Mit Picasso in der Wanne

Ausstellung in Münster

MÜNSTER Was für ein Zwischenstopp! Der US-Kriegsfotograf David Douglas Duncan raste eigentlich in den 50er Jahren für das Magazin „Life“ von Krise zu Krise. Griechenland, Korea, Indochina, die deutsche Zonengrenze. Im Februar 1956 aber machte er kurz Pause im Luxus der französischen Promi-Stadt Cannes. Er wollte unbedingt Picasso kennen lernen.

14.10.2011, 20:02 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die erste Begegnung zwischen Maler und Fotograf fand im Badezimmer statt.

Die erste Begegnung zwischen Maler und Fotograf fand im Badezimmer statt.

Das allein wäre schon aufregend. Aber die Ausstellung „Picasso bei der Arbeit“ bietet noch mehr. Natürlich sind auf den Fotos viele Kunstwerke zu sehen, manchmal prominent im Vordergrund, manchmal unscharf an der Wand. Diese Werke aus dem Besitz der Familie (vor allem des Sohnes Claude) stehen leibhaftig im Museum. Es sind Gemälde, Keramiken, Skulpturen und Grafiken, die nie irgendwo ausgestellt werden und die „kein öffentliches Museum als Leihgaben herausgerückt hätte, weil sie teils so empfindlich und fragil sind“, erklärt Museumsleiter Prof. Markus Müller. Die Zusammenstellung von Fotos und Originalwerken ist oft unwiderstehlich spannend und humorvoll. Ein ganzer Fotozyklus zeigt, wie Jacqueline ihrem Mann Fisch serviert, Picasso den Fisch äußerst gründlich abnagt, die Gräten in Keramik drückt und daraus hinreißende Fisch-Teller erschafft. Diese Teller leuchten an der Wand gegenüber. Bilder mit Millionenwert hingen bei den Picassos im Wohnzimmer, als wären es Fingerfarbenkleckse der Kinder. Hier ein Stillleben, dort eine Grafik mit einer knubbeligen Frau. Alles ein bisschen windschief und unaufgeräumt, und Picasso steht lächelnd davor. Doch dann ist die knubbelige Frau plötzlich live in Münster – sie ist giftgrün – und das Auge sieht dasselbe Kunstwerk zweimal in einem Abstand von 50 Jahren. Eine ungeheuerliche Zeitreise. Man spürt Picassos Atem auf der Haut.

Wie aber wirkt der Meistermaler auf den Porträts des Meisterfotografen? Picasso zeigt sich nur ganz selten nachdenklich. Er schein immer gut gelaunt, lacht, spielt mit den Kindern. Doch es ist eine Heiterkeit, die nicht gütig wirkt, sondern ein riesengroßes Selbstbewusstsein spiegelt. Das bewegendste Bild zeigt Picasso und Jacqueline, wie sie nach dem ersten Treffen 1956 vor ihrer Villa stehen und Duncan nachblicken. Der Maler taxiert den Fotografen sengend wie ein Löwe. Jacqueline, die einen Schritt hinter ihm steht, hat etwas verkrampft ihre Hand auf Picassos Schulter gelegt und guckt wie ein schüchternes Reh. Ein Foto, das die Stimmung des Paares besser einfängt als jede Biografie es könnte. Die Ausstellung des Jahres in Münster.

 

Lesen Sie jetzt