Nézet-Séguin baute Kathedrale des Klangs

Konzerthaus Dortmund

DORTMUND. Bruckners siebte Sinfonie, das E-Dur-Werk, ist nicht nur die freundlichste der späten Sinfonien des Österreichers, sie ist auch eine Kathedrale des Klangs. Yannick Nézet-Séguin war für das rund 70-minütige Werk am Samstagabend bei der Eröffnung des Orchesterzyklus I im Konzerthaus Dortmund der ideale Architekt. Und ein Verführer mit Klang.

von Von Julia Gaß

, 02.10.2011, 16:35 Uhr / Lesedauer: 1 min
Dirigent Yannick Nézet-Séguin stammt aus Kanada.

Dirigent Yannick Nézet-Séguin stammt aus Kanada.

Aus dem wild hüpfenden Kanadier ist ein ruhigerer, inzwischen 35 Jahre alter Dirigent geworden, der sein Rotterdam Philharmonic Orchestra so differenziert und kontrastreich spielen ließ, als wäre diese Sinfonie Kammermusik. Aber Nézet-Séguin hat dabei eine Ausstrahlung, die noch größer ist als seine Armspanne, wenn er die Arme beim Dirigieren so weit ausbreitet, als wolle er sein Orchester umarmen. - Ein lebendiger, höchst vitaler, abwechslungsreicher Bruckner.Nicht zu feierlich

Breit, aber ohne zu viel erhabene Feierlichkeit, die Wagner-Tuben und der Rest der erstklassig besetzten Blechbläsergruppe des niederländischen Orchesters vermuten ließen, ließ Nézet-Séguin musizieren. Auch das unter dem Eindruck von Wagners Tod geschriebene Adagio klang zwar elegisch und erdenschwer, der Kanadier nahm ihm mit einer extrem kontrastreichen Anlage aber übertriebenes Pathos.

Diesmal mit Beckenschlag

Spannend ist für Bruckner-Fans immer: Krönt der Dirigent das Adagio mit dem nachträglich eingefügten Beckenschlag und Triangel-Tremolo? Nézet-Séguin tat es - das war konsequent bei seiner effektreichen, farbigen Interpretation.

Zum ersten Werk des Abends, Mozarts drittem Violinkonzert mit der 22-jährigen Veronika Eberle als Solistin, passte Nézet-Séguins durchsichtige Bruckner-Interpretation.Mozart wie aus dem Ei gepellt

Sehr zart und vorsichtig, fast noch in barocker Manier, spielte die Münchnerin das Konzert, vor allem im zweiten Satz mit einem Feenton. Das war ein Mozart wie aus dem Ei gepellt, aber auch so behandelt wie ein rohes Ei. Etwas mehr Charisma bekommt die Geigerin, die auch "Junge Wilde" des Konzerthauses ist, sicher noch. Mit Ysaye als Zugabe verabschiedete sie sich. 

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