Mutter (27) tötet ihre fünf Kinder: Was hat sich in der Familie abgespielt?

Tragödie in Solingen

Ein unvorstellbares Grauen. Fünf tote Kinder. Mutmaßlich getötet von ihrer noch jungen Mutter, die auch sich selbst das Leben nehmen wollte. Was hat sich in der Familie abgespielt?

Solingen

04.09.2020, 13:38 Uhr / Lesedauer: 2 min
Siegel der Polizei hängen an der Wohnungstür der Familie. Die 27 Jahre alte Mutter soll hier ihre fünf Kinder umgebracht haben.

Siegel der Polizei hängen an der Wohnungstür der Familie. Die 27 Jahre alte Mutter soll hier ihre fünf Kinder umgebracht haben. © picture alliance/dpa

Vor der Wohnungstür steht ein buntes Kinderfahrrädchen mit einem lustigen Bärchen-Motiv. Rechts ein überquellendes Schuhregal im Hausflur. Mit großen und kleinen Turnschuhen, pinkfarbenen Mädchen-Sandalen.

Am Boden ein Paar Jungen-Sommerschuhe, die das Kind offenbar eilig von den Füßen gestreift hat. Es sieht aus, als ob hier eine glückliche, quirlige Familie wohnt. Ein drastischer Trugschluss, wie man seit Donnerstag weiß.

Was sich hinter der Tür in der Wohnung in der Hasselstraße 155 in der bergischen Stadt Solingen abgespielt hat - man kann nur spekulieren. Entsetzlicher Fakt ist: Fünf der sechs Geschwister, die hier lebten, sind tot - zwei Jungen, drei Mädchen.

Das älteste Kind wurde acht Jahre alt, das jüngste 18 Monate. Nur ein Geschwisterkind lebt, ein elfjähriger Junge - er ist in die Obhut seiner Oma in Mönchengladbach gegeben.

Kinder offenbar betäubt und erstickt

Am Tag nach dem Fund der toten Kinder ist vieles noch offen. Die Ermittler informierten am späten Freitagnachmittag weiter über den Fall, über die Hintergründe, wie die Kinder starben, die eigentlich noch ihr ganzes Leben vor sich hatten.

Die fünf tot gefundenen Kinder aus Solingen sind den Ermittlern danach zufolge vermutlich erstickt. Es gebe auch Hinweise, dass sie sediert worden seien, sagte Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt am Freitag in Solingen, ohne Details zu nennen. Das habe die Obduktion der Leichen ergeben.

Die dringend verdächtige Mutter der fünf toten Kinder von Solingen hat die Tat wohl in einem Zustand der emotionalen Überforderung begangen. Das sagte der Leiter der Mordkommission Marcel Maierhofer am Freitag vor der Presse.

Mutter lebte ein Jahr allein mit den Kindern

Zuvor habe sie ein Jahr von ihrem letzten Mann, dem Vater von vier ihrer Kinder, getrennt gelebt. Sie habe die Tat ihrer eigenen Mutter in einem Whatsapp-Chat gestanden und sich dann in Düsseldorf vor einen Zug geworfen Dabei habe sie schwere, aber nicht lebensgefährliche innere Verletzungen erlitten.

Eventuell sei der 11-jährige Sohn nicht ums Leben gekommen, weil der Junge zum Tatzeitpunkt eventuell in der Schule gewesen sei, sagte Maierhofer. Die Vermutung sei aber noch nicht gesichert. Der Junge habe noch nicht befragt werden können.

Am Tag danach herrscht Sprachlosigkeit in Solingen, Stille ist eingekehrt. Die Leichname sind in der Nacht zu Freitag abtransportiert worden, müssen obduziert werden. Alle Absperrungen sind aufgehoben.

Belastung für die ersten Polizisten vor Ort ist extrem

Die rund 40 Beamten haben die Spuren vor Ort gesichert, sind abgezogen. Für die Kollegen, die auf die fünf kleinen leblosen Körper stießen, ist die Belastung extrem, schildert ein Polizeisprecher. Vor dem Hauseingang, an den Briefkästen, brennen am Freitag Kerzen. Anwohner haben auch Stofftiere und Blumen niedergelegt.

Noch am Donnerstagabend geht ein Pfarrer durch die Straße mit der dichten Bebauung, den hohen Mehrfamilienhäusern, steht bereit, um entsetzten Nachbarn Trost zu spenden. Er treffe auf das Gefühl von Ohnmacht und tiefer Fassungslosigkeit, berichtet der Pfarrer. In Düsseldorf zeigt sich Ministerpräsident Armin Laschet schockiert. „Das lässt einen im Tagesgeschäft innehalten“ und an „die wichtigen Dinge im Leben denken“, sagt er.

Experte: Für jede einzelne Tötung ein neuer Entschluss

Das einzige überlebende Geschwisterkind war mit der Mutter unterwegs, kurz bevor sie in Düsseldorf versuchte, sich das Leben zu nehmen. Dass eine Mutter eine solche Tat begehe, habe er bisher nie erlebt, betont Kriminalexperte Axel Petermann. „Diese Gewalt bedeutet ja auch für jede einzelne Tötung einen neuen Entschluss.“

Und Ulrike Zähringer von der Akademie der Polizei Hamburg sagt im WDR auf die Frage, warum Eltern ihre Kinder töten, dass oft Trennungssituationen eine Rolle spielten. Der Täter oder die Täterin sehe sich in einer völlig ausweglosen Situation, wünsche sich zu sterben und könne sich nicht vorstellen, die Kinder allein oder in einer getrennten Familie ihrem Schicksal zu überlassen.

dpa

Lesen Sie jetzt