Séguin seien Heißsporne am Pult, hat Omer Meir Wellber noch nicht erlebt. Gestern Nachmittag dirigierte der 34-jährige Israeli das Orchestra Filarmonica della Fenice im Konzerthaus Dortmund. - Mit viel Elan, Temperament und großen Emotionen. Dass Tschaikowskys Violinkonzert zu Beginn noch zurückhalten klang, lag an der Solistin Midori Goto.

DORTMUND

, 10.01.2016, 18:58 Uhr / Lesedauer: 1 min
Geigerin Midori Goto hat gestern in Dortmund gespielt.

Geigerin Midori Goto hat gestern in Dortmund gespielt.

So langsam und zaghaft, als wolle sie mit ihrer Guarnerius-del-Gesu-Geige ein Dornröschen wachküssen, ging die 44-jährige Japanerin, die schon 33 Jahre auf der Bühne steht, das Konzert an. Aber das Dornröschen wurde nicht richtig putzmunter. Und Wellber hatte Mühe, das Orchester aus dem berühmten Opernhaus in Venedig zu drosseln.

Sauber, sanft und kammermusikalisch spielte Midori. Zu einem Mozart-Konzert oder ihren beiden blitzblanken Zugaben von Bach passt das aber besser als zu Tschaikowsky.

Porsche mit Käfer-Motor

So wirkte es, als würde ein Porsche mit einem Ferrari-Piloten, aber mit einem Käfer-Motor ins Rennen gehen. Großen Jubel vom Publikum gab es trotzdem. Wer gerade die neue CD von Teodor Currentzzis und Patricia Kopatchinskaja mit dem Konzert gehört hat, glaubt nicht, dass dies dasselbe Werk war.

Euphorisch bejubelt wurde auch Wellbers fulminante Interpretation von Brahms' zweiter Sinfonie. Auswendig dirigierend, hatte der 34-Jährige noch mehr Freiraum, das Orchester tänzelnd, hüpfend und mit ausladenden Armbewegungen anzustacheln.

Pastorale mit Schwung

Eine Pastorale sieht der Israeli in dem Werk. In den ersten beiden Sätzen ließ er das mit erdigen, dunklen Klängen und präsenten Horn-Tönen auch anklingen; spätestens im Finale war dann aber Schluss mit der Idylle: Da schaufelte Wellber Emotionen aus dem Orchester und peitschte die Musik auf.

In der Zugabe steigerte er das: Der Ungarische Tanz von Brahms hatte wirklich ungarisches Temperament. Danach folgte die Ouvertüre zu Verdis "Traviata", die 1853 im Fenice uraufgeführt worden ist.