Nach dem AfD-Parteitag: Insider-Roman skizziert die rechtsextreme Unterwanderung

Rechtsextremismus

Björn Höcke ist der Sieger des AfD-Parteitags von Dresden. Über die rechtsextremen Strippenzieher in der AfD hat ein Ex-Mitarbeiter nun einen Roman voller erschreckend realer Einblicke vorgelegt.

Berlin

14.04.2021, 05:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Sonne geht hinter der Kuppel des Reichstagsgebäudes auf. Im Roman „Machtergreifung“ kommt ein AfD-Vertreter nach ganz oben.

Die Sonne geht hinter der Kuppel des Reichstagsgebäudes auf. Im Roman „Machtergreifung“ kommt ein AfD-Vertreter nach ganz oben. © picture alliance/dpa

Seine Gefolgsleute nennen ihn den „Kommandeur“. Friedrich Sehlings ist ein rechtsextremer Strippenzieher, der in der neuen „Deutschlandpartei“ ganz nach oben strebt. Überall im Parteiapparat sitzen seine Vertrauten.

Er kämpft mit allen Mitteln: Überzeugung, Charme, Gewalt und sogar Mord. „Machtergreifung“ heißt der Roman, in dem die Figur Sehlings die Hauptrolle spielt. Es ist nicht zu viel verraten, dass Sehlings am Ende ganz oben steht – unter sich die schwelenden Trümmer der deutschen Demokratie.

Autor ist ein Aussteiger aus dem Parteiapparat

Der Autor von „Machtergreifung“ nennt sich Ferdinand Schwanenburg. Es ist ein Pseudonym. Dahinter verbirgt sich ein Aussteiger aus dem Parteiapparat. Er arbeitete mehrere Jahre für die AfD, bis er deren Dunstkreis hinter sich ließ. „Die Mehrheit der führenden Kräfte in der AfD steht nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes“, sagt er beim Telefonat mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Davor will ich warnen. Ich habe zwei Jahre beim Aufbau der Fraktionen geholfen, ich habe mich an dieser Entwicklung mitschuldig gemacht. Dafür will ich jetzt mit diesem Buch und dieser Warnung Buße tun.“

„Machtergreifung“ will kein Schlüsselroman sein, doch es beginnt wie einer. Der rechtsextreme Strippenzieher wirkt in all seinen Zügen wie der aus der Partei geworfene Andreas Kalbitz. Sein politischer Ziehvater Dr. Adalbert Hausding, ein „greiser Fraktionschef mit Gartenzwergkrawatte“, erscheint als Gauland-Kopie. Weitere Protagonisten erinnern stark an den Thüringer Rechtsextremen Björn Höcke und den neurechten Vordenker Götz Kubitschek.

Schwanenburg aber sagt, er wollte politische „Idealtypen“ erschaffen. Die Entscheidungsträger im politischen Berlin – der junge, schwule, ehrgeizige Minister von der „Christpartei“, der alte eitle Chef der „Ökopartei“, die Chefin der radikalen „Ökorebellen“, das restliche Personal der „Deutschlandpartei“, sie alle sind Zusammenschnitte gegenwärtigen Politikpersonals.

Der Roman ist Fiktion – die rechtsextremen Seilschaften sind es nicht

Keiner von ihnen hat der Perfidie und Strategie des Strippenziehers Sehlings etwas entgegenzusetzen, der auf jahrzehntelang gewachsene Netzwerke vertraut. „Die Charaktere sind Collagen, sind Idealtypen des politischen Personals der Bundesrepublik. Die Geschichte ist eine Fiktion“, stellt der Autor im Gespräch klar.

Und er warnt vor dem, was nicht seiner Fantasie entsprungen ist: „Was aber am wenigsten fiktiv ist, sind die Schilderungen der Unterwanderung der Partei durch rechtsextreme Seilschaften. Das habe ich selbst mitbekommen. Ich war überrascht, wie viele AfD-Kader sich bereits aus der Bundeswehr oder einschlägigen völkischen Bünden kannten.“

Auf dem AfD-Bundesparteitag in Dresden am vergangenen Wochenende haben die extrem Rechten in der Partei bewiesen, dass sie auch ohne den Strippenzieher Kalbitz Erfolg haben können. Nun drängte sich Höcke in den Vordergrund, der sich bisher auf Parteitagen vornehm zurückhielt. Er drehte mehrere Entscheidungen gegen die konservative Strömung um Parteichef Jörg Meuthen. Die AfD positioniert sich nun klar gegen die EU, gegen Masken, gegen fast jede Einwanderung – geschlossen verschärften Höckes Leute das Wahlprogramm. Im Meuthen-Lager herrscht nun das blanke Entsetzen vor dieser zur Kenntlichkeit entstellten Partei.

Ferdinand Schwanenburg: Machtergreifung. Europa-Verlag, 450 S., 24 Euro.

RND

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