Nutzen von Astrazeneca „massiv überwiegend“: Das sagen Experten zur EMA-Entscheidung

Coronavirus

Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat sich dafür ausgesprochen, die Impfungen mit dem Corona-Vakzin von Astrazeneca fortzusetzen. Corona-Experten begrüßen diese Entscheidung.

Berlin

18.03.2021, 21:18 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat sich dafür ausgesprochen, die Impfungen mit dem Corona-Vakzin von Astrazeneca fortzusetzen.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat sich dafür ausgesprochen, die Impfungen mit dem Corona-Vakzin von Astrazeneca fortzusetzen. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat am Donnerstagnachmittag grundsätzlich grünes Licht für das Fortführen der Astrazeneca-Impfungen gegeben. Europaweit waren vereinzelt schwerwiegende Thrombose-Fälle im Zusammenhang mit dem Corona-Impfstoff AZD1222 des britisch-schwedischen Pharmakonzerns und der Oxford Universität aufgetreten. Nach Einschätzung der EMA gebe es keine Hinweise darauf, dass das Vakzin die Blutgerinnsel verursacht hat – ausgeschlossen sei es jedoch auch nicht.

„Unsere wissenschaftliche Haltung ist, dass dieser Impfstoff sicher ist und eine wirksame Möglichkeit ist, um Bürger vor Covid-19 zu schützen“, bekräftige EMA-Direktorin Emer Cooke. Die Schutzwirkung der Impfung überwiege die möglichen Risiken. Es werde allerdings eine extra Warnung vor Hirnvenenthrombosen bei den möglichen Nebenwirkungen aufgenommen.

Thrombosen mehrheitlich bei Frauen nachgewiesen

In Deutschland seien inzwischen 13 Fälle solcher gefährlicher Blutgerinnsel in Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zu den Astrazeneca-Impfungen diagnostiziert worden, gab das Bundesgesundheitsministerium in Berlin bekannt. Drei davon verliefen tödlich. Betroffen waren bisher zwölf Frauen und ein Mann zwischen 20 und 63 Jahren.

Bei den Corona-Impfungen in Deutschland kommt der Impfstoff von Astrazeneca wieder zum Einsatz. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte am Donnerstagabend in Berlin, der am Montag angeordnete vorläufige Stopp der Impfungen werde aufgehoben. Die Bundesregierung reagierte damit auf die Einschätzung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA), die das Mittel weiter als sicher einstuft. Der Aufklärungsbogen für Patienten soll aber angepasst werden.

Dritte Welle: Corona-Impfungen sind entscheidend

„Die Entscheidung der EMA, den Nutzen der Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin höher zu bewerten als die Risiken, ist richtig“, sagte Immunologe Dirk Brenner von der Universität Luxemburg dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Der Impfstoff habe sich als „hochwirksam“ herausgestellt. Er verhindere nicht nur effektiv, dass Geimpfte schwer an Covid-19 erkranken, sondern auch dass sie das Virus übertragen. „Gerade im Angesicht einer dritten Infektionswelle ist es wichtig, die Impfungen schnell wieder aufzunehmen, ansonsten drohen dadurch bedingte Todesfälle.“

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SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zeigte sich vom Urteil der EMA überzeugt. Ein Warnhinweis sei ausreichend, um auf ein mögliches Thromobose-Risiko hinzuweisen, schrieb der Epidemiologe in seinem Twitter-Account. Wegen der „fulminanten dritten Welle“ solle der Impfstoff in Deutschland so schnell wie möglich wieder eingesetzt werden. „Der Aufbau des Vertrauens kann dann gelingen“, so Lauterbach.

Eine spätere Feststellung der Kausalität halte er zwar für wahrscheinlich, der Nutzen des Impfstoffs sei aber „massiv überwiegend“. Gerade Ältere würden besonders stark vom Astrazeneca-Impfstoff profitieren, ihr Risiko durch Covid-19 sei hoch. „Daher sollte ihre Impfung in den Vordergrund“, meint Lauterbach.

