Nach Corona-Ausbruch bei Tönnies: Gibt es bald weitere Maßnahmen?

Coronavirus

Der Schlachtbetrieb von Tönnies ist geschlossen, Tausende Menschen stehen unter Quarantäne, Schulen und Kitas sind dicht. Ob das reicht, um den Corona-Ausbruch einzudämmen, wird nun geprüft.

Gütersloh

22.06.2020, 17:13 Uhr / Lesedauer: 3 min
Im Kreis Gütersloh sind momentan alle Schulen und Kitas geschlossen.

Im Kreis Gütersloh sind momentan alle Schulen und Kitas geschlossen. © picture alliance/dpa

Nach dem massiven Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit inzwischen mehr als 1500 nachweislich infizierten Mitarbeitern zeichnen sich weitere Schritte zur Eindämmung des Infektionsherdes ab. Fachleute des Robert Koch-Instituts und andere Wissenschaftler sind im Kreis Gütersloh nach Angaben der Behörden im Einsatz. „Deren Empfehlungen folgen weitere Maßnahmen“, teilte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Montag über den Kurznachrichtendienst Twitter mit, ohne dabei Details zu nennen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte einen kurzen Lockdown mit massiven Tests in der Region. Er warnt vor einem freien Reiseverkehr der Menschen aus der Region Gütersloh. Inzwischen hält auch der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) einen Lockdown in der Region für vorstellbar. „Ich würde sagen ja“, sagte Adenauer am Montagabend auf die Frage, ob es nach einem Lockdown „rieche“.

Quarantäne konsequent durchgesetzt

Die mobilen Teams, die in den Wohnungen und den Unterkünften unterwegs seien und auch Familienangehörige ansprächen, stießen jetzt in ein gewisses Dunkelfeld. „Insofern ist das für mich schon eine neue Situation“, erklärte Adenauer. Die mobilen Teams hätten einige positive Fälle bei ihrem Einsatz gefunden. Eine Zahl wollte der Landrat aber zunächst noch nicht nennen, da erst einmal ausgeschlossen werden solle, dass es hier doppelte Zählungen gebe.

Laschet verwies auf Twitter darauf, dass Schulen und Kitas im Kreis Gütersloh bereits vorsorglich geschlossen sind. Die Quarantäne werde konsequent für 7000 Menschen durchgesetzt, auch für Nicht-Infizierte, die in Kontakt waren, erklärte der Regierungschef. Im betroffenen Tönnies-Werk, der größten deutschen Fleischfabrik, ruhe zudem der Betrieb.

Mittlerweile 1553 positive Fälle

Die NRW-Landesregierung will am Dienstag zu einer Sitzung zusammenkommen, wie aus der Staatskanzlei in Düsseldorf verlautete. Der Landrat geht davon, dass er bei einer möglichen Entscheidung der Landesregierung zu einem regionalen Lockdown vorab informiert werde. Die Zahl der nachweislich infizierten Tönnies-Mitarbeiter ist nach jüngsten Daten weiter gestiegen. Es gebe 1553 positive Befunde von den Personen, die unmittelbar im Werk tätig sind, sagte der Leiter des Krisenstabes im Kreis Gütersloh, Thomas Kuhlbusch, am Montagabend bei einer Pressekonferenz in Gütersloh. Insgesamt seien 6650 Proben genommen worden. Zuvor hatten die Behörden von 1331 bestätigen Corona-Fällen (Stand Sonntag) in der Tönnies-Belegschaft berichtet.

Die hohe Zahl der Corona-Infizierten hat im Kreis Gütersloh eine Kennziffer für die Pandemie-Bekämpfung deutlich nach oben getrieben. Die sogenannte 7-Tages-Inzidenz zu den Corona-Neuinfektionen ist dort auf den Wert von 263,7 gestiegen. Er zeigt an, wie viele Neuinfektionen in den vergangenen 7 Tagen pro 100 000 Einwohner gemeldet wurden. Auch im benachbarten Kreis Warendorf geht der Wert nach oben. Dort liegt er nach Angaben des nordrhein-westfälischen Landeszentrums Gesundheit zum Stand 22. Juni 0 Uhr bei 41,8. Bei der Marke von 50 sollen für eine betroffene Region wieder stärkere Einschränkungen in Betracht gezogen werden.

„Fehler, dass es keinen Lockdown gibt“

Bund und Länder haben allerdings auch vereinbart, dass diese Zahl keine Rolle spielt, wenn es sich um einen lokal eingrenzbaren Infektionsherd handelt. So wird auch der Ausbruch bei Tönnies bisher von der Landesregierung eingestuft. Laschet schließt aber einen Lockdown in der Region weiter nicht aus. Die Bundesregierung betonte, über konkrete Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen entscheide das Land Nordrhein-Westfalen.

Lauterbach kritisierte das Vorgehen der NRW-Landesregierung. „Ich bin sicher, dass deutlich mehr Menschen außerhalb der Mitarbeiterschaft inzwischen infiziert sind“, sagte er der „Rheinischen Post“ (Dienstag). Das Virus könnte sich so potenziell sehr weit verteilen. Deshalb sei es ein Fehler, „dass es jetzt keinen kurzen Lockdown mit einem massiven Testaufgebot gibt“. Das sei nötig, um das tatsächliche Infektionsgeschehen in der Region genau einschätzen zu können. Im Kreis Gütersloh ging es am Montag unter anderem um weitere Abstriche bei Haushaltsangehörigen von Tönnies-Mitarbeitern.

Erneut waren mobile Teams unterwegs, um Proben zu nehmen und den in Quarantäne befindlichen Menschen Unterstützung anzubieten. Im Kreisgebiet können sich alle Menschen in den nächsten Tagen kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. Am Montag seien auf diese Ankündigung schon zahlreiche Menschen zum Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück gekommen, sagte Kreissprecher Jan Focken.

R-Wert bei 2,88

Für die angekündigten kostenlosen Corona-Tests der Bevölkerung des Kreises Gütersloh will die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe ein Diagnosezentrum einrichten. Ort, Tag der Eröffnung und Öffnungszeiten stünden noch nicht fest. „Wir hoffen, dass es kurzfristig klappt“, sagte eine Sprecherin der Vereinigung. Die vielen Infektionen bei Tönnies-Mitarbeitern sorgten auch dafür, dass die für die Ausbreitung wichtige Reproduktionszahl (R-Wert) für ganz Deutschland deutlich auf 2,88 (Vortag: 1,79) gestiegen ist.

Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel zwischen zwei und drei weitere Menschen ansteckt. Der Anstieg hänge mit lokalen Häufungen zusammen, wobei insbesondere der Ausbruch in Nordrhein-Westfalen eine große Rolle spiele, wie das RKI in seinem Lagebericht mitteilte.

dpa

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