NSU-Drohmails: Kriminologin warnt vor Nachahmern - “Ermittlungen erschwert”

Rechtsextremismus

Seit zwei Wochen sorgen die rechtsextremen Drohmails mit dem Kürzel "NSU 2.0" für Schlagzeilen. Die Täterfrage sei ungeklärt: Das ruft mögliche Trittbrettfahrer auf den Plan.

Gießen/Wiesbaden

22.07.2020, 09:45 Uhr / Lesedauer: 1 min
Britta Bannenberg, Rechtswissenschaftlerin und Kriminologin an der Universität Gießen.

Britta Bannenberg, Rechtswissenschaftlerin und Kriminologin an der Universität Gießen. © picture alliance/dpa

Die Serie von rechtsextremen Drohmails und die große Aufmerksamkeit dafür kann nach Experteneinschätzung leicht Nachahmungstäter auf den Plan rufen. “Die ganze Situation ist dazu angetan, dass sich eine Reihe von Trittbrettfahrern motiviert fühlen könnte, auf den Zug aufzuspringen”, sagte Britta Bannenberg, Kriminologin an der Universität Gießen, der Deutschen Presse-Agentur.

Das Thema sei hochaktuell und gehe bundesweit durch die Medien, die Täterfrage sei ungeklärt, und Verantwortliche in Politik und bei der Polizei gerieten unter Druck. Das seien alles Umstände, die manche Menschen zumindest zum Nachahmen motivieren könnten.

69 Drohschreiben mit “NSU-2.0″-Signatur bekannt

Solche Trittbrettfahrer wollten dann zwar nicht entdeckt werden, aber sie wollten mediale Aufmerksamkeit, erläuterte die Professorin. "Sie wollen mitmischen in einer virulenten, medienrelevanten Aktion. Sie haben vielleicht zum Teil persönliche Aggressionsmotive, vor allem aber genießen sie es, in der Deckung zu bleiben und trotzdem Unruhe zu verbreiten."

Die Umsetzung etwa von Drohungen sei nicht das Ziel in solchen Fällen, sondern eben für Angst, Schrecken und Unruhe zu sorgen. Das reiche bereits als Genugtuung.

Die Serie der rechtsextremen Drohschreiben an Politikerinnen und andere Personen des öffentlichen Lebens füllt seit Tagen die Schlagzeilen. Das hessische Landeskriminalamt hat nach Angaben von Innenminister Peter Beuth (CDU) mittlerweile Informationen über 69 Drohschreiben, die bundesweit mit dem Kürzel “NSU 2.0” (NSU für “Nationalsozialistischer Untergrund”) versendet wurden.

“Trittbrettfahrer erschweren jegliche strafrechtliche Ermittlung”

Verschickt wurden die Schreiben Beuth zufolge fast immer von einer gleichlautenden Absenderadresse. Bei drei Fällen sollen zuvor Personendaten von Empfängerinnen an hessischen Polizeicomputern abgefragt worden sein. Wer dahinter steckt, ist offen, ebenso die Frage nach möglichen Trittbrettfahrern.

Generell klar sei: "Trittbrettfahrer erschweren jegliche strafrechtliche Ermittlung", so Kriminologin Bannenberg. "Weil man diese Fälle zunächst mal auch ernst nehmen muss." Die zuständige Staatsanwaltschaft Frankfurt nannte bislang kaum Einzelheiten zu den Ermittlungen in der Drohmail-Affäre, sprach zuletzt aber von einem "dynamischen Geschehen".

RND/dpa