Nézet-Séguin stürmte in Mahlers Klanggebirge

London Philharmonic Orchestra

DORTMUND Über fünfte Werke einer Gattung gibt es ganze Konzertreihen. Am Freitag im ausverkauften Konzerthaus Dortmund und Samstag in der Philharmonie Essen immerhin einen Abend. Mit Beethovens triumphalem Klavierkonzert und Mahlers cis-Moll-Sinfonie. Der mit dem berühmten Adagietto aus Viscontis "Tod in Venedig". Es war eine ungerechte Gegenüberstellung. Auch, was die Interpretation angeht.

von Von Julia Gaß

, 10.04.2011, 17:10 Uhr / Lesedauer: 1 min
Als wolle er die Welt umarmen: Yannick Nézet-Séguin dirigierte mitreißend emotional.

Als wolle er die Welt umarmen: Yannick Nézet-Séguin dirigierte mitreißend emotional.

Yannick Nézet-Séguin und das London Philharmonic Orchestra - das war eine schlagkräftige und hochemotionale Verbindung für Mahlers Gebirge aus Klang. Der kleine, quirlige Kanadier dirigiert so, als wolle er nicht nur sein Orchester, sondern die ganze Welt umarmen, und der Taktstock ist dabei die direkte Verlängerung seines Herzens.Klug durchdacht Obwohl es nach Show und sehr enthusiastisch aussieht, wenn der junge Pultstar auf seinem Podest tanzt und hüpft, strahlt und animiert, ist alles, was der 36-Jährige macht, kontrolliert und gut durchdacht. Sehr klug erklomm der Kanadier das mächtige Klangmonument, machte daraus aber kein Auf und Ab durch zerklüftete Seelenlandschaften, sondern gab den drei großen Abschnitten viel Stabilität und durchzog den Weg vom Trauermarsch zum Jubelsturm mit Riesenatem und ließ die Sinfonik langsam wachsen. Selbst im sehr ausgedehnten, zuweilen keck groteske Fratzen schneidenden Scherzo.Kraft und Klasse Orgiastische Kräfte setzte Nézet-Séguin im ersten Satz frei, das Adagietto, Kino für die Ohren seit Viscontis Verfilmung der Thomas Mann-Novelle, war kein Mahler aus dem pathetischen Tränenmeer. Der Kanadier ließ Klänge fließen und morbide schimmern, aber nicht in Schönheit sterben. Nicht nur im kraftstrotzenden Finale spielte das London Philharmonic seine große Klasse aus. Eine schöne Würdigung zu Mahlers 100. Todestag am 18. Mai. Der 70-minütigen Sinfonie vorangestellt war Beethovens fünftes Klavierkonzert, das Pianist Lars Vogt mit sehr viel Pedal zum heimlichen Schubert-Klavierkonzert machte. Lyrisch-Liedhaftes im Adagio lag dem 40-jährigen Dürener mehr. 

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