DIVI: „Das Vertrauen in den Impfstoff hat jetzt leider stark gelitten“

Auch die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) begrüßt die EMA-Entscheidung. „Jetzt muss jede Impfdosis so schnell wie möglich verimpft werden, um vor allem schwere Verläufe durch Covid-19 mit intensivmedizinischer Behandlung oder gar Tod zu verhindern“, wird der Divi-Vorsitzende Gernot Marx in einem Statement zitiert. Jeder Mensch, der bereits die erste Impfung mit diesem Wirkstoff bekommen habe, könne sich zu 80 Prozent sicher sein, wenn, dann nur mit milden Symptomen zu erkranken.

„Das Vertrauen in den Impfstoff hat jetzt leider stark gelitten“, betont Marx. „Es wäre daher sicher eine gute Möglichkeit, Astrazeneca für Freiwillige zur Verfügung zu stellen, die keine Angst haben und in der Impfreihenfolge aber noch gar nicht berücksichtigt werden.“ Zudem eigne sich der Impfstoff hervorragend, um die Hausärzte in die Strategie mit einzubinden. „Wir können damit jetzt deutlich schneller werden“, ist der Vorsitzende der Intensivmediziner überzeugt.

EMA-Entscheidung verschafft Klarheit über Sicherheit des Impfstoffes

Theodor Dingermann, Pharmazeut und Arzneimittel-Experte aus Frankfurt, ist von der EMA-Entscheidung nicht überrascht. Es sei schnell gehandelt und auch eine Entscheidung getroffen worden. Es sei sehr klar, dass der Nutzen durch den Impfstoff um ein Vielfaches höher sei als das Risiko. Man müsse das EMA-Urteil als eine vorläufige Entscheidung sehen. „Es ist für uns Pharmazeuten extrem wichtig, dass Impfstoffe nicht nur wirksam, sondern auch sicher sind“, sagte Dingermann im RND-Gespräch. „Wenn hier Zweifel auftauchen, dann müssen die Zweifel ausgeräumt werden.“ Er selbst, 72 Jahre alt, würde ganz klar diesen Impfstoff nehmen.

„Insgesamt kann klar bestätigt werden, dass der Nutzen einer Corona-Impfung mit AZD1222 das Risiko einer sehr seltenen thromboembolischen Komplikation überwiegt“, machte Prof. Clemens Wendtner, Infektiologe an der München Klinik Schwabing, gegenüber dem RND deutlich. „Durch das Votum der EMA besteht nun Klarheit über die Sicherheit dieses Impfstoffes, der nach dem Sicherheitsstopp nunmehr mit hohem Tempo verimpft werden sollte, um das eigentlich Risiko, nämlich zum Teil schweren medizinischen Schaden durch Covid-19 zu nehmen, effizient zu verhindern.“

MRHA: Auch venöse Thromboembolien stehen nicht in Verbindung mit Impfstoff

Die britische Arzneimittelbehörde MRHA rief ebenfalls dazu auf, sich weiterhin mit dem Astrazenca-Vakzin impfen zu lassen. Sie hatte zuvor Fälle von venöse Thromboembolien – also Blutgerinnseln in den Venen – analysiert, die ebenfalls im Zusammenhang mit dem Impfstoff aufgetreten waren.

„Unsere Überprüfung hat ergeben, dass die verfügbaren Belege nicht darauf hindeuten, dass Blutgerinnsel durch den Impfstoff von Astrazeneca verursacht werden“, wird Prof. Sir Munir Pirmohamed, Vorsitzender der Kommission für Humanarzneimittel, in einer Stellungnahme der MRHA zitiert. Berichte über Hirnvenenthrombosen würden weiterhin genau beobachtet werden, „um zu verstehen, ob es einen möglichen Zusammenhang gibt“.

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