Niederlande: Kaum Abstand, kaum Mundschutz, kaum Kontrollen - Normalität oder Sorglosigkeit?

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Auch in den Niederlanden werden die Corona-Maßnahmen nach und nach gelockert. Das ist in den Städten spürbar. Trotz Warnungen sind Abstand, Masken und Kontrollen eher die Ausnahme.

Den Haag

, 25.05.2020, 21:27 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zwischen den schmalen Gassen im Zentrum von Den Haag blitzt immer wieder ein Sonnenschein hindurch. Hunderte Menschen tummeln sich auf den Shoppingwegen zwischen Restaurants und Modegeschäften. Vor vielen Geschäften stehen Menschen an, warten auf den Einlass.

Wäre da nicht der strahlende Sonnenschein und rund 20 Grad auf den Straßen im Westen der Niederlande, könnte man meinen, die Menschen drängen in die Geschäfte, um ihre letzten Weihnachtseinkäufe zu tätigen. Es weht ein lauer Windzug durch die Gassen von Den Haag und es fühlt sich nach Normalität an am vergangenen Samstag.

Coronavirus hatte den Höhepunkt im April erreicht

Ganz so, als wäre das Coronavirus kaum Thema gewesen im Benelux-Staat. 45.445 Corona-Infizierte sowie 5830 Tote haben die Niederlande seit dem ersten offiziellen Coronafall im Land am 28. Februar zu beklagen (Stand: 25. Mai).

Ihren Höhepunkt in den Niederlanden erhielt die Pandemie Mitte April. Mehr als 1000 Neuinfektionen und Meldungen von über 100 Corona-Toten bestimmten da den Alltag der Niederländer. Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus waren da schon längst beschlossen. Bereits im März schlossen Kinderbetreuung, Schulen und Hochschulen, genauso wie Kultureinrichtungen und die Gastronomie.

Damals erhielt Regierungschef Mark Rutte weltweite Aufmerksamkeit, als er bei einem Supermarkt-Besuch auf die Frage nach Klopapier antwortete: „Es gibt genug in den ganzen Niederlanden für die kommenden zehn Jahre. Wir haben so viel, wir können zehn Jahre kacken.“

Bereits Mitte März bildeten sich lange Menschenschlangen vor den Coffee-Shops in Den Haag. In diesen werden unterschiedlichste Drogen verkauft. Ähnlich sah es nun am vergangenen Wochenende vor vielen Geschäften in Den Haag aus.

Bereits Mitte März bildeten sich lange Menschenschlangen vor den Coffee-Shops in Den Haag. In diesen werden unterschiedlichste Drogen verkauft. Ähnlich sah es nun am vergangenen Wochenende vor vielen Geschäften in Den Haag aus. © picture alliance/dpa

Das gesamte Land befand sich zu dieser Zeit im März im „intelligenten Lockdown“, so nannte es Rutte. Eine entsprechende Wirkung der Maßnahmen machte sich Ende April bemerkbar, als die Infektions- und Todeszahlen langsam zurückgingen.

Stufenweiser Plan

Rutte war es dann auch, der am 6. Mai die ersten Schritte aus der Coronakrise für die Niederlande ankündigte. Ein stufenweiser Plan soll die Niederlande bis zum September in die Normalität zurückbringen. Schulen haben seit dem 11. Mai wieder geöffnet, Restaurants und Theater dürfen ab dem 1. Juni wieder aufmachen - unter bestimmten Auflagen.

Ab diesem Tag müssen auch Mundschutzmasken im öffentlichen Nahverkehr getragen werden. Rutte appellierte an die Bevölkerung: „Wir können die Niederlande nur wieder öffnen, wenn sich jeder klug verhält. Das Virus muss beherrschbar bleiben.“

Mark Rutte, Premierminister der Niederlande: „Wir können die Niederlande nur wieder öffnen, wenn sich jeder klug verhält. Das Virus muss beherrschbar bleiben.“

Mark Rutte, Premierminister der Niederlande: „Wir können die Niederlande nur wieder öffnen, wenn sich jeder klug verhält. Das Virus muss beherrschbar bleiben.“ © picture alliance/dpa

Doch im Zuge der Lockerungen scheint auch eine gewisse Lockerheit damit einherzugehen - zumindest in Den Haag am vergangenen Samstag. Dort tummelten sich die Menschen vor den Geschäften, standen teils hunderte Meter Schlange, um bei Primark, H&M oder JD Sports shoppen zu gehen. Die Abstandsregelung von 1,5 Metern, die auch in den Niederlanden gilt, war mehr Empfehlung als Regel und wurde kaum eingehalten.

Zwar gab es vor vielen Geschäften entsprechende Markierungen, doch diese waren oftmals sehr großzügig ausgelegt.

In Venlo lief es anders ab

Die Gefahr ein 390 Euro teures Bußgeld zu kassieren, um ein T-Shirt für drei Euro zu kaufen, wurde dafür von vielen billigend in Kauf genommen. Große Kontrollen waren dabei Fehlanzeige. Mund- und Nasenschutz sind derweil in den Niederlanden nicht verpflichtend, deshalb auch kaum bei einem City-Besucher zu sehen.

Anders sah dies beispielsweise vergangenen Donnerstag in Venlo aus, wo ein Ansturm von deutschen Shopping-Besuchern wegen des Feiertags Christi Himmelfahrt befürchtet worden war. Dieser Ansturm blieb aber in großen Teilen aus. Venlo hatte als Präventionsmaßnahme unter anderem Hütchen und Einbahnwege im Zentrum markiert.

Dennoch warnen Experten in den Niederlanden vor einer zweiten Welle des Coronavirus. „Ich habe keinen Glauben daran, dass das gut ausgehen wird“, sagte der Epidimologe Arnold Bosman den niederländischen Medien vor wenigen Tagen zu den Lockerungen, „außer man bleibt bei den radikalen Maßnahmen des Lockdowns, aber das tun wir nicht.“

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Bosman prangerte dabei an, dass Ärzte und Pfleger bereits jetzt an ihren Grenzen angekommen sein und eine zweite Corona-Welle ein deutliches schlimmeres Ausmaß bedeuten würde.

Zuletzt gab es nicht mehr als 300 Neuinfektionen mit dem Coronavirus pro Tag in den Niederlanden. Auch die Todesfälle sind drastisch zurückgegangen, lagen zuletzt bei weniger als 30 pro Tag.

Dies machte sich auf den Straßen bemerkbar. Zwischen den vielen Shopping-Besuchern wehte ein Hauch von Normalität, der gleichzeitig mit einer gewissen Sorglosigkeit einherging. Als ob es das Coronavirus in dieser Form nicht gegeben hätte und es wieder ganz normaler Alltag wäre.

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